the duke of burgundy movie

the duke of burgundy movie

Wer den Namen Peter Strickland hört, denkt meist an analoge Tonbänder, flackernde Lichter und eine fast schon fetischistische Liebe zum europäischen Kino der siebziger Jahre. Als sein zweites großes Werk in die Kinos kam, sortierten es viele Kritiker vorschnell in die Schublade des provokanten Arthouse-Erotikdramas ein. Doch das ist ein fundamentales Missverständnis der Tatsachen. Wer sich The Duke Of Burgundy Movie ansieht und dabei erwartet, eine Grenzüberschreitung im Stil von Marquis de Sade oder eine düstere Abhandlung über Machtmissbrauch zu finden, wird bitter enttäuscht werden. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Werk um eine der präzisesten und fast schon schmerzhaft banalen Darstellungen einer langjährigen Partnerschaft, die das moderne Kino je hervorgebracht hat. Die Schmetterlinge und die viktorianische Kulisse sind nur die Fassade für eine Wahrheit, die viel näher an unserem eigenen Küchentisch liegt, als uns lieb ist. Es geht hier nicht um Perversion, sondern um die harte Arbeit, die es erfordert, die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen, selbst wenn man dabei die eigene Lust am Alltag verliert.

Die Geschichte dreht sich oberflächlich betrachtet um Evelyn und Cynthia, zwei Frauen, die in einer abgeschiedenen, fast märchenhaften Welt leben, in der es scheinbar keine Männer gibt. Sie verbringen ihre Tage mit dem Studium von Insekten und ihre Abende mit komplexen Rollenspielen. Evelyn spielt die unterwürfige Magd, Cynthia die strenge Herrin. Die meisten Zuschauer lassen sich von den Lackstiefeln und den strengen Befehlen blenden. Sie übersehen dabei das Gähnen. Sie übersehen die Müdigkeit in Cynthias Augen, wenn sie zum zehnten Mal denselben Text aufsagen muss, nur um ihre Partnerin glücklich zu machen. Hier liegt die eigentliche Provokation des Films: Er zeigt BDSM nicht als Akt der Befreiung oder der dunklen Ekstase, sondern als eine Form von unbezahlter emotionaler Hausarbeit. Es ist eine Verhandlungssache. Wer kocht, wer wäscht die Wäsche und wer muss heute Abend so tun, als wäre er eine herrische Professorin, obwohl er eigentlich nur mit einer Wärmflasche und einem Tee auf das Sofa möchte?

Die Anatomie der Langeweile in The Duke Of Burgundy Movie

Wenn man die visuelle Opulenz beiseite schiebt, bleibt eine Struktur übrig, die jeder Mensch in einer Langzeitbeziehung wiederkennt. Es gibt diese sich wiederholenden Abläufe, die uns Sicherheit geben, uns aber gleichzeitig ersticken können. In der Welt dieses Films wird das sexuelle Ritual zur reinen Pflichtaufgabe. Cynthia ist diejenige, die die Last der Inszenierung trägt. Sie muss Anweisungen auf kleine Zettel schreiben, damit sie ihre Rolle nicht vergisst. Sie muss einen strengen Tonfall simulieren, während ihr Rücken schmerzt. Strickland nutzt das Motiv der Schmetterlingskunde – der Lepidopterologie – als perfekte Metapher für diesen Zustand. Ein Schmetterling ist wunderschön, aber wenn man ihn studieren will, muss man ihn aufspießen. Man fixiert ihn. Genau das tun Evelyn und Cynthia mit ihrer Liebe. Sie haben ein Idealbild ihrer Leidenschaft auf ein Brett genagelt und wundern sich nun, dass die Flügel nicht mehr schlagen.

