hotel sextantio le grotte della civita

hotel sextantio le grotte della civita

Der Abendwind in Matera trägt den Geruch von feuchtem Kalkstein und verbranntem Olivenholz mit sich. Wenn die Sonne hinter den zerklüfteten Plateaus der Murgia verschwindet, verwandeln sich die Sassi in ein Meer aus Schatten, in dem das Gelb der spärlichen Straßenlaternen wie verlorene Sterne wirkt. In einem dieser Schatten, tief im Gestein verborgen, sitzt ein Gast auf einer hölzernen Bank und lauscht der Stille. Es ist eine Stille, die nicht leer ist, sondern dicht, fast stofflich, als würden die Wände aus Tuffstein die Gespräche von tausend Jahren gespeichert haben. Dieser Ort, heute bekannt als Hotel Sextantio Le Grotte Della Civita, ist weit mehr als eine Unterkunft für Reisende auf der Suche nach Exklusivität. Es ist ein Experiment in radikaler Empathie mit der Vergangenheit, ein Rückzugsort, der den Komfort der Moderne gegen die Würde des Archaischen eingetauscht hat. Hier unten, wo die Luft kühl bleibt, während draußen die süditalienische Hitze den Asphalt flimmern lässt, verschwimmen die Grenzen zwischen dem Gast von heute und den Hirten von gestern.

Man muss die Geschichte der Sassi verstehen, um die Schwere der Luft in diesen Räumen zu begreifen. Noch in den 1950er Jahren nannte der Schriftsteller Carlo Levi diese Höhlensiedlungen die Schande Italiens. Menschen lebten dort unter Bedingungen, die man sich heute kaum vorstellen kann: Großfamilien teilten sich feuchte Grotten mit Eseln und Hühnern, das Wasser war brackig, die Kinderkrankheiten rafften die Jüngsten dahin. Als die Regierung die Evakuierung der Sassi anordnete, ließen die Menschen nicht nur ein Elendsviertel zurück, sondern eine Identität. Die Höhlen wurden zugemauert, vergessen, dem Verfall preisgegeben. Erst Jahrzehnte später kehrte das Leben zurück, doch es war ein anderes Leben. Es war ein Leben, das von Visionären wie Daniele Kihlgren geprägt wurde, der das Potenzial im Verfall sah. Er verstand, dass man die Geschichte nicht übertünchen darf, wenn man ihre Seele bewahren will.

Das Licht in den Zimmern ist spärlich. Es gibt keine blinkenden Minibars, keine überdimensionierten Fernseher, keine glänzenden Marmorböden. Stattdessen findet man Kerzenwachs auf rauen Steinplatten und handgewebte Leinenlaken, die sich kühl auf der Haut anfühlen. Wer hier übernachtet, lässt den Lärm der digitalen Welt am Eingang ab. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen die Reizüberflutung. In der Krypta, die heute als Frühstücksraum dient, brennen morgens hunderte Kerzen, während der Duft von frischem Ricotta und hausgemachtem Brot durch die hohen Gewölbe zieht. Es ist ein ritueller Akt des Seins, der den Gast dazu zwingt, das Tempo zu drosseln. Man hört das Klappern des Bestecks auf Keramik, das Echo eines Lachens, das von den fernen Wänden zurückgeworfen wird. Die Akustik dieser Räume ist so präzise, dass jedes Flüstern wie ein Geheimnis wirkt, das nur darauf wartet, gelüftet zu werden.

Die Philosophie der Erhaltung im Hotel Sextantio Le Grotte Della Civita

Die Restaurierung dieser Anlage war kein herkömmliches Bauprojekt. Es war eine archäologische Mission. Jede Veränderung am Gestein wurde mit einer Sorgfalt vorgenommen, die fast an Ehrfurcht grenzt. Man verwendete Materialien, die bereits vor Jahrhunderten vorhanden waren: Kalkmörtel, wiedergewonnenes Holz, Eisen. Die Heizungsrohre und Stromleitungen wurden so versteckt, dass sie die visuelle Integrität der Höhle nicht stören. Es ist diese Unsichtbarkeit der Technik, die den Ort so authentisch macht. Man spürt die Wärme unter den Füßen, sieht aber keine Heizkörper. Man genießt das fließende Wasser, doch die Armaturen wirken wie Fundstücke aus einer anderen Zeit. Dieser Ansatz, den Kihlgren als „diffuses Hotel“ perfektionierte, rettete nicht nur Gebäude, sondern ganze kulturelle Landschaften vor dem Ausverkauf an den Massentourismus.

