dr med hans ulrich göppinger

dr med hans ulrich göppinger

Manche Namen verschwinden fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein, während ihre methodischen Fingerabdrücke die Institutionen unserer Gesellschaft weiterhin prägen. Wer heute an die Schnittstelle von Kriminologie und Medizin denkt, sieht oft nur die Schlagzeilen über spektakuläre Rückfälle oder die sterilen Flure gesicherter Krankenhäuser. Doch hinter diesen Fassaden verbirgt sich ein System, das ohne die Pionierarbeit bestimmter Akteure kaum vorstellbar wäre. Dr Med Hans Ulrich Göppinger steht stellvertretend für eine Ära, in der die deutsche Kriminologie versuchte, das Unfassbare — die menschliche Neigung zum Verbrechen — in ein wissenschaftliches Korsett zu zwängen. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass moderne forensische Gutachten lediglich auf aktueller Software oder standardisierten Fragebögen basieren. In Wahrheit atmet jede Beurteilung der Rückfallgefahr den Geist einer Zeit, in der man glaubte, die kriminelle Prognose ließe sich durch eine lückenlose Erfassung der Lebensgeschichte präzise vorhersagen.

Die These dieses Artikels ist simpel, aber unbequem: Wir verlassen uns heute auf eine vermeintliche Objektivität in der Kriminalprognose, die in ihren Grundfesten auf einer methodischen Strenge beruht, die menschliche Komplexität oft sträflich ignoriert. Das System funktioniert, weil es uns Sicherheit vorgaukelt, nicht weil es die menschliche Natur tatsächlich entschlüsselt hat. Wenn wir die heutige Praxis der Begutachtung verstehen wollen, müssen wir die Wurzeln dieser Disziplin freilegen. Der Fokus auf den Täter als biologisches und soziales Wesen hat eine Tradition, die weit über das bloße Abfragen von Symptomen hinausgeht. Es geht um die Vermessung des Lebenslaufs.

Der biografische Determinismus und Dr Med Hans Ulrich Göppinger

In der Mitte des 20. Jahrhunderts vollzog sich ein Wandel weg von der rein moralischen Bewertung einer Tat hin zur klinischen Analyse des Täters. Dr Med Hans Ulrich Göppinger prägte diesen Weg maßgeblich, insbesondere durch die Entwicklung der sogenannten Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung. Das Ziel war so ehrgeizig wie gewagt: Man wollte durch den Vergleich von kriminellen Lebensläufen mit unauffälligen Biografien die Gesetzmäßigkeiten des Abdriftens finden. Ich habe mit Praktikern gesprochen, die noch heute betonen, dass diese Akribie in der Datenerhebung damals revolutionär wirkte. Man betrachtete nicht mehr nur das Delikt, sondern den gesamten Menschen in seinem Umfeld.

Doch genau hier liegt der Hund begraben. Dieser Ansatz suggeriert, dass ein Leben wie eine mathematische Gleichung funktioniert. Wenn man nur genug Variablen wie die familiäre Herkunft, den frühen Alkoholkonsum oder die schulischen Leistungen kennt, lässt sich das Ergebnis am Ende vorhersagen. Skeptiker wenden ein, dass diese Form der Kriminologie den freien Willen des Einzelnen fast vollständig ausblendet. Sie haben recht. Wenn wir jemanden nur als die Summe seiner bisherigen Misserfolge betrachten, nehmen wir ihm die Möglichkeit zur echten Veränderung. Dennoch stützt sich unser heutiges Justizsystem in seinen Prognosen oft auf genau solche statistischen Wahrscheinlichkeiten. Wir haben die Namen der Methoden geändert, aber das fundamentale Vertrauen in die Vorhersehbarkeit des Verhaltens ist geblieben. Es ist eine Beruhigungspille für eine Gesellschaft, die das Chaos des Zufalls nicht erträgt.

Die Illusion der lückenlosen Fallanalyse

Wer tiefer in die Materie einsteigt, erkennt schnell, dass die klinische Kriminologie eine enorme Macht über Biografien ausübt. Ein Gutachter verbringt oft nur wenige Stunden mit einem Probanden, doch sein Urteil wiegt schwerer als jahrelange gute Führung im Vollzug. Die Methodik, die einst in Instituten wie in Tübingen verfeinert wurde, verlangt nach einer Totalerfassung. Das ist der Moment, in dem die Wissenschaft zur Überwachung wird. Man sucht nach den „kriminogenen Faktoren“, als wären es Viren in einem Blutbild.

