der marsianer - rettet mark watney

der marsianer - rettet mark watney

Man stelle sich vor, ein Mann überlebt auf einem Planeten, der ihn in jeder Sekunde aktiv umbringen will, und das Publikum verlässt das Kino mit einem Gefühl wohliger Sicherheit. Das ist die bizarre Realität, die uns das Werk Der Marsianer - Rettet Mark Watney beschert hat. Während die meisten Menschen in diesem Epos eine Feier des menschlichen Erfindergeistes und eine fast schon dokumentarische Genauigkeit sehen, verschleiert der Film eine viel unbequemere Wahrheit über unsere Beziehung zur Wissenschaft. Wir haben uns an eine Form des kompetenten Optimismus gewöhnt, die so reibungslos funktioniert, dass sie die tatsächlichen Risiken der interplanetaren Exploration nicht etwa erklärt, sondern fast schon banalisiert. Mark Watney ist kein zerbrechlicher Mensch in einer feindlichen Leere, er ist ein Ingenieur in einem perfekt konstruierten Videospiel, dessen Regeln wir zu kennen glauben.

Diese Erzählung hat unser Bild von der Raumfahrt nachhaltig verzerrt. In Deutschland, wo Technikaffinität oft mit einer tiefen Skepsis gegenüber unkalkulierbaren Risiken einhergeht, wurde die Geschichte als Beweis gefeiert, dass man jedes Problem lösen kann, wenn man nur genug Mathe betreibt. Doch genau hier liegt der Hund begraben. Die Geschichte suggeriert, dass das Universum eine logische Gleichung ist, die stets aufgeht. In Wahrheit ist der Weltraum jedoch kein Labor, sondern ein Ort des Chaos, an dem die brillanteste Logik an einem simplen Körnchen Staub scheitern kann. Die Akribie, mit der die NASA im Film als unfehlbare Rettungsmaschinerie dargestellt wird, füttert eine gefährliche Selbstzufriedenheit. Wir glauben, wir seien bereit für den Mars, weil wir gesehen haben, wie man dort Kartoffeln züchtet.

Die gefährliche Illusion der totalen Berechenbarkeit in Der Marsianer - Rettet Mark Watney

Wenn wir über dieses Werk sprechen, müssen wir über das Missverständnis der Redundanz reden. In der echten Luft- und Raumfahrt, wie sie beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) oder der ESA praktiziert wird, ist Sicherheit ein zermürbender Prozess aus Zweifeln und permanentem Scheitern. Die filmische Darstellung von Der Marsianer - Rettet Mark Watney hingegen macht aus der Wissenschaft eine Art Superkraft, die fast schon magische Züge annimmt. Jedes Mal, wenn eine Komponente versagt, gibt es eine saubere, lineare Lösung. Das ist unterhaltsam, aber es erzieht ein Publikum dazu, echte wissenschaftliche Rückschläge als bloßes Versagen von Kompetenz zu interpretieren, statt als systemimmanente Unvorhersehbarkeit.

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Skeptiker werden nun einwenden, dass gerade die Bodenständigkeit der Technik den Reiz ausmacht. Sie sagen, es sei der erste „echte“ Science-Fiction-Film, der ohne Warp-Antriebe und Aliens auskommt. Das stimmt zwar auf der visuellen Ebene, doch auf der psychologischen Ebene ist die Erzählung so weit von der Realität entfernt wie Star Wars. Die psychische Belastung der Isolation wird mit ein paar lockeren Sprüchen und einer Vorliebe für Disco-Musik abgetan. Wer jemals Berichte von Polarforschern oder Astronauten auf der ISS gelesen hat, weiß, dass die menschliche Psyche nicht so funktioniert. Die Einsamkeit ist kein Hintergrundrauschen für Witze, sie ist ein struktureller Defekt, der die Urteilskraft zersetzt. Indem wir die emotionale Verwüstung ausklammern, verkaufen wir eine Version des Mars, die den Menschen als unkaputtbare Maschine darstellt.

