Martin Scorsese wollte diesen Film schon in den Siebzigerjahren drehen. Es dauerte fast dreißig Jahre, bis er das Budget und die Technik hatte, um das alte Manhattan am Tiber in Italien wiederauferstehen zu lassen. Wer sich heute den Film Gangs Of New York ansieht, merkt sofort, dass hier kein glattgebügelter Hollywood-Blockbuster vorliegt, sondern ein blutiges, dreckiges Epos über die Geburt einer Nation aus dem Chaos. Es geht nicht nur um Rache. Es geht um die Frage, wem Amerika eigentlich gehört: denen, die zuerst da waren, oder denen, die gerade erst vom Schiff steigen.
Die historische Wucht hinter Film Gangs Of New York
Die Geschichte spielt im Jahr 1863, mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Während im Süden die großen Schlachten tobten, herrschte in den Five Points von Manhattan ein ganz eigener Krieg. Das Viertel galt damals als das gefährlichste Pflaster der Welt. Scorsese zeigt uns eine Welt, in der die Polizei korrupt ist und die Feuerwehrleute sich lieber gegenseitig verprügeln, als brennende Häuser zu löschen. Das ist kein schöner Anblick. Es riecht förmlich nach Schlamm, Blut und billigem Gin.
Daniel Day-Lewis und die Brillanz des Bill the Butcher
Man kann nicht über dieses Werk sprechen, ohne William Cutting zu erwähnen. Daniel Day-Lewis liefert hier eine Darstellung ab, die fast schon beängstigend ist. Er verkörpert den Prototyp des Nativisten. Bill hasst die irischen Einwanderer. Er sieht sie als Eindringlinge, die das Land stehlen wollen, für das sein Vater gekostet hat. Day-Lewis bereitete sich monatlich auf die Rolle vor, lernte das Handwerk eines Metzgers und blieb sogar zwischen den Aufnahmen in seinem Charakter. Wenn er mit seinem Glasauge den jungen Amsterdam Cutting anstarrt, spürt man die pure Gewaltbereitschaft.
Leonardo DiCaprio und die Last der Rache
Amsterdam Cutting, gespielt von Leonardo DiCaprio, ist der emotionale Anker. Er kehrt nach Jahren in einem Waisenhaus zurück, um den Tod seines Vaters zu rächen. DiCaprio war zu diesem Zeitpunkt gerade dabei, sein Image als Teenie-Idol aus Titanic abzuschütteln. Er spielt den jungen Iren mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und unterdrückter Wut. Sein Weg führt ihn direkt in das Herz der Organisation seines größten Feindes. Das ist klassisches Drama. Aber eingebettet in eine Kulisse, die so detailliert ist, dass man jede einzelne Pore der Darsteller sehen will.
Das gigantische Set in Cinecittà
Um New York Mitte des 19. Jahrhunderts abzubilden, reichte kein herkömmliches Studio aus. Scorsese ließ in den berühmten Cinecittà-Studios in Rom ganze Straßenzüge nachbauen. Das Set war so groß, dass Schauspieler sich verlaufen konnten. George Lucas besuchte damals die Dreharbeiten und sagte angeblich zu Scorsese, dass solche Sets heutzutage eigentlich gar nicht mehr gebaut werden, weil alles am Computer entstehen könne. Scorsese aber wollte die Haptik. Er wollte echtes Holz, echtes Kopfsteinpflaster und echte Häuserfronten.
Die Bedeutung der Five Points
Die Five Points waren der Ort, an dem fünf Straßen aufeinandertrafen. Heute liegt dort teilweise der Columbus Park in Chinatown. Damals war es ein Slum, in dem Zehntausende Menschen auf engstem Raum lebten. Das Kellerdasein war Standard. Menschen hausten in Tunneln unter der Erde. Die Produktion hat diese klaustrophobische Enge perfekt eingefangen. Man sieht die Armut, aber auch den Stolz dieser Menschen, die versuchen, sich eine Existenz aufzubauen.
Kostüme und visuelle Authentizität
Sandy Powell, die Kostümbildnerin, leistete Unglaubliches. Die Kleidung im Film Gangs Of New York wirkt nie wie ein Kostüm. Sie wirkt wie Kleidung, die seit Jahren getragen, geflickt und mit Schmutz verkrustet wurde. Bill the Butchers Zylinder und sein auffälliger roter Mantel symbolisieren Macht und Terror. Im Gegensatz dazu stehen die Lumpen der Dead Rabbits, der irischen Gang, die Amsterdam wiederbeleben will. Farben haben hier eine Bedeutung. Sie markieren Reviere und Gesinnungen.
