der schlechteste mensch der welt

der schlechteste mensch der welt

Das Kopfsteinpflaster von Oslo glänzt unter dem fahlen Licht der nordischen Sommernacht, jener eigentümlichen Zeit des Jahres, in der die Sonne sich weigert, ganz unterzugehen, und die Schatten in einem ewigen, bläulichen Zwielicht verharren. Julie steht auf einer Party, ein Glas Wein in der Hand, umgeben von Menschen, die scheinbar genau wissen, wer sie sind und wohin sie gehen. Sie ist dreißig, oder fast dreißig, ein Alter, das sich wie eine unsichtbare Ziellinie anfühlt, hinter der das eigentliche Leben beginnen sollte. Doch Julie spürt nur eine lähmende Leere, ein Rauschen im Kopf, das lauter ist als die Gespräche um sie herum. In diesem Moment der absoluten Isolation innerhalb einer Menge beginnt die Erzählung von Der Schlechteste Mensch Der Welt, ein Titel, der weniger eine moralische Verurteilung darstellt als vielmehr das bittere Selbsturteil einer Generation, die an der Last ihrer eigenen Möglichkeiten zu ersticken droht. Es ist die Geschichte einer Frau, die das Glück sucht und dabei ständig über ihre eigene Unentschlossenheit stolpert, eine Odyssee durch die moderne Psyche, die uns fragt, ob wir jemals wirklich ankommen können.

Die Kamera von Joachim Trier fängt Julie nicht als Heldin ein, sondern als eine Suchende, die ihre Identität wie ein Kleidungsstück wechselt, das nie ganz passt. Zuerst studiert sie Medizin, weil ihre Noten es zulassen und das Prestige lockt. Dann wechselt sie zur Psychologie, weil der Geist faszinierender scheint als der Körper. Schließlich landet sie bei der Fotografie, nur um festzustellen, dass auch das Festhalten von Momenten die eigene Vergänglichkeit nicht heilt. Diese Sprunghaftigkeit ist kein Zeichen von Leichtsinn, sondern Ausdruck einer tiefen existenziellen Angst. In einer Welt, in der jede Entscheidung den Ausschluss von tausend anderen Lebenswegen bedeutet, wird die Wahl zur Qual. Wir sehen Julie in ihrer kleinen Wohnung, das Licht des Bildschirms spiegelt sich in ihren Augen, während sie durch die Leben anderer scrollt, die alle so viel fertiger, so viel entschlossener wirken als ihr eigenes.

Es gibt eine Szene, die das Wesen dieser inneren Zerrissenheit perfekt einfischt. Julie ist mit Aksel zusammen, einem erfolgreichen Comiczeichner, der älter ist als sie und dessen Leben bereits feste Konturen hat. Er will Kinder, er will Stabilität, er will ein Fundament. Julie hingegen fühlt sich in dieser Sicherheit wie in einem Käfig. Als sie eines Abends allein durch die Straßen wandert, schleicht sie sich auf eine Hochzeit, auf die sie nicht eingeladen ist. Dort trifft sie Eivind. Sie verbringen die Nacht damit, die Grenzen der Treue auszuloten, ohne sie technisch gesehen zu überschreiten – sie riechen aneinander, teilen intime Geständnisse, beobachten sich beim Urinieren. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, ein verzweifelter Versuch, sich wieder lebendig zu fühlen, der schließlich dazu führt, dass sie Aksel verlässt. In ihrem eigenen Empfinden macht sie das zur Schurkin ihrer eigenen Geschichte, zu jemandem, der zerstört, was gut ist, nur um eine flüchtige Intensität zu erhaschen.

Die Lähmung der unendlichen Freiheit in Der Schlechteste Mensch Der Welt

Das Kino hat uns oft beigebracht, dass Selbstfindung ein geradliniger Prozess ist, ein Weg von A nach B, an dessen Ende die Erleuchtung oder zumindest die Zufriedenheit steht. Trier bricht mit dieser Konvention radikal. Er zeigt uns, dass Freiheit nicht nur Befreiung bedeutet, sondern auch eine enorme Bürde sein kann. In der deutschen Soziologie sprach man oft von der Multioptionsgesellschaft, einem Begriff, der in den 1990er Jahren populär wurde und heute relevanter ist denn je. Julie ist das Gesicht dieser Gesellschaft. Sie leidet nicht an einem Mangel an Ressourcen, sondern an einem Übermaß an Freiheit. Wenn alles möglich ist, verliert das Einzelne an Wert. Das Gefühl, Der Schlechteste Mensch Der Welt zu sein, rührt daher, dass sie die Erwartungen einer Gesellschaft, die auf Optimierung und Erfolg getrimmt ist, nicht erfüllen kann – oder will.

