Die Jury der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes zeichnete am Samstagabend das Drama Doch Das Boese Gibt Es Nicht mit dem Hauptpreis aus. Regisseur Mohammad Rasoulof nahm die Goldene Palme persönlich entgegen, nachdem er im Vorfeld der Premiere unter politischem Druck aus seinem Heimatland Iran geflohen war. Die Entscheidung der Jury unter dem Vorsitz von Greta Gerwig fiel nach Angaben der Festivalleitung einstimmig aus.
Das Werk thematisiert in vier Episoden die moralischen Dilemmata von Männern, die im Auftrag des Staates Todesstrafen vollstrecken müssen. Laut einer Pressemitteilung des Festivals würdigte die Jury die darstellerische Kraft und die erzählerische Tiefe der Produktion. Die Auszeichnung gilt als eines der bedeutendsten Signale für die künstlerische Freiheit im laufenden Kinojahr.
Der Film setzte sich gegen 21 andere Wettbewerbsbeiträge durch, darunter Werke von renommierten Regisseuren wie Francis Ford Coppola und Yorgos Lanthimos. Branchenexperten werteten den Sieg als Bestätigung für das politische Kino, das Einzelschicksale mit systemischen Fragen verknüpft. Die Produktion entstand unter schwierigen Bedingungen, da Dreharbeiten im Iran oft strenger Zensur unterliegen.
Entstehungsgeschichte von Doch Das Boese Gibt Es Nicht
Die Dreharbeiten zu dem preisgekrönten Drama fanden teilweise im Geheimen statt, um die staatliche Kontrolle zu umgehen. Mohammad Rasoulof erklärte in einem Interview mit dem ZDF, dass die Arbeit an den verschiedenen Episoden über mehrere Monate verteilt war. Er musste dabei Techniken anwenden, die den Behörden die wahre Natur des Projekts verbargen.
Infrastrukturelle Hürden prägten den gesamten Entstehungsprozess der vier Kurzgeschichten. Die Produzenten nutzten dezentrale Speicherorte für das Filmmaterial, um Beschlagnahmungen vorzubeugen. Der Regisseur betonte, dass viele Beteiligte am Set unter Pseudonymen arbeiteten, um Repressalien zu vermeiden.
Trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen kam es während der Postproduktion zu Verhaftungen von Teammitgliedern. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete wiederholt über die prekäre Lage von Kulturschaffenden in der Region. Diese Berichte belegen, dass die filmische Auseinandersetzung mit der Todesstrafe ein hohes persönliches Risiko für alle Beteiligten darstellte.
Die Rolle der Todesstrafe im modernen Iran
Das Thema der staatlich sanktionierten Tötung bildet den zentralen Kern der Erzählung. Laut Daten von Human Rights Watch verzeichnete der Iran im vergangenen Jahr eine signifikante Steigerung der Exekutionszahlen. Diese statistischen Erhebungen zeigen, dass die Todesstrafe weiterhin ein Instrument zur Unterdrückung politischer Oppositioneller bleibt.
Die filmische Umsetzung konzentriert sich jedoch weniger auf die Opfer, sondern primär auf die ausführenden Organe. Rasoulof zeigt junge Wehrpflichtige, die vor der Entscheidung stehen, Befehle zu verweigern oder ihre moralische Integrität zu opfern. Experten für iranische Politik sehen darin eine präzise Analyse des gesellschaftlichen Drucks.
Die Darstellung der psychischen Belastung dieser Soldaten wurde von Kritikern als besonders authentisch hervorgehoben. Psychologische Studien zu Tätern in autoritären Systemen stützen die gezeigten Verhaltensmuster von Verdrängung und Trauma. Der Film verzichtet dabei auf eine explizite Darstellung der Gewalt und fokussiert stattdessen auf die emotionalen Konsequenzen.
Internationale Reaktionen und Kritiken
Die Resonanz in der internationalen Fachpresse war unmittelbar nach der Vorführung überwiegend positiv. Ein Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschrieb das Werk als eine Parabel über die Unmöglichkeit, in einem Unrechtssystem neutral zu bleiben. Die komplexe Struktur der vier Geschichten erlaube es, verschiedene Perspektiven auf dasselbe ethische Problem zu werfen.
Einige Rezensenten äußerten jedoch Vorbehalte hinsichtlich der Länge des Films, der eine Laufzeit von über 150 Minuten aufweist. Ein Korrespondent des Magazins The Hollywood Reporter merkte an, dass nicht alle Episoden die gleiche erzählerische Dichte aufweisen. Dennoch überwog das Lob für die visuelle Gestaltung und die schauspielerische Leistung des Ensembles.
In Deutschland wird der Film von einem unabhängigen Verleih vertrieben, der bereits ähnliche Arthouse-Erfolge betreute. Die Marketingstrategie setzt stark auf die politische Relevanz und den Gewinn der Goldenen Palme. Vorpremieren in Berlin und Hamburg zeigten bereits eine hohe Nachfrage beim cineastischen Fachpublikum.