Es gibt Berichte aus dem Strafvollzug, die zeigen, wie Insassen lernen, genau die Antworten zu geben, die in das Raster der Prognoseinstrumente passen. Das ist kein Geheimnis. Das System belohnt die Anpassung an das Modell, nicht notwendigerweise den inneren Wandel. Wenn ein Gutachter heute ein Risiko attestiert, stützt er sich auf Erfahrungswerte, die über Jahrzehnte gesammelt wurden. Diese Datenmengen sind beeindruckend, aber sie sind auch konservativ. Sie blicken zurück, um die Zukunft zu deuten. Das führt dazu, dass Menschen mit schwieriger Kindheit oft lebenslang in einer statistischen Sackgasse stecken bleiben, egal wie sehr sie sich bemühen, ihr Leben neu zu ordnen.

Die Macht der Gutachter zwischen Heilung und Sicherung

Die Rolle des Mediziners im Justizkontext ist von Natur aus paradox. Ein Arzt soll heilen, doch der Forensiker soll bewerten und oft auch wegsperren. Diese Spannung war bereits im Wirken von Dr Med Hans Ulrich Göppinger spürbar, der die Kriminologie als interdisziplinäre Wissenschaft verstand. Es ging darum, die Medizin in den Dienst der Rechtspflege zu stellen. Heute sehen wir das Ergebnis dieser Entwicklung in einer fast schon industriellen Produktion von Gutachten. Die Psychiatrie ist hier nicht mehr der Anwalt des Patienten, sondern das Auge des Staates.

Ich beobachte oft eine gefährliche Gläubigkeit gegenüber diesen Expertisen. Richter, die keine medizinische Ausbildung haben, folgen den Empfehlungen der Sachverständigen in der überwältigenden Mehrheit der Fälle. Das ist verständlich, denn niemand möchte die Verantwortung für eine vorzeitige Entlassung tragen, die in einer Katastrophe endet. Aber diese Delegation von Verantwortung führt zu einer Herrschaft der Experten, die kaum noch demokratisch kontrolliert wird. Die Kriterien für eine „günstige Prognose“ sind zwar fachlich definiert, aber ihre Anwendung bleibt subjektiv. Ein Gutachter ist auch nur ein Mensch mit eigenen Vorurteilen und Ängsten. Wenn er sich irrt, hat das für ihn meist keine Konsequenzen. Für den Betroffenen bedeutet es den Verlust der Freiheit auf unbestimmte Zeit.

Wissenschaft als Schutzschild gegen die Unsicherheit

Die moderne Gesellschaft verlangt nach Sicherheit. Wir wollen Garantien, dass der Nachbar uns nicht schadet. Die forensische Wissenschaft liefert uns das Vokabular, um diese Sehnsucht zu bedienen. Wenn wir von Persönlichkeitsstörungen oder mangelnder Impulskontrolle sprechen, klingen diese Begriffe objektiv und unangreifbar. Sie dienen als wissenschaftlicher Schutzschild. In Wahrheit sind viele dieser Diagnosen soziale Konstrukte, die sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt haben. Was früher als „moralischer Schwachsinn“ galt, heißt heute „antisoziale Persönlichkeitsstörung“. Der Kern bleibt gleich: Wir markieren das Abweichende, um das Normale zu schützen.

Man darf nicht vergessen, dass die Forschung in diesem Bereich oft unter einem enormen Erwartungsdruck steht. Institutionen wie das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht oder die verschiedenen kriminologischen Forschungsstellen in Deutschland leisten wertvolle Arbeit, doch sie können das menschliche Mysterium nicht vollständig auflösen. Jedes Mal, wenn ein neues Prognoseinstrument auf den Markt kommt, wird es als Durchbruch gefeiert. Doch am Ende bleibt immer ein Restrisiko. Die Anerkennung dieses Risikos wäre ehrlicher als der Versuch, es hinter Bergen von Papier und Tabellen zu verstecken.