Die Mathematik als falscher Heiland

In der Mitte der Handlung steht die Idee, dass man sich aus der Scheiße „rausrechnen“ kann. Das klingt heroisch. Es passt in unser modernes Weltbild, in dem Daten die Antwort auf alle Fragen sind. Doch die Realität der Raumfahrt ist oft die Geschichte von Dingen, die man eben nicht berechnen konnte. Man denke an die Mars-Climate-Orbiter-Mission von 1999, die verloren ging, weil ein Team im englischen System und das andere im metrischen System rechnete. Ein trivialer Fehler, der hunderte Millionen Dollar kostete. In der Welt von Mark Watney passieren solche Dinge nur, um den Plot voranzutreiben, niemals als die endgültige, unerbittliche Endstation, die sie in der Realität wären. Wir konsumieren diese Kompetenz-Pornografie und verlieren dabei den Respekt vor der schieren Grausamkeit des Vakuums.

Es gibt einen Moment in der Produktion, in dem klar wird, wie sehr die Fiktion die Realität dominiert. Die NASA hat das Projekt massiv unterstützt, was PR-technisch ein Geniestreich war. Aber es hat auch dazu geführt, dass die Behörde nun an einem Standard gemessen wird, den sie niemals erfüllen kann. Die Öffentlichkeit erwartet jetzt den „Watney-Moment“, wenn bei einer echten Mission etwas schiefgeht. Aber es wird keinen McGyver geben, der mit Klebeband und Chemie-Grundwissen eine explodierende Luftschleuse flickt. Wenn dort oben etwas reißt, ist es vorbei. Diese Endgültigkeit wird in der populären Wahrnehmung durch den Erfolg des Films weichgezeichnet.

Warum wir den Schmutz und das Scheitern wieder brauchen

Man muss sich fragen, was diese Fixierung auf die technische Lösung mit unserer Innovationskraft macht. Wenn wir glauben, dass alles bereits im Vorfeld durchsimuliert und gelöst werden kann, verlieren wir den Mut zum echten Experiment. Der echte Mars wird nicht durch einen einsamen Botaniker bezwungen werden, sondern durch eine kollektive Anstrengung, die wahrscheinlich Opfer fordern wird. Diese Opferbereitschaft ist in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch vorhanden, weil uns Geschichten wie Der Marsianer - Rettet Mark Watney suggerieren, dass es immer einen Ausweg gibt. Wir haben die Tragik aus der Entdeckung gestrichen und sie durch Projektmanagement ersetzt.

Ich habe oft mit Ingenieuren über diesen Film gesprochen. Sie lieben ihn wegen der Details, aber sie fürchten ihn wegen der Erwartungshaltung, die er weckt. Es ist ein bisschen wie bei Arztserien, nach denen Patienten glauben, sie könnten ihren Chirurgen erklären, wie eine Operation abläuft. Die Komplexität eines Lebenserhaltungssystems lässt sich nicht in einer Montage von zwei Minuten erklären. Wenn wir die Raumfahrt als ein lösbares Puzzle betrachten, entziehen wir ihr die philosophische Tiefe. Es geht nicht nur darum, wie wir überleben, sondern warum wir uns dieser Gefahr überhaupt aussetzen, wenn das Scheitern eine so reale und nicht korrigierbare Option ist.

Die wahre Gefahr ist, dass wir den Mars für einen Ort halten, den wir bereits gezähmt haben, bevor wir überhaupt dort gelandet sind. Wir haben die Karte mit dem Territorium verwechselt, nur weil die Karte so verdammt hochauflösend und mit coolen Sprüchen beschriftet war. Der Mars wird uns nicht mit logischen Rätseln prüfen, sondern mit einer Gleichgültigkeit, die keine Pointe kennt.

Wenn wir Mark Watney retten, retten wir in Wahrheit nur unsere eigene Illusion von Unbesiegbarkeit.

TK

Tobias Koch

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Tobias Koch Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.