im covering my ears like a kid

im covering my ears like a kid

Der Asphalt in der Berliner Friedrichstraße vibriert unter den Sohlen, ein tiefer, grollender Bass, der weniger ein Geräusch als vielmehr eine physische Erschütterung darstellt. Es ist Dienstagabend, die Rushhour hat ihren hysterischen Höhepunkt erreicht. Sirenen schneiden durch die Luft, das Quietschen der U-Bahn-Schienen dringt aus den Lüftungsschächten nach oben, und irgendwo streiten sich zwei Taxifahrer in einer Lautstärke, die den umliegenden Beton erzittern lässt. Mitten in diesem Orkan aus Reizen steht eine junge Frau, die Augen fest geschlossen, die Schultern bis zu den Ohrläppchen hochgezogen. Ihre Hände pressen sich so fest gegen ihren Kopf, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Es ist eine instinktive Geste des Rückzugs, ein verzweifelter Versuch, die Außenwelt auszusperren, während ihre Lippen lautlos formen: Im Covering My Ears Like A Kid. In diesem Moment ist sie nicht mehr die Architektin auf dem Weg zum Feierabend, sondern ein Wesen, das vor der schieren Übermacht der modernen Existenz kapituliert.

Dieser Zustand der sensorischen Überlastung ist längst kein individuelles Schicksal mehr. Wir leben in einer Epoche, die das Schweigen abgeschafft hat. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Lärmverschmutzung mittlerweile als eines der größten Umweltrisiken für die körperliche und geistige Gesundheit in Europa ein. Es geht dabei nicht nur um die Dezibelzahl eines vorbeifliegenden Flugzeugs oder den Presslufthammer vor dem Fenster. Es geht um die unaufhörliche Flut an Informationen, Benachrichtigungen und Erwartungen, die wie ein tückisches Rauschen in unsere intimsten Rückzugsorte sickert. Wenn wir die Hände auf die Ohren legen, versuchen wir nicht bloß, den Krach zu dämpfen. Wir versuchen, den Kern unseres Selbst vor der Auflösung in einer Kakofonie zu bewahren, die keine Pausentaste kennt.

In den späten 1960er Jahren untersuchte der Psychologe Stanley Milgram das Phänomen der Überreizung in Großstädten. Er stellte fest, dass Menschen, die einer ständigen Flut von Reizen ausgesetzt sind, Schutzmechanismen entwickeln müssen, um funktionsfähig zu bleiben. Sie werden selektiver, kühler, manchmal fast grausam in ihrer Ignoranz gegenüber ihrer Umgebung. Aber was passiert, wenn diese Filter versagen? Wenn die Mauer, die wir um unsere Wahrnehmung errichtet haben, Risse bekommt? Die Biologie des Stresses kennt keine Gnade. Das Cortisol flutet das System, der Herzschlag beschleunigt sich, und das Gehirn schaltet in einen archaischen Überlebensmodus. In diesem Modus gibt es keine Nuancen mehr, nur noch den Drang zur Flucht.

Die Psychologie hinter Im Covering My Ears Like A Kid

Die Rückkehr zu kindlichen Abwehrmechanismen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt der psychischen Notwehr. Psychotherapeuten beobachten immer häufiger, dass Patienten in Momenten extremer Belastung Verhaltensweisen zeigen, die man eigentlich in der Sandkiste verorten würde. Das Zusammenrollen in Embryonalstellung, das repetitive Summen oder eben das buchstäbliche Zuhalten der Ohren. Es ist eine Form der Regression, die als Puffer dient. In einer Welt, die von uns verlangt, permanent präsent, belastbar und informiert zu sein, wird die Verweigerung der Aufnahmebereitschaft zu einer fast revolutionären Tat.

Wir haben verlernt, wie sich echte Stille anfühlt. In Deutschland ergab eine Studie des Umweltbundesamtes, dass sich über die Hälfte der Bevölkerung durch Lärm belästigt fühlt, wobei der Straßenverkehr der Hauptverursacher bleibt. Doch der digitale Lärm ist weitaus schwieriger zu messen. Er schleicht sich durch die Glasfaserleitungen in unsere Schlafzimmer. Er ist das leise Vibrieren des Smartphones auf dem Nachttisch, das uns signalisiert, dass die Welt da draußen Forderungen an uns stellt, selbst wenn wir eigentlich träumen sollten. Diese ständige Erreichbarkeit führt zu einer kognitiven Erschöpfung, die Neurologen als „Ego-Depletion“ bezeichnen. Unsere Willenskraft wird aufgebraucht, bis wir am Ende eines langen Tages vor einer simplen Entscheidung stehen – was essen wir zu Abend? – und uns fühlen, als müssten wir eine Gleichung der Quantenphysik lösen.

