Das Licht fällt an diesem grauen Novembermorgen schräg durch die Fensterscheibe des kleinen Cafés am Rand von Berlin-Neukölln und zeichnet feine Linien auf den Holztisch, an dem ein Mann sitzt und nervös an seinem Kaffeelöffel dreht. Er schaut nicht auf sein Handy, er schaut auf die Menschen, die an ihm vorbeigehen, und bei jedem Blick, den ein Fremder länger als zwei Sekunden auf ihn richtet, spannt sich sein Kiefer ein wenig mehr an. In einer Welt, in der jede Abweichung von der Norm sofort registriert wird, fühlt sich plötzlich jeder verdächtiger an, als er es je zuvor war, und dieser leise, fast unmerkliche Wandel in unserer Wahrnehmung verändert die Art und Weise, wie wir durch die Straßen gehen, wie wir atmen, wie wir einander begegnen. Es ist kein sprunghafter Umbruch, sondern ein langsames Einsickern des Misstrauens in die Ritzen des alltäglichen Miteinanders, das uns vergessen lässt, wie sich Unbeschwertheit überhaupt anfühlt.
Wir haben uns an eine Kultur gewöhnt, in der die Kamera das Auge ersetzt und der Verdacht die Standardeinstellung des menschlichen Sehens geworden ist. Vor wenigen Jahrzehnten noch war der öffentliche Raum ein Ort der anonymen Freiheit, in dem man sich verlieren durfte, ohne dass jede Bewegung sogleich vermessen, bewertet oder in einen algorithmischen Kontext übersetzt wurde. Heute schwingt in jedem herrenlosen Koffer am Bahnhof, in jeder unerklärlichen Kontoführung und in jedem ungewohnten Akzent im Treppenhaus eine unterschwellige Bedrohung mit, die von Überwachungskameras und Sicherheitsversprechen genährt wird. Die Soziologie spricht von einer Risikogesellschaft, doch hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich eine sehr intime, menschliche Erschöpfung. Wenn Sicherheit das höchste aller Güter wird, verkümmert das Vertrauen zu einem naiven Luxus, den sich niemand mehr leisten kann, ohne als fahrlässig zu gelten. Wenn Ihnen dieser Artikel zugesagt hat, empfehlen wir auch lesen: diesen verwandten Artikel.
Wenn das Menschliche im Raster als verdächtiger erscheint
Die Kriminalpsychologie zeigt uns seit Langem, dass unser Gehirn evolutionär darauf programmiert ist, Gefahren blitzschnell zu erkennen, doch die moderne Umwelt überlastet diesen uralten Mechanismus systematisch. Ein Mensch, der an einer Straßenecke kurz zögert, weil er den Weg sucht, wird in den Augen eines Beobachters, der auf ständige Alarmbereitschaft geeicht ist, zu einer Chiffre für Gefahr. Dieser Mechanismus entfaltet seine zerstörerischste Kraft dort, wo er unbemerkt bleibt, nämlich in den automatisierten Mustern unserer Urteilskraft.
Forschungen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung belegen, wie stark unser Bauchgefühl durch die ständige Präsenz von Warnhinweisen und medialer Krisenberichterstattung manipuliert wird. Wir sehen Gesichter nicht mehr als Gesichter, sondern als potenzielle Risikofaktoren. Wenn eine Nachbarschaft ihr Gesicht verändert, wenn neue Sprachen im Hinterhof gesprochen werden oder wenn die vertrauten Routinen des Alltags durch unvorhersehbare Ereignisse gestört werden, schaltet das Bewusstsein sofort auf Abwehr. Das Leben wird zu einem ständigen Screening, bei dem jede Handlung darauf abgeklopft wird, ob sie den strengen Normen der Normalität entspricht. Analysten bei Vogue Deutschland haben sich ebenfalls geäußert zu dieser Frage.
Es gibt eine tiefe Einsamkeit, die aus diesem permanenten Zustand der Wachsamkeit erwächst. Wer in jedem Nachbarn einen potenziellen Störenfried und in jedem Fremden ein Rätsel sieht, das es zu lösen gilt, beraubt sich selbst der wunderbaren, ungeplanten Begegnung, die das urbane Leben einst so reich gemacht hat. Die deutsche Kultur mit ihrer historischen und tief verwurzelten Skepsis gegenüber staatlicher und gesellschaftlicher Intransparenz besitzt ohnehin eine feine Antenne für das Abweichende, doch was wir gegenwärtig erleben, sprengt den Rahmen der gesunden Vorsicht. Es ist kein Schutz mehr, sondern eine paranoide Verengung des Horizonts.
Man muss sich nur vor Augen führen, wie die Architektur unserer Städte auf diese Entwicklung reagiert. Bänke werden so gebaut, dass man nicht mehr darauf liegen kann, Plätze werden videoklumpiert, und private Sicherheitsdienste patrouillieren in Wohngebieten, die früher als Musterbeispiele bürgerlicher Idylle galten. Jede dieser baulichen Maßnahmen sendet eine Botschaft aus, die sich tief in unser Unterbewusstsein gräbt: Traue niemandem, am wenigsten dir selbst und deinen Regungen. Die Stadt spricht eine Sprache der Abwehr, und die Menschen lernen diese Sprache fließend zu sprechen.
Dabei sehnen wir uns doch alle nach dem Gegenteil. In zahllosen psychologischen Praxen berichten Menschen von einer diffusen Angst, die sie nicht genau benennen können, weil sie keine konkrete Krise durchleben, sondern unter dem ständigen Druck der mentalen Aufrüstung leiden. Es ist das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, selbst wenn keine Kamera auf einen gerichtet ist, weil der innere Beobachter längst übernommen hat. Dieser innere Zensor korrigiert jede Geste, wägt jedes Wort ab und sorgt dafür, dass man bloß nicht auffällt, denn auffällig zu sein bedeutet in diesem Klima immer auch, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die man am wenigsten gebrauchen kann.
Die Kunst des Zusammenlebens bestand immer darin, ein erträgliches Maß an Ambiguität auszuhalten. Das Nichtwissen über den anderen, das Nebeneinanderherleben ohne ständige Kontrolle, war einmal die Basis für Toleranz. Wenn wir nun versuchen, jedes Risiko durch Kontrolle zu ersticken, ersticken wir zugleich die Empathie. Denn Empathie setzt voraus, dass wir dem anderen einen Vertrauensvorschuss gewähren, eine Art geistigen Kredit, den wir einlösen, bevor wir wissen, wer der andere wirklich ist.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir den Bogen überspannt haben. Der Mann im Neuköllner Café bezahlt seinen Kaffee, erhebt sich und geht hinaus in die graue Berliner Luft, während die Menschen um ihn herum weiter eilen, jeder in seiner eigenen Blase aus Vorsicht und Schutz. Es bedarf eines bewussten, fast schon rebellischen Akts, diesen Panzer abzulegen und den Mut aufzubringen, dem Fremden wieder unvoreingenommen in die Augen zu blicken, wissend, dass das Leben ohne dieses Risiko seinen eigentlichen Wert verliert.