In Deutschland blicken Architekten oft mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung auf solche Projekte. Während man hierzulande oft dazu neigt, Altes so perfekt zu sanieren, dass es wie neu aussieht, lässt man in Matera die Narben der Zeit offen liegen. Man sieht die Rußspuren alter Feuerstellen an der Decke, die Einkerbungen im Stein, wo einst die Tiere angebunden waren. Es ist eine Ästhetik des Unperfekten, die uns daran erinnert, dass Schönheit oft in der Vergänglichkeit liegt. Ein Riss in der Wand ist hier kein Mangel, sondern eine Zeile in einem langen Gedicht. Wer durch die Gassen der Civita geht, tritt auf Steine, die von Millionen Schritten glatt poliert wurden. Jeder Stein erzählt von der Mühsal der Arbeit, vom Wasserholen am Brunnen, von den Prozessionen zu Ehren der Madonna della Bruna.

Der Tourismus ist ein zweischneidiges Schwert, besonders an Orten von solch fragiler Schönheit. Matera wurde 2019 zur Kulturhauptstadt Europas gekürt, was einen Ansturm auslöste, den die Stadt kaum bewältigen konnte. Doch Orte wie dieser hier bieten ein Gegengewicht. Sie ziehen Menschen an, die nicht nur ein Foto für soziale Netzwerke suchen, sondern eine Erfahrung, die sie verändert. Es geht um die Rückbesinnung auf das Wesentliche. Wenn man nachts auf der Terrasse sitzt und über das Tal der Gravina blickt, wo die Lichter der Stadt wie Glühwürmchen wirken, fühlt man sich klein und gleichzeitig tief verbunden mit der Welt. Es ist ein Gefühl der Demut vor der Dauerhaftigkeit des Berges und der Flüchtigkeit des menschlichen Lebens.

Die soziale Komponente darf dabei nicht vergessen werden. Die Wiederbelebung der Sassi hat der lokalen Bevölkerung ihren Stolz zurückgegeben. Lange Zeit schämten sich die Bewohner von Matera für ihre Herkunft aus den Höhlen. Heute ist die Stadt ein Symbol für Resilienz und kreative Erneuerung. Junge Handwerker beleben alte Techniken der Keramikherstellung und Weberei wieder, Köche interpretieren die „Cucina Povera“, die Küche der Armen, neu und verwandeln einfache Zutaten wie Saubohnen und Chicorée in kulinarische Meisterwerke. Es ist eine Renaissance, die von unten gewachsen ist, getragen von der Überzeugung, dass Fortschritt nicht immer Zerstörung bedeuten muss.

Die Stille als Luxusgut

In einer Welt, in der wir ständig erreichbar sein müssen, wird Stille zum teuersten Gut. In den Höhlenräumen gibt es keinen Handyempfang, der dickwandige Tuffstein schirmt die elektromagnetischen Wellen der Außenwelt ab wie ein schützender Kokon. Anfangs mag das für manchen Gast beunruhigend sein, doch bald setzt eine Entspannung ein, die körperlich spürbar wird. Die Atemfrequenz sinkt, der Blick wird ruhiger. Man beginnt, Details wahrzunehmen: das Spiel des Kerzenlichts an der rauen Decke, das ferne Läuten der Kirchenglocken, das Geräusch des eigenen Atems. Es ist eine Form der Meditation, die ganz ohne Anleitung auskommt. Die Architektur übernimmt hier die Rolle des Lehrers.