Warum die klassische Kriminologie heute noch relevant ist

Man könnte meinen, dass die Ansätze vergangener Jahrzehnte im Zeitalter von Big Data und Künstlicher Intelligenz veraltet sind. Das ist ein Trugschluss. Die Art und Weise, wie wir heute Risiken gewichten, wie wir die „Lebenslänglichen“ betrachten und wie wir die Grenze zwischen Krankheit und Schuld ziehen, ist tief verwurzelt in der Tradition der klinischen Kriminologie. Die Akribie, mit der ein Dr Med Hans Ulrich Göppinger den Täter in seinen sozialen Bezügen analysierte, ist die Blaupause für die heutige Fallarbeit in den Justizvollzugsanstalten. Es ist die Überzeugung, dass der Mensch lesbar ist, wenn man nur tief genug gräbt.

Wir müssen uns fragen, ob dieser radikale Fokus auf die Vergangenheit des Einzelnen uns nicht blind für die Gegenwart macht. Wenn wir nur nach Mustern suchen, übersehen wir den Moment der Entscheidung. Die Wissenschaft hat uns Werkzeuge gegeben, um Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, aber sie hat uns keine Werkzeuge gegeben, um das Potenzial für das Unvorhersehbare zu messen. Die Fixierung auf den „kriminellen Typus“ oder den „gefährlichen Rückfälltäter“ schafft Realitäten, die schwer zu durchbrechen sind. Wer einmal in dieser Maschinerie gefangen ist, dessen Biografie gehört nicht mehr ihm selbst, sondern den Experten, die sie interpretieren.

Das Dilemma der Prävention

Ein starkes Argument für die Fortführung dieser Tradition ist die Prävention. Ohne die Erkenntnisse aus der vergleichenden Biografieforschung wüssten wir deutlich weniger darüber, welche sozialen Bedingungen Kriminalität begünstigen. Wir können heute gezielter intervenieren, bevor eine Karriere im Verbrechen festgeschrieben ist. Das ist der unbestreitbare Nutzen. Doch der Preis dafür ist eine Gesellschaft, die anfängt, Menschen schon im Vorfeld zu kategorisieren. Wenn wir wissen, welche Faktoren zu Gewalt führen, fangen wir an, Menschen mit diesen Faktoren misstrauisch zu beobachten. Die Grenze zwischen Hilfe und Kontrolle verschwimmt.

In der forensischen Praxis führt das oft zu einer Übervorsicht. Es ist sicherer für das System, jemanden länger festzuhalten, als das Risiko einer Fehlentscheidung einzugehen. Diese Dynamik wird durch die mediale Berichterstattung befeuert, die jeden Rückfall als Systemversagen brandmarkt. In diesem Klima wird die Wissenschaft zum Alibi. Man beruft sich auf etablierte Methoden und große Namen der Forschungsgeschichte, um Entscheidungen zu legitimieren, die im Kern politische oder gesellschaftliche Abwägungen sind. Wir verstecken unsere moralischen Urteile hinter einer Maske aus medizinischen Fachtermini.

Die Geschichte der Kriminologie zeigt uns, dass jede Generation glaubt, das Rätsel des Bösen endlich gelöst zu haben. Wir blicken heute herablassend auf die Schädelvermessungen des 19. Jahrhunderts zurück, während wir gleichzeitig fest an die Unfehlbarkeit unserer psychologischen Profile glauben. Vielleicht werden zukünftige Generationen auf unsere heutigen Prognosen mit der gleichen Skepsis blicken. Der Mensch lässt sich nicht in einem Datensatz einsperren, egal wie akribisch dieser erhoben wurde. Die Suche nach der absoluten Vorhersehbarkeit ist ein menschliches Bedürfnis, aber sie bleibt eine wissenschaftliche Illusion. Wir müssen lernen, mit der Unsicherheit zu leben, anstatt so zu tun, als könnten wir die Zukunft in den Fehlern der Vergangenheit lesen.

Wahre Gerechtigkeit bemisst sich nicht an der Präzision unserer Statistiken, sondern an unserer Fähigkeit, den Menschen hinter dem Fallbericht als Individuum zu erkennen, das mehr ist als die Summe seiner Aktenvermerke.

TK

Tobias Koch

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Tobias Koch Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.