Politische Implikationen für die Filmbranche
Die Flucht von Mohammad Rasoulof kurz vor den Festspielen löste eine Debatte über den Schutz gefährdeter Künstler aus. Die Europäische Filmakademie forderte in einer Stellungnahme verstärkte Anstrengungen der Regierungen, Visa für bedrohte Regisseure schneller bereitzustellen. Der Fall zeigt die Grenzen diplomatischer Bemühungen im Bereich des Kulturaustauschs auf.
Das Auswärtige Amt in Berlin begrüßte die Auszeichnung als Zeichen für die weltweite Bedeutung der Meinungsfreiheit. Regierungsvertreter wiesen darauf hin, dass die Unterstützung solcher Projekte ein Teil der auswärtigen Kulturpolitik bleibt. Kritische Stimmen mahnen jedoch an, dass symbolische Preise allein die Lage vor Ort nicht verbessern.
Andere Regisseure aus der Region stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie die Macher hinter dem Projekt Doch Das Boese Gibt Es Nicht. Die Zensurbehörden reagieren oft mit Reiseverboten oder Arbeitsbeschränkungen auf internationale Erfolge. Dies führt dazu, dass viele Künstler den Weg ins Exil wählen müssen, um ihre Arbeit fortzusetzen.
Auswirkungen auf die iranische Diaspora
Innerhalb der Exilgemeinde wurde der Sieg in Cannes als wichtiger moralischer Erfolg gewertet. Aktivisten nutzen die Aufmerksamkeit, um auf die Menschenrechtssituation aufmerksam zu machen. Die filmische Aufarbeitung dient dabei als Medium, um komplexe politische Themen einem globalen Publikum zugänglich zu machen.
Viele Exil-Iraner sehen in dem Werk eine realitätsgetreue Abbildung der Zustände in ihrer Heimat. Die Diskussionen in den sozialen Medien zeigen, dass die angesprochenen moralischen Fragen über die Grenzen des Irans hinaus Relevanz besitzen. Der Film fungiert somit auch als Brücke zwischen verschiedenen kulturellen Diskursen.
Technische Umsetzung und Ästhetik
Kameramann Ashkan Ashkani setzte auf eine natürliche Lichtführung, um die Tristesse und Ernsthaftigkeit der Themen zu unterstreichen. Die Landschaftsaufnahmen in den ländlichen Gebieten bilden einen harten Kontrast zu den klaustrophobischen Szenen in den Gefängnissen. Diese visuelle Dualität unterstützt die narrative Struktur der einzelnen Geschichten.
Die Tonspur verzichtet weitgehend auf dramatische Musikuntermalung und setzt stattdessen auf Umgebungsgeräusche. Laut dem Sound-Designer war es das Ziel, eine unmittelbare Nähe zur Realität zu schaffen. Jedes Geräusch soll die Einsamkeit der Charaktere in ihren Entscheidungsprozessen betonen.
Schnittmeister Meysam Mouini erklärte, dass die rhythmische Gestaltung der vier Episoden bewusst unterschiedlich gewählt wurde. Während die erste Geschichte durch ein langsames Tempo besticht, weist die letzte Episode eine höhere Schnittfrequenz auf. Diese Variation soll die steigende Anspannung innerhalb der Gesamterzählung widerspiegeln.
Die Bedeutung von Filmpreisen für den Weltmarkt
Gewinne bei Festivals wie Cannes haben direkte Auswirkungen auf die kommerzielle Auswertung von Independent-Filmen. Daten von Statista belegen, dass Preisträger oft ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Einspielergebnisse erzielen. Die Goldene Palme garantiert den Zugang zu Märkten, die sonst schwer für ausländische Produktionen erreichbar sind.
Einkäufer aus den USA und Asien haben bereits Lizenzen für den Film erworben. Dies ermöglicht eine weltweite Sichtbarkeit, die ohne den Festivalerfolg kaum denkbar gewesen wäre. Die Verleiher erwarten hohe Besucherzahlen in den Programmkinos der großen Metropolen.
Für die Produzenten bedeutet der Erfolg auch eine finanzielle Absicherung für künftige Projekte. Die Refinanzierung von Filmen aus Krisenregionen bleibt jedoch ein schwieriges Unterfangen. Oft sind Koproduktionen mit europäischen Sendern oder staatlichen Filmförderungen die einzige Möglichkeit der Realisierung.
In den kommenden Monaten wird der Film auf weiteren internationalen Festivals zu sehen sein, bevor der reguläre Kinostart erfolgt. Analysten beobachten genau, ob das Werk auch für den Oscar in der Kategorie Bester Internationaler Film nominiert wird. Die Entscheidung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences wird für das Ende des Jahres erwartet.
Bis dahin bleibt abzuwarten, wie sich die rechtliche Situation des Regisseurs Mohammad Rasoulof entwickelt. Seine Anwälte prüfen derzeit die Möglichkeiten für einen dauerhaften Aufenthalt in Europa. Die internationale Filmgemeinschaft hat bereits weitere Unterstützung für sein künftiges Schaffen zugesagt.