Dieses Unbehagen ist kein rein norwegisches Phänomen. Man findet es in den Cafés von Berlin-Mitte, in den Co-Working-Spaces von London und den Apartmentanlagen von Brooklyn. Es ist das kollektive Seufzen einer Alterskohorte, die mit dem Versprechen aufgewachsen ist, sie könne alles werden, nur um festzustellen, dass das „Alles“ oft ein „Nichts“ bedeutet, wenn die innere Richtung fehlt. Aksel repräsentiert in diesem Gefüge die Vergangenheit – eine Welt, in der Dinge noch physisch waren, in der man Schallplatten sammelte und Comics auf Papier zeichnete. Er ist verankert in einer Zeit, die langsam verschwindet. Julie hingegen ist die flüchtige Gegenwart, digital, unverbindlich, ständig im Fluss. Der Schmerz, den ihre Trennung verursacht, ist nicht nur ein privates Drama, sondern das Aufeinanderprallen zweier Epochen.

Die visuelle Sprache des Films unterstreicht diese Ambivalenz. In einem der berühmtesten Momente steht die Zeit in ganz Oslo still. Julie betätigt einen Lichtschalter in ihrer Wohnung, und plötzlich gefriert die Welt um sie herum. Passanten verharren im Schritt, Autos bleiben mitten auf der Kreuzung stehen, Vögel hängen reglos am Himmel. Nur Julie bewegt sich. Sie läuft durch die erstarrte Stadt zu Eivind, dem Mann, der für sie das Neue, das Unverbrauchte verkörpert. Es ist eine Sequenz von berauschender Schönheit, die den Wunsch nach einer Pause vom linearen Vergehen der Zeit artikuliert. Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, die Welt anzuhalten, um in Ruhe über den nächsten Schritt nachzudenken, ohne dass die Uhr unerbittlich weitertickt? Doch auch dieser magische Moment endet, die Zeit setzt wieder ein, und mit ihr kehren die Konsequenzen zurück.

Die Zerbrechlichkeit der biologischen Uhr

Inmitten dieser philosophischen Fragen taucht ein sehr konkretes, fast brutales Thema auf: die Biologie. Für Frauen in Julies Alter ist die Freiheit der Wahl oft durch eine unsichtbare Sanduhr begrenzt. Während Männer wie Aksel oder Eivind ihre Vaterschaft oft weit in die Zukunft schieben können, spürt Julie den Druck der Jahre. Dieser Druck wird nicht immer laut ausgesprochen, aber er ist da, in den Blicken ihrer Mutter, in den Gesprächen mit Freundinnen, die bereits Kinderwagen durch die Parks schieben. Es ist eine zusätzliche Schicht der Entfremdung. Julie liebt ihre Freiheit, aber sie fürchtet auch die Einsamkeit, die am Ende eines Lebens stehen könnte, das nur aus Selbstverwirklichung bestand.

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Diese Spannung wird besonders deutlich, als Aksel schwer erkrankt. Die Rollen verschieben sich. Der Mann, der einst die feste Säule in ihrem Leben war, wird hinfällig. In den Gesprächen am Krankenbett wird die Oberflächlichkeit ihrer Suche nach dem „nächsten Kick“ entlarvt. Aksel reflektiert über sein Leben und seine Kunst, und Julie erkennt, dass er trotz aller Konflikte etwas hinterlassen hat – eine Spur in der Welt. Sie hingegen fühlt sich immer noch wie eine Zuschauerin ihres eigenen Lebens. Hier erreicht die Erzählung eine Tiefe, die weit über eine romantische Komödie hinausgeht. Es geht um die Endlichkeit und die Frage, was am Ende wirklich zählt: die Intensität der Momente oder die Beständigkeit der Bindungen.