Wissenschaftler der Universität Basilicata haben sich intensiv mit dem Mikroklima der Sassi beschäftigt. Die Höhlen funktionieren wie natürliche Thermoskannen. Im Winter speichern sie die Wärme der Erde, im Sommer bieten sie natürliche Kühlung. Dieses Wissen der Vorfahren, das über Generationen weitergegeben wurde, ist heute aktueller denn je, wenn wir über nachhaltiges Bauen und Energieeffizienz diskutieren. Wir lernen von einer Architektur, die ohne Architekten entstanden ist, allein aus der Notwendigkeit und der genauen Beobachtung der Natur heraus. Es ist ein organischer Städtebau, der sich den Konturen des Berges anpasst, anstatt ihn zu unterwerfen.

Wenn man sich in die Geschichte vertieft, begegnet man Namen wie Adriano Olivetti, dem Schreibmaschinenhersteller und Sozialreformer, der sich bereits in den 1950er Jahren für eine menschenwürdige Sanierung der Sassi einsetzte. Er glaubte an eine Gemeinschaft, in der Technik und Kultur Hand in Hand gehen. Auch wenn seine radikalen Pläne damals am politischen Widerstand scheiterten, lebt sein Geist in Projekten wie diesem weiter. Es geht um die Verantwortung gegenüber dem Ort und seinen Menschen. Ein Hotel darf kein Fremdkörper sein, sondern muss ein integraler Bestandteil des sozialen Gewebes sein.

Die Gäste kommen aus allen Teilen der Welt nach Süditalien. Sie bringen ihre eigenen Geschichten mit, doch wenn sie die Schwelle zu ihrer Grotte überschreiten, werden sie alle gleich. In der Dunkelheit der Höhle spielen Status und Herkunft keine Rolle mehr. Man ist reduziert auf das Menschsein in seiner reinsten Form. Es ist eine Rückkehr in den Schoß der Erde, ein archaisches Erlebnis, das tief in unserem kollektiven Gedächtnis verankert ist. Vielleicht ist es genau das, was wir in unserer hochtechnisierten Gegenwart so dringend suchen: einen Ort, der uns erdet, im wahrsten Sinne des Wortes.

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Ein Dialog zwischen den Zeiten

Wer die Treppen hinuntersteigt, die von der Oberstadt in das Herz der Sassi führen, verlässt die lineare Zeit. Hier unten scheint die Zeit im Kreis zu laufen, getaktet durch den Stand der Sonne und den Wechsel der Jahreszeiten. Das Projekt Hotel Sextantio Le Grotte Della Civita fungiert dabei als Brücke. Es ist kein Museum, in dem man die Vergangenheit nur hinter Glas betrachten kann. Man bewohnt sie. Man schläft in ihr. Man atmet sie ein. Diese Unmittelbarkeit ist es, die die Emotionen weckt. Es ist ein Gefühl der Geborgenheit, das seltsamerweise aus einem Ort des einstigen Elends erwächst. Vielleicht liegt das daran, dass die Räume mit so viel Liebe zum Detail und Respekt vor der ursprünglichen Funktion gestaltet wurden.

Man kann die Anstrengung der Arbeiter fast noch spüren, die diese Hohlräume mit einfachen Werkzeugen aus dem Fels geschlagen haben. Jeder Schlag eines Meißels war ein Kampf gegen den Berg, ein Ringen um Raum zum Leben. Heute genießen wir den Minimalismus dieser Räume, doch wir sollten nicht vergessen, dass dieser Minimalismus einst bittere Notwendigkeit war. Diese Spannung zwischen gestern und heute macht den Reiz aus. Es ist ein ständiger Dialog, ein Flüstern zwischen den Generationen. Die jetzige Nutzung ist nur eine weitere Schicht in der langen Geschichte dieser Mauern, eine Phase der Erholung, bevor die Zeit sie irgendwann wieder in den Berg zurückholt.