Politische Verflechtungen und Tammany Hall
Der Film ist weit mehr als eine Gangstergeschichte. Er ist ein Politthriller. Wir sehen Jim Broadbent als William „Boss“ Tweed. Er war der Kopf von Tammany Hall, der politischen Maschine der Demokraten in New York. Tweed war ein Meister der Manipulation. Er erkannte früh, dass die Stimmen der Einwanderer der Schlüssel zur Macht waren. Die Szenen, in denen er mit Bill the Butcher verhandelt, zeigen die dunkle Seite der Demokratie. Stimmen werden gekauft, Wähler werden eingeschüchtert. Es ist ein schmutziges Geschäft.
Die Draft Riots von 1863
Der Höhepunkt der Handlung fällt mit den Einberufrandallen zusammen. Diese Unruhen waren die schlimmsten in der Geschichte der USA. Weiße Arbeiter, viele davon Iren, wehrten sich dagegen, in den Krieg gegen die Sklaverei geschickt zu werden, während reiche New Yorker sich für 300 Dollar freikaufen konnten. Der Zorn entlud sich in brutaler Gewalt gegen die afroamerikanische Bevölkerung. Scorsese versteckt diese hässliche Wahrheit nicht. Er zeigt, wie der Mob New York in Brand steckt. Am Ende greift die Navy ein und beschießt die eigene Stadt. Das ist ein apokalyptisches Finale.
Die Rolle der Religion
Ein zentraler Konflikt ist die Spannung zwischen Katholiken und Protestanten. Für Bill und seine Leute sind die katholischen Iren Abgesandte des Papstes, die das amerikanische Erbe zerstören. Priester Vallon, Amsterdams Vater, wird als Märtyrer der Iren dargestellt. Sein Kreuz und sein Rasiermesser sind Symbole des Glaubens und des Kampfes. Diese religiöse Komponente gibt der Gewalt eine fast schon rituelle Note.
Die Filmmusik von Howard Shore
Musik spielt bei Scorsese immer eine tragende Rolle. Howard Shore schuf einen Soundtrack, der keltische Einflüsse mit modernen, fast schon industriellen Klängen mischt. Die Trommeln während der Kampfszenen treiben den Puls hoch. U2 steuerten den Song „The Hands That Built America“ bei, der die Brücke zur Gegenwart schlägt. Er erinnert uns daran, dass New York eine Stadt ist, die buchstäblich auf den Knochen und dem Schweiß dieser Menschen erbaut wurde.
Historische Ungenauigkeiten als künstlerische Freiheit
Natürlich ist nicht alles im Film historisch exakt. Bill the Butcher starb in Wirklichkeit schon Jahre vor den Draft Riots. Er war auch kein Metzger im großen Stil, sondern eher ein Schläger und Politiker. Aber das spielt keine Rolle. Scorsese nutzt die Geschichte, um eine größere Wahrheit über die menschliche Natur und den Aufbau von Gesellschaften zu erzählen. Er schafft einen Mythos. Ein Mythos braucht manchmal eine dramatische Zuspitzung, die über die reinen Fakten hinausgeht.
Die Kameraarbeit von Michael Ballhaus
Der deutsche Kameramann Michael Ballhaus war ein langjähriger Weggefährte von Scorsese. In diesem Epos zeigt er seine ganze Meisterschaft. Die Kamera fliegt förmlich durch die Gassen der Five Points. Wir sehen Plansequenzen, die uns mitten ins Geschehen ziehen. Wenn die Kamera von den ankommenden Schiffen im Hafen zu den Särgen schwenkt, die für den Krieg bereitstehen, braucht es keine Worte mehr. Das Bild erzählt alles über den Preis des Fortschritts.
Warum das Werk heute aktueller denn je ist
Wenn wir uns die heutige Debatte über Migration und Identität ansehen, wirkt dieser Film wie ein Spiegel der Gegenwart. Die Ängste der Nativisten von 1860 klingen erschreckend ähnlich wie die Parolen mancher Politiker von heute. Die Frage, wer ein „echter“ Amerikaner oder ein „echter“ Bürger ist, bleibt unbeantwortet. Scorsese zeigt uns, dass diese Konflikte tief in der DNA der modernen Gesellschaft verwurzelt sind. Frieden wird oft nicht durch Versöhnung, sondern durch Erschöpfung oder massive Gewalt erzwungen.
Die Darstellung von Gewalt
Manche Kritiker warfen dem Regisseur vor, die Gewalt zu ästhetisieren. Aber wer die Geschichte von New York kennt, weiß, dass sie gewalttätig war. Die Schlachten zwischen den Gangs wurden mit Messern, Beilen und Knüppeln ausgetragen. Schusswaffen waren teuer und unzuverlässig. Die Brutalität im Film ist notwendig, um die Fallhöhe der Charaktere zu verstehen. Wer in dieser Welt überleben wollte, durfte keine Schwäche zeigen.