Kritiker werfen dem Film oft vor, er sei distanziert oder gar kalt. Ich behaupte das Gegenteil. Die Kälte ist das Thema. Es ist die Kälte, die entsteht, wenn man aufhört, den Partner als eigenständiges Wesen mit eigenen Wünschen wahrzunehmen und ihn stattdessen nur noch als Requisite in der eigenen Fantasie benutzt. Evelyn ist in ihrer Unterwürfigkeit eigentlich die Tyrannin der Beziehung. Sie fordert die Strenge ein, sie diktiert das Drehbuch der Bestrafung. Cynthia hingegen ist die wahre Leidtragende, weil sie aus Liebe eine Identität annimmt, die ihr eigentlich fremd ist. Das ist ein psychologischer Mechanismus, den Therapeuten oft in ganz gewöhnlichen Ehen beobachten: Einer gibt den Ton an, der andere passt sich an, bis die Fassade bröckelt. Das ist kein Nischenproblem für Leute mit speziellen Vorlieben. Das ist das Kernproblem jeder menschlichen Bindung.

Das Missverständnis der Ästhetik

Ein häufiger Einwand gegen diese Lesart ist der Hinweis auf die traumhafte Inszenierung. Die Kameraarbeit von Nic Knowland ist so berauschend, dass man geneigt ist, dem Film eine rein formale Brillanz zu attestieren. Die Musik der Band Cat's Eyes unterstreicht diesen hypnotischen Charakter. Skeptiker sagen, ein Film, der so schön aussieht, könne keine ernsthafte Kritik an der Beziehungsroutine sein. Doch genau hier schnappt die Falle zu. Die Schönheit ist das Betäubungsmittel. Wir lassen uns von den weichen Fokus-Einstellungen und den satten Farben einlullen, genau wie die Protagonistinnen sich von ihren Kostümen einlullen lassen. Der Film spiegelt den Selbstbetrug der Charaktere wider. Je hohler die Beziehung wird, desto aufwendiger müssen die Kulissen werden.

Ich habe mit Kinogängern gesprochen, die sich nach der Sichtung beschwerten, es sei „nichts passiert“. In einer Welt, die auf schnelle Schnitte und ständige Eskalation konditioniert ist, wirkt die Redundanz der Szenen wie ein Fehler. Aber die Redundanz ist der Punkt. Wenn Cynthia Evelyn zum dritten Mal die Schuhe putzen lässt und dabei einen Fehler im Skript macht, ist das kein schlechtes Drehbuchschreiben. Es ist der Moment, in dem die Maske verrutscht. Es ist der Moment, in dem das Publikum erkennen muss, dass sexuelle Befreiung hier längst zu einer neuen Form der Gefangenschaft geworden ist. Das Kino von Strickland fordert uns auf, hinter den Vorhang zu blicken, selbst wenn der Vorhang aus feinster Seide besteht.

Die Macht der Wiederholung und die Angst vor der Stille

Ein zentraler Aspekt, der oft ignoriert wird, ist die akustische Ebene. Strickland, der selbst ein Experte für Sounddesign ist, nutzt Geräusche, um Unbehagen zu erzeugen. Das Rascheln von Insektenflügeln, das Knarzen von Leder, das Ticken von Uhren. Diese Töne sind nicht zufällig. Sie betonen die Statik der Situation. In The Duke Of Burgundy Movie gibt es keinen Fortschritt, nur Kreisläufe. Das ist es, was echte Intimität ausmacht und gleichzeitig bedroht. Man kennt jeden Handgriff des anderen. Man weiß genau, welcher Knopf gedrückt werden muss, um eine Reaktion hervorzurufen. Aber was passiert, wenn man alle Knöpfe kennt? Was bleibt übrig, wenn das Spiel zu Ende ist?