Die Abende in Matera haben eine eigene Melancholie. Wenn der Nebel aus der Schlucht aufsteigt und die fernen Lichter der Murgia verschluckt, fühlt man sich wie am Ende der Welt. Doch es ist ein schönes Ende. Man kehrt zurück in seine Grotte, entzündet eine letzte Kerze und lässt den Tag Revue passieren. Es gibt keine Ablenkung, kein Rauschen im Hintergrund. Nur man selbst und der Stein. In diesen Momenten versteht man, dass wahrer Luxus nichts mit Überfluss zu tun hat, sondern mit der Abwesenheit des Unnötigen. Es geht um die Klarheit des Geistes und die Wärme des Herzens.

In der Ferne hört man vielleicht noch einen einsamen Hund bellen oder das ferne Echo eines Autos oben auf der Piazza Pascoli. Doch hier unten, tief im Gestein, bleibt alles still. Die Wände sind dick genug, um die Sorgen der Welt draußen zu halten. Man legt sich in das grobe Leinen und spürt die Schwere der Decke. Es ist ein traumloses Schlafen, tief und fest, als würde man eins werden mit dem Berg. Wenn am nächsten Morgen das erste Licht durch den kleinen Spalt über der Tür fällt, weiß man für einen kurzen Moment nicht, in welchem Jahrhundert man erwacht ist. Und genau das ist das größte Geschenk, das dieser Ort seinen Besuchern machen kann.

Der Kaffee schmeckt hier anders. Er ist stark, schwarz und wird in kleinen, schweren Tassen serviert. Man trinkt ihn draußen auf der kleinen Terrasse, während die Stadt langsam erwacht. Die ersten Touristen mit ihren Kameras ziehen oben an der Balustrade vorbei, doch hier unten bleibt man ungestört. Man beobachtet eine Eidechse, die sich auf einem warmen Stein sonnt, oder einen Falken, der hoch über der Schlucht seine Kreise zieht. Es ist ein Moment der absoluten Präsenz. Man plant nicht den nächsten Ausflug, man checkt keine E-Mails. Man ist einfach nur da.

Das Erbe der Sassi ist eine Mahnung an uns alle. Es zeigt uns, dass Zivilisationen kommen und gehen, dass das, was heute als Schande gilt, morgen als Weltkulturerbe gefeiert werden kann. Es lehrt uns Flexibilität und Ausdauer. Vor allem aber zeigt es uns, dass wir Orte brauchen, an denen wir innehalten können. Das Hotel ist kein Ziel an sich, sondern ein Ausgangspunkt für eine innere Reise. Es fordert uns heraus, unsere Vorstellungen von Komfort und Fortschritt zu hinterfragen. Sind wir wirklich glücklicher in unseren klimatisierten Glaspalästen? Oder fehlt uns die Verbindung zur Materie, zum Boden, auf dem wir stehen?

Wenn die Abreise naht, fällt es schwer, die Höhle zu verlassen. Man hat sich an die Kühle gewöhnt, an die gedämpften Farben, an die Langsamkeit. Man packt seine Sachen, die plötzlich so bunt und fremd in dieser grauen Steinwelt wirken. Der Weg nach oben ist steil, und mit jedem Schritt kehrt der Lärm der Stadt zurück. Die hupenden Autos, die lauten Stimmen der Verkäufer, das Klingeln der Mobiltelefone. Man wirft einen letzten Blick zurück in die Schlucht, auf die in den Fels gehauenen Fassaden, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert haben.

In der Tasche trägt man vielleicht einen kleinen Stein als Andenken, ein Stück Tuff, das sich in der Handfläche noch warm anfühlt. Es ist ein Versprechen, dass man irgendwann zurückkehren wird. Nicht als Tourist, sondern als jemand, der die Stille sucht. Die Geschichte Materas ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Sie schreibt sich jeden Tag fort, in jedem Gast, der den Mut hat, sich auf die Dunkelheit und die Geschichte einzulassen. Am Ende bleibt nur das Gefühl von Beständigkeit in einer sich ständig wandelnden Welt.

Die Kerzen in der alten Kirche sind längst erloschen, aber ihr Duft hängt noch immer in der kühlen Morgenluft.

HH

Hannah Hartmann

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Hannah Hartmann Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.