Es gibt diesen weit verbreiteten Irrglauben, dass Fortsetzungen dazu da sind, die Geschichte ihres Vorgängers zu erklären oder dessen Welt zu erweitern. Viele Kinogänger erwarteten im Jahr 2004 eine direkte Fortführung der Jagd nach Hackern und politischen Verschwörungen, doch Mamoru Oshii lieferte mit Ghost In The Shell 2: Innocence etwas völlig anderes ab. Wer den Film zum ersten Mal sieht, fühlt sich oft vor den Kopf gestoßen. Wo ist die Protagonistin geblieben? Warum reden die Figuren in kryptischen Zitaten von Konfuzius, Milton und der Bibel, während sie durch visuell überladene Straßenschluchten wandern? Die Wahrheit ist, dass dieser Film kein Action-Spektakel im Cyberpunk-Gewand ist. Er ist ein radikaler Bruch mit dem Genre. Während der erste Teil noch fragte, was den Menschen zur Maschine macht, behauptet dieses Werk kühn, dass der Mensch längst nur noch eine schlecht funktionierende Puppe ist, die sich nach der Perfektion des Unbelebten sehnt.
Die Arroganz der Schöpfung in Ghost In The Shell 2: Innocence
In der Welt der Filmkritik wird oft behauptet, die visuelle Opulenz dieses Werks würde die Handlung erdrücken. Das ist ein fundamentales Missverständnis der Mechanik, die hier am Werk ist. Die detaillierten, fast schon erstickenden Hintergründe und die barocke Architektur sind kein Selbstzweck. Sie bilden den Rahmen für eine Welt, in der das Organische keinen Platz mehr hat. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich die Szene der Parade sah. Die Musik von Kenji Kawai dröhnt mit archaischen Chören, während mechanische Ungeheuer und Puppen durch die Straßen ziehen. Hier wird uns kein technischer Fortschritt gezeigt. Hier wird uns ein religiöses Begräbnis der Menschheit präsentiert. Wir sehen die totale Abwesenheit des Natürlichen. Wer behauptet, der Film sei zu kompliziert, hat lediglich versucht, ihn als Krimi zu lesen. Doch die Kriminalhandlung um Amok laufende Sex-Androiden ist nur der Köder.
Der Kern der Erzählung liegt in der Beziehung zwischen dem Cyborg-Detektiv Batou und seinem Hund, einem Bassethound. Dieser Hund ist das einzige Wesen im Film, das keine philosophischen Traktate zitiert. Er ist einfach da. Er ist die letzte Verbindung zu einer Welt, die nicht aus Silizium und Code besteht. Oshii nutzt diesen Kontrast, um uns vor Augen zu führen, wie sehr wir uns in unseren eigenen Konstrukten verfangen haben. Die Menschen in dieser Welt versuchen krampfhaft, Geist in leblose Materie zu pressen, weil sie ihre eigene Sterblichkeit und Unzulänglichkeit nicht ertragen. Es geht nicht um die Angst vor der künstlichen Intelligenz. Es geht um den Neid auf die Maschine. Die Maschine leidet nicht unter dem Bewusstsein. Sie ist rein.
Das Ende des Anthropozentrums
Wenn wir über künstliches Leben sprechen, verfallen wir meist in zwei Extreme. Entweder fürchten wir uns vor der Auslöschung durch Roboter oder wir träumen von der Unsterblichkeit durch den Upload unseres Geistes. Dieses Feld der Debatte wird hier komplett verlassen. Der Film schlägt vor, dass die Trennung zwischen Mensch, Tier und Puppe rein willkürlich ist. In einer zentralen Szene im Anwesen des Hackers Locus Solus verschwimmen die Grenzen der Realität so sehr, dass man als Zuschauer den Boden unter den Füßen verliert. Das ist kein erzählerischer Fehler. Das ist die Demonstration einer Existenz, in der Daten und Erinnerungen austauschbar geworden sind.
Ein starkes Gegenargument von Skeptikern lautet oft, dass die ständigen Zitate die Charaktere leblos wirken lassen. Man sagt, niemand redet so. Aber genau das ist der Punkt. Batou und sein Partner Togusa sind keine Menschen im klassischen Sinne. Sie sind Archive. In einer hochgradig vernetzten Welt, in der jedes Gehirn direkt mit dem Internet verbunden ist, gibt es keine originären Gedanken mehr. Man greift auf das Kollektivwissen der Menschheit zu, um die eigene Leere zu füllen. Wenn Batou zitiert, dann nicht, um klug zu wirken. Er tut es, weil sein eigenes Ich bereits so weit erodiert ist, dass er nur noch durch die Worte anderer existieren kann. Das ist die bittere Realität der totalen Vernetzung. Wir werden zu Kuratoren von Informationen, anstatt Schöpfer von Erfahrungen zu sein.