Cameron Diaz als Jenny Everdeane
Oft wird die Leistung von Cameron Diaz unterschätzt. Sie spielt eine Taschendiebin und „Hustlerin“, die zwischen die Fronten gerät. Ihre Figur repräsentiert die Frauen jener Zeit, die oft nur durch Kriminalität oder die Gunst mächtiger Männer überleben konnten. Ihre Romanze mit Amsterdam wirkt manchmal etwas deplatziert im Vergleich zum blutigen Hauptplot, aber sie gibt der Geschichte eine menschliche Note. Sie zeigt, dass es selbst in diesem Schlachthaus Platz für Sehnsucht gibt.
Rezeption und Vermächtnis
Bei seinem Erscheinen im Jahr 2002 waren die Kritiker gespalten. Manche hielten ihn für zu lang, andere für ein Meisterwerk. Heute gilt er als einer der wichtigsten Filme des neuen Jahrtausends. Er markiert den Beginn der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Scorsese und DiCaprio. Man kann viel über die Geschichte New Yorks auf der offiziellen Seite der Museum of the City of New York lernen, um die Hintergründe besser zu verstehen. Dort findet man Ausstellungen, die genau die Ära beleuchten, die Scorsese so bildgewaltig inszeniert hat.
Oscar-Nominierungen und Enttäuschungen
Trotz zehn Nominierungen ging der Film bei den Oscars leer aus. Das war damals ein kleiner Skandal. Daniel Day-Lewis galt als sicherer Kandidat für den besten Hauptdarsteller. Aber vielleicht war das Werk der Akademie einfach zu düster und zu konfrontativ. Es ist kein Film, der dem Zuschauer schmeichelt. Er lässt einen mit einem flauen Gefühl im Magen zurück. Aber genau das macht gute Kunst aus.
Die technische Umsetzung der Schlachten
Die Choreografie der Massenszenen ist atemberaubend. Hunderte von Statisten mussten koordiniert werden. Scorsese verzichtete weitgehend auf digitale Verdopplung der Menschenmengen. Wenn zwei Armeen aufeinandertreffen, dann sieht man echte Körper, die aufeinanderprallen. Diese physische Präsenz ist in Zeiten von reinen CGI-Schlachten eine Wohltat. Man spürt die Wucht jedes Schlages.
Praktische Tipps für Filmfans
Wer diesen Klassiker heute sehen möchte, sollte sich Zeit nehmen. Er ist kein Fast-Food-Kino. Man muss sich auf die langsame Erzählweise und die komplexe politische Lage einlassen.
- Die richtige Version wählen: Achte darauf, die Blu-ray oder eine 4K-Version zu schauen. Die Detailfülle der Sets geht bei minderwertigen Streams verloren.
- Hintergrundwissen aneignen: Es lohnt sich, kurz etwas über die Draft Riots zu lesen. Das Verständnis für das Finale wird dadurch enorm gesteigert.
- Auf die Details achten: Achte in der Eröffnungsszene darauf, wie Bill das Messer wetzt. Es setzt den Ton für den gesamten Rest der Erzählung.
- Den Soundtrack genießen: Die Musik funktioniert auch wunderbar ohne das Bild. Sie ist ein Dokument der Musikethnologie.
Wer sich tiefer mit der Geschichte der Migration in dieser Zeit befassen will, sollte die Seiten des National Park Service zum Thema Ellis Island besuchen. Auch wenn Ellis Island erst später eröffnet wurde, bietet die Seite exzellente Einblicke in die Bedingungen, unter denen Menschen damals in den USA ankamen.
Am Ende bleibt ein Bild im Kopf: Der Blick über das heutige New York, während im Vordergrund die Gräber von Amsterdam und Bill langsam verwittern und verschwinden. Die Stadt verändert sich ständig. Sie wird neu gebaut, über alte Sünden hinweg. Was bleibt, ist das Fundament aus Blut und Schweiß. Scorsese hat diesem Fundament ein Denkmal gesetzt. Es ist nicht schön, aber es ist wahrhaftig. Wer verstehen will, wie moderne Metropolen entstehen, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Es ist eine Lektion in Geschichte, Macht und menschlichem Überlebenswillen. Letztlich ist jeder von uns ein Produkt dieser chaotischen Vergangenheit, egal wo wir herkommen. Die Five Points sind überall, wo Menschen um ihren Platz in der Welt kämpfen. Man muss nur genau hinsehen, um die Geister der Vergangenheit unter dem modernen Asphalt zu erkennen. Wer das tut, wird New York nie wieder mit denselben Augen sehen. Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem Regisseur machen kann. Er hat uns gezeigt, woher wir kommen. Auch wenn der Anblick schmerzhaft ist. Das ist echtes Kino. Das ist die Kraft der Erzählung. Und es ist ein Erlebnis, das lange nachwirkt. Wer es einmal gesehen hat, vergisst Bill the Butcher nie wieder. Sein Auge wacht immer noch über die Stadt. In jedem Konflikt, in jedem Streit um Identität. Er ist der Schatten, der über Manhattan liegt. Und Amsterdam ist das Licht, das versucht, diesen Schatten zu vertreiben. Ein ewiger Kreislauf. Ein ewiges New York.