Es gibt einen Moment in der Kindheit, an den sich viele erinnern können: Wenn die Erwachsenen streiten oder der Fernseher zu laut läuft, kriechen wir unter den schweren Esstisch, legen die Hände über den Kopf und erschaffen uns eine eigene, kleine Kathedrale der Ruhe. Als Erwachsene haben wir diesen Tisch verloren. Wir stehen mitten im Raum, nackt unter dem Scheinwerferlicht der Erwartungen. Das Verlangen, sich einfach die Ohren zuzuhalten, entspringt dem Wunsch nach dieser verlorenen Grenze zwischen dem Ich und dem Chaos. Es ist die Sehnsucht nach einem Raum, in dem nichts gefordert wird und nichts eindringt.

Der Neurowissenschaftler Seth Horowitz beschreibt das Gehör als den Sinn, der niemals schläft. Während wir die Augen schließen können, bleiben unsere Ohren Wächter. Sie sind darauf programmiert, im Dickicht der Geräusche das Knacken eines Zweiges zu hören – oder heute das Ping einer E-Mail. Diese evolutionäre Programmierung, die uns einst vor Raubtieren rettete, wird uns nun zum Verhängnis. Wir sind biologisch nicht darauf ausgelegt, in einer Umgebung zu leben, in der das Signal-Rausch-Verhältnis permanent ins Negative kippt. Die ständige Alarmbereitschaft verschleißt die Synapsen. Wir werden dünnhäutig, gereizt und schließlich stumpf.

Wenn die Welt zu laut wird für die Seele

Manchmal reicht ein einziger Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Für den einen ist es die dritte Verspätung der Bahn in Folge, für den anderen die Nachricht über eine weitere globale Krise auf dem Bildschirm. In diesen Augenblicken wird die Geste Im Covering My Ears Like A Kid zu einer sichtbaren Manifestation des inneren Zusammenbruchs. Es ist die Grenze der Empathie, die erreicht ist. Wir können nicht mehr mitfühlen, nicht mehr mitleiden und nicht mehr mitdenken, weil unser interner Speicher voll ist. Die Welt bittet um Aufmerksamkeit, und wir haben keine Münzen mehr in der Tasche, um sie zu bezahlen.

In Skandinavien gibt es Konzepte wie „Friluftsliv“, das Leben an der frischen Luft, das weit über das bloße Wandern hinausgeht. Es ist die bewusste Entscheidung, sich der künstlichen Reizwelt zu entziehen und sich der natürlichen Monotonie der Natur auszusetzen. Das Rauschen des Windes in den Kiefern ist kein Lärm, es ist weißes Rauschen, das das Gehirn beruhigt, anstatt es zu fordern. In Deutschland suchen Menschen vermehrt Klöster auf, nicht unbedingt aus religiösen Gründen, sondern wegen des Schweigegebots. Sie zahlen Geld dafür, dass niemand mit ihnen spricht und sie mit niemandem sprechen müssen. Es ist der verzweifelte Versuch, die Architektur der eigenen Gedanken wieder aufzubauen, nachdem sie vom Sturm der Zivilisation dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Die Architektur des modernen Lebens ist auf Effizienz und Transparenz ausgelegt. Offene Bürolandschaften, Glaswände, Coworking Spaces – alles soll den Austausch fördern. Doch was dabei oft auf der Strecke bleibt, ist die psychologische Privatsphäre. Der Mensch braucht akustische Territorien. Wenn wir diese nicht mehr finden, ziehen wir uns in uns selbst zurück. Die Kopfhörer, die man heute überall im Stadtbild sieht, sind die modernen Mauern. Sie sind die technische Version der Hände auf den Ohren. Wir erschaffen uns eine künstliche Klangblase, um die echte Welt zu übertönen. Doch auch das ist nur eine weitere Form der Beschallung, ein Kampf Feuer gegen Feuer, der uns am Ende noch erschöpfter zurücklässt.

