besetzung von ay lav yu

besetzung von ay lav yu

Wer im Jahr 2010 in ein deutsches Programmkino oder in ein türkisches Lichtspielhaus stolperte, erwartete vermutlich die übliche Kost einer Culture-Clash-Komödie. Man dachte an harmlose Witze über Ziegen, Amerikaner, die sich im anatolischen Staub verirren, und die obligatorische Liebesgeschichte, die alle Gräben überbrückt. Doch dieser Film von und mit Sermiyan Midyat war von Anfang an ein trojanisches Pferd. Das eigentliche Experiment fand nicht im Drehbuch statt, sondern in der Besetzung Von Ay Lav Yu, die ein Wagnis einging, das die damalige Filmwelt in der Türkei und darüber hinaus komplett unterschätzte. Es ging nicht nur darum, ein paar Hollywood-Gesichter für das Prestige zu mieten. Es war der Versuch, eine universelle Sprache der Absurdität zu etablieren, die nationale Grenzen nicht nur verspottet, sondern schlichtweg ignoriert.

Wenn man heute auf das Werk blickt, erkennt man eine tiefere Ebene der Rebellion. Die meisten Zuschauer sahen in der Verpflichtung von Steve Guttenberg oder Mariel Hemingway lediglich einen PR-Gag, um die internationale Vermarktung anzukurbeln. Das ist jedoch zu kurz gedacht. Die Besetzung war das Argument an sich. Midyat wollte zeigen, dass die Provinz Tinne – ein Ort, der buchstäblich „nichts“ bedeutet – das Zentrum der Welt sein kann, wenn man die richtigen Menschen dort platziert. Er brach mit der Tradition des türkischen Kinos, das entweder tiefmelancholisch oder klamaukig-lokal war. Er brachte das „Andere“ direkt in das Herz der anatolischen Einöde, ohne es zu karikieren oder als überlegen darzustellen. Die Amerikaner in diesem Film sind genauso verloren und fehlgeleitet wie die Dorfbewohner. Das ist die eigentliche Pointe, die viele Kritiker damals übersahen.

Die versteckte politische Sprengkraft in der Besetzung Von Ay Lav Yu

Man muss sich die politische Gemengelage der späten 2000er Jahre vor Augen führen, um die Tragweite dieser Entscheidung zu begreifen. In einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen dem Westen und dem Nahen Osten oft nur durch die Brille von Konflikten und tiefem Misstrauen betrachtet wurde, wirkte dieses Ensemble fast schon naiv. Aber genau in dieser Naivität lag die Kraft. Die Besetzung Von Ay Lav Yu fungierte als diplomatisches Korps. Steve Guttenberg, der Inbegriff des amerikanischen Saubermanns aus der Police-Academy-Ära, im Zusammenspiel mit lokalen Größen wie Fadik Sevin Atasoy zu sehen, war ein visueller Schockmoment. Es war eine bewusste Dekonstruktion des Feindbildes.

Skeptiker werfen dem Film oft vor, er sei zu oberflächlich und bediene sich platter Stereotypen auf beiden Seiten. Man könnte meinen, die US-Schauspieler wirkten wie Fremdkörper im staubigen Dorfset. Doch genau dieser Kontrast ist die Essenz der Erzählung. Die Fremdheit ist kein handwerklicher Fehler, sondern die zentrale Botschaft. Wenn Guttenberg als Christopher mit einer Mischung aus Optimismus und völliger Ahnungslosigkeit durch das Dorf wandert, spiegelt er die westliche Außenpolitik jener Jahre wider, allerdings ohne den bitteren Beigeschmack der Aggression. Er ist der wohlmeinende Narr. Midyat nutzt diese Dynamik, um die Arroganz der Karte zu entlarven: Nur weil ein Ort nicht auf der Landkarte verzeichnet ist, bedeutet das nicht, dass die Menschen dort keine Existenzberechtigung haben.