Die Puppe als Idealbild
Man muss sich die Mechanik der Puppen genauer ansehen, um die philosophische Tiefe zu begreifen. In der japanischen Kultur haben Puppen eine andere Bedeutung als im Westen. Sie sind keine bloßen Spielzeuge. Sie sind Gefäße. Die Androiden, die im Zentrum der Ermittlung stehen, begehen keinen Mord aus Fehlfunktionen. Sie begehen Selbstmord, indem sie Menschen angreifen, um Hilfe herbeizurufen. Das ist die ultimative Ironie. Die Maschinen entwickeln einen Überlebensinstinkt, der sie dazu bringt, ihre eigene Zerstörung zu suchen, nur um dem Joch der menschlichen Programmierung zu entkommen.
Das Institut für Robotik in Tokio hat oft untersucht, wie Menschen auf menschenähnliche Maschinen reagieren. Das Phänomen des Uncanny Valley beschreibt das Unbehagen, das wir empfinden, wenn etwas fast, aber nicht ganz menschlich aussieht. Der Film kehrt dieses Prinzip um. Das Unbehagen entsteht hier nicht durch die Maschine, sondern durch das menschliche Verlangen, alles nach seinem Ebenbild zu formen. Wir vergewaltigen die Materie, indem wir ihr unser Bewusstsein aufzwingen. Die Reinheit der Puppe wird durch den menschlichen Geist beschmutzt. Das ist die wahre Bedeutung des Titels, die Unschuld geht verloren, sobald der Geist in die Schale einzieht.
Die Einsamkeit des Cyborgs
Batou ist eine tragische Figur, weil er zwischen den Welten festsitzt. Er ist zu viel Maschine, um ein normales Leben zu führen, aber zu viel Mensch, um die emotionslose Ruhe der reinen Software zu finden. Seine Suche nach seiner ehemaligen Partnerin, der Major, ist keine Liebesgeschichte. Es ist die Suche nach einem Beweis, dass Individualität im digitalen Ozean überleben kann. Die Antwort, die Ghost In The Shell 2: Innocence liefert, ist jedoch ernüchternd. Die Major ist überall und nirgends. Sie hat ihre Menschlichkeit nicht bewahrt, sie hat sie abgelegt wie ein altes Kleidungsstück.
Wir klammern uns an die Vorstellung, dass unsere Persönlichkeit etwas Einzigartiges ist. Aber wenn man jede Gehirnzelle durch einen Mikrochip ersetzen kann, wo bleibt dann das Ich? Der Film zeigt uns eine Welt, in der die Antwort auf diese Frage egal geworden ist. Es gibt nur noch Funktionen und Datenströme. Dass Batou am Ende allein in seiner Wohnung sitzt und seinen Hund füttert, ist der einzige Moment echter Menschlichkeit in einer Welt aus Stahl und Neonlicht. Es ist ein Akt der Sinnlosigkeit in einer Welt, die nur noch auf Effizienz getrimmt ist. Und genau darin liegt die einzige Form von Freiheit, die noch übrig bleibt.
Oshii verlangt seinem Publikum viel ab. Er verweigert die einfache Auflösung. Es gibt keinen Schurken, den man besiegen kann, um die Welt zu retten. Das System selbst ist das Problem, und wir sind Teil dieses Systems. Die Technik ist nicht das Werkzeug, sie ist die Umgebung. Man kann nicht gegen das Wasser kämpfen, wenn man ein Fisch ist. Wir haben uns eine Umgebung geschaffen, in der das Menschliche als Störfaktor empfunden wird. Unsere Fehler, unsere Emotionen, unsere Endlichkeit passen nicht in die perfekte Architektur der digitalen Welt.
Wenn man heute auf die Entwicklungen in der Robotik und der künstlichen Intelligenz blickt, erkennt man, wie prophetisch dieser Ansatz war. Wir arbeiten unermüdlich daran, Maschinen zu erschaffen, die uns ersetzen können, während wir gleichzeitig versuchen, uns selbst durch Technik zu optimieren. Wir bewegen uns auf einen Punkt zu, an dem der Unterschied nicht mehr messbar sein wird. Doch statt der erhofften Evolution könnte uns eine totale Entfremdung bevorstehen. Wir werden zu Fremden im eigenen Körper, gesteuert von Algorithmen und fremden Daten.
Man kann diesen Film nicht einfach konsumieren. Man muss ihn erleiden. Er ist ein visueller und auditiver Angriff auf unsere anthropozentrische Weltanschauung. Wer nach dem Abspann behauptet, alles verstanden zu haben, hat wahrscheinlich gar nichts verstanden. Es geht nicht um Verständnis. Es geht um das Gefühl der Ohnmacht angesichts einer Welt, die uns nicht mehr braucht. Die Maschinen brauchen uns nicht, um zu existieren, und die Götter brauchen uns nicht, um angebetet zu werden. Wir sind die einzige Spezies, die sich aktiv daran beteiligt, ihre eigene Bedeutungslosigkeit zu zementieren.
Die wahre Erkenntnis liegt darin, dass wir die Puppen nicht fürchten sollten, weil sie uns ähnlich werden, sondern weil wir bereits genau wie sie geworden sind.
Wir sind die Geister, die verzweifelt versuchen, in einer Welt aus leeren Hüllen eine Bedeutung zu finden, die es nie gab.