Die Universität Sheffield veröffentlichte vor einigen Jahren eine Studie über die Darstellung von Machtverhältnissen in fiktionalen Werken. Dort wurde argumentiert, dass Filme, die BDSM thematisieren, oft dazu neigen, die „Heilung“ durch die Abkehr vom Fetisch zu suchen. Strickland geht einen radikaleren Weg. Er zeigt keine Heilung, weil er den Fetisch nicht als Krankheit begreift. Er begreift ihn als Sprache. Das Problem der beiden Frauen ist nicht ihre Vorliebe, sondern ihre Unfähigkeit, außerhalb dieser Sprache zu kommunizieren. Sie haben verlernt, wie man einfach nur gemeinsam am Frühstückstisch sitzt, ohne dass eine von ihnen die Krümel auf dem Boden mit einer Zahnbürste wegputzen muss. Diese Unfähigkeit zur Einfachheit ist das eigentliche Drama, das sich unter der Oberfläche abspielt.

Die Illusion der totalen Kontrolle

Man könnte argumentieren, dass Evelyn durch ihre Rolle die ultimative Kontrolle hat. Sie ist die Regisseurin ihres eigenen Leids. Aber ist das wirklich Macht? Wer sein Gegenüber zwingt, eine Rolle zu spielen, verliert die Chance auf eine echte Begegnung. Man begegnet nur noch dem Echo der eigenen Wünsche. Cynthia wiederum verliert sich selbst in der Erfüllung dieser Wünsche. Es ist ein Teufelskreis aus Projektion und Erschöpfung. Dass der Film dieses Thema so konsequent verfolgt, macht ihn zu einem fast schon soziologischen Experiment. Er stellt die Frage: Wie viel von uns selbst geben wir auf, um die Fantasie des Menschen zu schützen, den wir lieben?

In einer Szene sieht man Cynthia, wie sie sich heimlich eine Schiene für ihren Rücken kauft, weil das ständige Stehen während der Bestrafungsszenen ihr körperlich zusetzt. Das ist kein glamouröser Moment. Es ist ein Moment tiefer Tragik. Es ist der Inbegriff der Aufopferung, die ins Absurde kippt. Hier wird deutlich, dass die Hierarchie innerhalb des Spiels genau umgekehrt zu der Hierarchie in der Realität der Beziehung ist. Die scheinbare Herrin ist die Sklavin der Erwartungen ihrer Partnerin. Wenn wir das begreifen, ändert sich unsere gesamte Wahrnehmung der Handlung. Wir sehen nicht mehr zwei Frauen beim Liebesspiel, wir sehen zwei Menschen beim Überlebenskampf in der Monotonie.

Es ist leicht, diesen Film als ästhetisches Spielzeug abzutun. Es ist schwer, sich einzugestehen, dass wir alle unsere eigenen kleinen Drehbücher im Kopf haben, die wir unseren Partnern täglich vorlegen. Wir verlangen Aufmerksamkeit, Bestätigung oder eine ganz bestimmte Art von Nähe, oft ohne zu fragen, was es den anderen kostet, diese zu liefern. Die Radikalität liegt nicht in der Darstellung von Sexualität, sondern in der Demontage der romantischen Vorstellung, dass Liebe allein ausreicht. Liebe ohne Rücksicht auf die Erschöpfung des anderen ist lediglich eine Form von gut getarntem Egoismus. Am Ende des Tages sind wir alle Lepidopterologen, die versuchen, die Schönheit festzuhalten, und dabei oft nur eine vertrocknete Hülle in einem Glaskasten übrig lassen.

Wer dieses Werk wirklich verstehen will, muss aufhören, nach Erregung zu suchen, und anfangen, nach dem Schmerz in den Pausen zwischen den Worten zu lauschen. Wir schauen hier nicht in ein Schlafzimmer, sondern in einen Spiegel unserer eigenen emotionalen Trägheit. Die wahre Erkenntnis ist so banal wie erschreckend: Selbst die exotischste Fantasie wird irgendwann zum grauen Alltag, wenn man vergisst, dass das Gegenüber kein Charakter in einem Film ist, sondern ein atmender Mensch mit einem schmerzenden Rücken.

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TK

Tobias Koch

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Tobias Koch Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.