Zwischen Stillstand und Aufbruch

Julie ist keine Sympathieträgerin im klassischen Sinne. Sie lügt, sie betrügt, sie ist oft egozentrisch. Und doch identifizieren wir uns mit ihr, weil ihre Fehler so zutiefst menschlich sind. Wir leben in einer Kultur, die Perfektion fordert – den perfekten Körper, die perfekte Karriere, die perfekte Beziehung. Wenn wir scheitern, fühlen wir uns wie Versager. Der Titel Der Schlechteste Mensch Der Welt fängt diese paradoxe Mischung aus Selbsthass und Größenwahn ein. Es ist die Hyperbel eines Menschen, der sich so wichtig nimmt, dass er glaubt, sein emotionales Chaos sei eine Katastrophe von weltweitem Ausmaß. Dabei ist es einfach nur das Leben.

Die Beziehung zu ihrem Vater ist ein weiterer Schlüssel zum Verständnis ihres Charakters. Er ist ein Mann, der physisch anwesend, aber emotional völlig abwesend ist. Er erinnert sich nicht an ihre Texte, er zeigt kein Interesse an ihrem Leben, er hat eine neue Familie, in der für Julie kaum Platz zu sein scheint. Diese Wunde der Nichtbeachtung treibt sie vielleicht dazu, ständig Bestätigung in neuen Romanzen zu suchen. Wenn der erste Mensch, der uns lieben sollte, uns nicht sieht, verbringen wir den Rest unseres Lebens damit, in den Augen von Fremden nach unserem Spiegelbild zu suchen. Es ist ein vergebliches Unterfangen, da Liebe keine Bestätigung der eigenen Existenz sein kann, sondern eine Begegnung zweier bereits existierender Individuen sein sollte.

Das Ende der Geschichte bietet keine einfache Lösung. Es gibt kein glückliches Paar, das in den Sonnenuntergang reitet, und keine plötzliche Karriere-Erleuchtung. Stattdessen finden wir Julie in einem Moment der Stille. Sie arbeitet nun als Standfotografin an einem Filmset. Sie beobachtet andere, wie sie Geschichten spielen, während sie selbst am Rand steht und den richtigen Moment für den Auslöser abwartet. Es ist eine Position der Akzeptanz. Sie hat aufgehört, die Hauptdarstellerin in einem Drama sein zu wollen, das sie nicht kontrollieren kann. Es gibt eine gewisse Melancholie in diesem Bild, aber auch einen tiefen Frieden. Sie ist nicht mehr auf der Flucht vor sich selbst.

Die Geschichte von Julie ist am Ende die Geschichte von uns allen, die wir im 21. Jahrhundert versuchen, einen Sinn in der Beliebigkeit zu finden. Wir sind gefangen zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und der Sucht nach Freiheit. Wir wollen alles behalten und nichts verlieren, ohne zu merken, dass das Leben aus ständigen Verlusten besteht. Jeder gewonnene Tag ist ein verlorener Tag an Jugend, jede getroffene Wahl ist ein Abschied von einer anderen Möglichkeit. Doch in dieser Endlichkeit liegt auch die Schönheit. Erst wenn wir akzeptieren, dass wir nicht perfekt sein müssen und dass wir nicht die schlechtesten Menschen der Welt sind, nur weil wir uns manchmal verlaufen, können wir anfangen, wirklich zu atmen.

Die Schatten in Oslo sind jetzt länger geworden, die Nacht ist fast vorbei, und ein kühler Wind zieht vom Fjord herauf in die Stadt. Julie sitzt allein an ihrem Schreibtisch und betrachtet die Fotos auf ihrem Monitor. Sie sieht ein Gesicht, das kurz davor ist, zu lachen oder zu weinen, man kann es nicht genau sagen. Es ist ein flüchtiger Ausdruck, eingefangen in einem Bruchteil einer Sekunde, bevor die Welt sich weiterdrehte. Sie klickt auf Speichern, lehnt sich zurück und schaut aus dem Fenster, wo der erste Strahl der Morgensonne die Spitzen der Kräne im Hafen berührt. In diesem Augenblick ist sie einfach nur da, ein Teil des Ganzen, weder besser noch schlechter als all die anderen Seelen, die gerade erst erwachen.

TK

Tobias Koch

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Tobias Koch Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.