Hollywoods vergessene Gesichter als Spiegel der Provinz

Die Wahl von Mariel Hemingway und Steve Guttenberg war kein Zufall und auch keine bloße Budgetfrage. Diese Schauspieler stehen für eine bestimmte Ära des amerikanischen Kinos, die von Hoffnung und einer gewissen Unschuld geprägt war. Sie in ein Dorf zu verpflanzen, das offiziell gar nicht existiert, erzeugt eine surreale Atmosphäre, die weit über den Humor hinausgeht. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie diese Zusammenarbeit am Set ausgesehen haben muss. Sprachbarrieren, unterschiedliche Schauspielschulen und die Hitze des Drehorts verschmolzen zu einer Realität, die das fiktive Dorf Tinne zum Leben erweckte. Hier wurde nicht nur ein Film gedreht, hier wurde eine temporäre Gesellschaft simuliert.

Diese personelle Konstellation zwang das Publikum, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen. In der Türkei wurde der Film oft als Komödie wahrgenommen, in der sich das Dorf nach Anerkennung sehnt. Aber für einen internationalen Beobachter ist es eher eine Parabel über die globale Ignoranz. Die schauspielerische Leistung der Beteiligten ist dabei fast zweitrangig gegenüber der Tatsache ihrer bloßen Präsenz. Dass ein Oscar-Nominierter und ein Blockbuster-Star der 80er Jahre neben kurdischen und türkischen Darstellern agieren, egalisierte die Machtverhältnisse auf der Leinwand. Es gab kein Oben und Unten mehr, nur noch ein gemeinsames Chaos.

Eine neue Definition von Globalisierung im Kino

Oft wird behauptet, Globalisierung im Film bedeute, dass lokale Geschichten für den Weltmarkt glattgebügelt werden. Dieser Film beweist das Gegenteil. Er bleibt in seinen Wurzeln so spezifisch und lokal, dass er gerade dadurch universell wird. Die Besetzung dient hierbei als Brücke, die nicht zur Assimilation führt, sondern zur Koexistenz des Absurden. Es geht nicht darum, dass die Amerikaner die Sprache des Dorfes lernen oder umgekehrt. Es geht darum, dass sie trotz des Unverständnisses am selben Tisch sitzen. Das ist eine radikale Abkehr von der klassischen Integrationserzählung, die wir sonst aus dem Kino kennen.

Man kann die Bedeutung dieses Projekts kaum überschätzen, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, solche Produktionen zu finanzieren. Es gab damals viele Stimmen, die sagten, man solle das Geld lieber in ein rein lokales Ensemble stecken oder einen rein englischsprachigen Film für den Export drehen. Midyat entschied sich für den dritten Weg, den schwierigen Weg der Mischform. Er vertraute darauf, dass die Chemie zwischen den Akteuren ausreichen würde, um die Lücken im kulturellen Verständnis zu füllen. Und er behielt recht. Das Zusammenspiel funktioniert auf einer menschlichen Ebene, die keiner Übersetzung bedarf. Es ist die reine Freude am Spiel, die hier den Sieg über die Bürokratie der Identität davonträgt.

Die Nachhaltigkeit dieser Herangehensweise zeigt sich in der Art und Weise, wie wir heute über internationale Koproduktionen denken. Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass Stars aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten, aber damals war es ein echter Bruch mit den Sehgewohnheiten. Es erforderte Mut von den US-Schauspielern, sich auf ein Projekt einzulassen, dessen kultureller Kontext ihnen vermutlich völlig fremd war. Und es erforderte Mut vom Regisseur, sein Herzensprojekt der Gefahr auszusetzen, als billiger Abklatsch Hollywoods missverstanden zu werden.

Die eigentliche Wahrheit über dieses Werk liegt in der Erkenntnis, dass Anerkennung kein bürokratischer Akt ist, der durch einen Stempel auf einer Landkarte erfolgt. Anerkennung geschieht durch das Gesicht des Gegenübers, durch den Blickkontakt zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch im selben staubigen Nirgendwo festsitzen. Wer den Film nur als nette Komödie abtut, verkennt die scharfe Kritik an einer Weltordnung, die Orte und Menschen einfach ausradiert, wenn sie nicht ins Raster passen. Das Ensemble hat diese Unsichtbarkeit sichtbar gemacht.

Wahre Zugehörigkeit entsteht nicht durch die offizielle Registrierung eines Dorfes, sondern durch die radikale Akzeptanz, dass wir am Ende alle nur Statisten in einer Komödie sind, deren Regie wir nicht führen.

TK

Tobias Koch

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Tobias Koch Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.