Forschungsergebnisse der Universität Oldenburg zeigen, dass Menschen, die in dauerhaft lauten Umgebungen leben, ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen tragen. Das Gehör leitet den Stress direkt an das vegetative Nervensystem weiter. Selbst wenn wir glauben, uns an den Lärm gewöhnt zu haben, reagiert unser Körper weiterhin mit Alarm. Die Geste des Ohrenzuhaltens ist also nicht nur ein psychologisches Symbol, sondern ein biologischer Imperativ. Es ist das System, das versucht, den Stecker zu ziehen, bevor die Sicherung durchbrennt.

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Es gibt eine alte Geschichte über einen Reisenden, der in eine Stadt kommt, in der alle Bewohner schreien, um sich zu verständigen. Er fragt einen weisen Mann, warum sie das tun. Der Weise antwortet: Sie haben vergessen, dass man auch flüstern kann, und nun haben sie solche Angst vor der Stille, dass sie den Lärm brauchen, um zu wissen, dass sie noch da sind. Wir sind diese Stadtbewohner geworden. Wir füllen jede Lücke, jede Sekunde des Wartens mit Inhalten, mit Tönen, mit Licht. Die Stille ist uns fremd geworden, sie wirkt bedrohlich, weil sie uns mit uns selbst konfrontiert. Wenn es absolut ruhig ist, hören wir nicht nichts – wir hören unsere eigenen Zweifel, unsere Sehnsüchte und unsere Einsamkeit.

Vielleicht ist die Geste der Frau in der Friedrichstraße keine Kapitulation, sondern eine notwendige Zäsur. Ein Moment, in dem sie sich weigert, Teil der lärmenden Maschine zu sein. In der Stille hinter ihren Handflächen findet sie vielleicht das kleine Stückchen Raum zurück, das nur ihr gehört. Wir müssen lernen, diesen Raum zu verteidigen, ohne dass wir erst am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen müssen. Es erfordert Mut, den Ton abzudrehen, die Benachrichtigungen stumm zu schalten und die eigene Isolation nicht als Makel, sondern als Heilung zu begreifen.

Die Welt wird nicht leiser werden. Die Triebwerke der Globalisierung, die Algorithmen der Aufmerksamkeit und die unermüdliche Energie der Städte werden weiterhin gegen unsere Schläfen hämmern. Doch wir haben die Macht über unsere eigenen Hände. Wir haben das Recht, uns abzuwenden, den Blick zu senken und uns für einen Moment der Wahrnehmung zu entziehen. Es ist keine Flucht vor der Realität, sondern die Sicherung der Basis, von der aus wir der Realität überhaupt erst begegnen können.

Am Ende des Tages, wenn die Sirenen in der Ferne verhallen und das Licht der Straßenlaternen in die Zimmer wirft, bleibt die Frage, was wir hören wollen, wenn wir die Hände wieder von den Ohren nehmen. Wollen wir das Echo des Chaos hören oder den Klang unseres eigenen Atems? Die Fähigkeit, die Welt für einen Moment auszuschalten, ist vielleicht die wichtigste Überlebensstrategie unserer Zeit. Sie ist der Anker in einer flüchtigen Welt, die vergessen hat, wie man innehält.

Die junge Frau in der Friedrichstraße lässt langsam die Hände sinken. Ihr Gesicht ist jetzt ruhig, fast glatt, als hätte sie in der Dunkelheit hinter ihren Lidern einen geheimen Schatz gefunden. Sie atmet einmal tief ein, die Luft schmeckt nach Abgasen und Regen, aber ihr Blick ist klar. Sie tritt vom Rand des Gehwegs und geht los, nicht mehr getrieben, sondern gehend, einen Fuß vor den anderen, durch den Lärm hindurch, der sie nun nicht mehr erreichen kann. Ein Kind weiß instinktiv, wann es genug ist. Wir müssen es nur wieder lernen.

Die Welt dreht sich weiter, laut und fordernd, doch in ihrem Inneren herrscht für diesen einen Herzschlag lang vollkommene, unantastbare Ruhe.

HH

Hannah Hartmann

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Hannah Hartmann Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.