i'm not the only one

i'm not the only one

Die Kulturstiftung des Bundes gab am Montag in Halle an der Saale bekannt, dass sie die bundesweite Initiative I'm Not The Only One mit einer Fördersumme von 1,2 Millionen Euro unterstützen wird. Ziel des Projekts ist die Vernetzung von Solokünstlern in ländlichen Regionen Deutschlands, um den strukturellen Auswirkungen sinkender öffentlicher Mittel für die freie Szene entgegenzuwirken. Die Entscheidung fiel nach einer dreimonatigen Begutachtung durch eine unabhängige Fachjury, die das Konzept als beispielgebend für die künftige Kulturförderung im ländlichen Raum einstufte.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth erklärte in einer Pressemitteilung des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung, dass die Stärkung lokaler Netzwerke eine zentrale Säule der aktuellen Kulturpolitik bilde. Das Programm reagiert auf Daten des Statistischen Bundesamtes, nach denen das Realeinkommen freischaffender Künstler in Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern seit 2021 um durchschnittlich 12 Prozent sank. Die Projektverantwortlichen planen, die Mittel primär in die Schaffung digitaler Infrastrukturen und regionaler Koproduktionsbüros zu investieren.

Die strukturelle Relevanz von I'm Not The Only One

Die organisatorische Leitung der Maßnahme liegt beim Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, der die Koordination der regionalen Knotenpunkte übernimmt. Der Verband stellte fest, dass über 60 Prozent der Kunstschaffenden in strukturschwachen Gebieten angeben, keinen ausreichenden Zugang zu professionellen Vermarktungsstrukturen zu besitzen. I'm Not The Only One soll hier als Schnittstelle fungieren, die lokale Talente mit überregionalen Galerien und Veranstaltern verknüpft.

Ein wesentlicher Bestandteil der Initiative ist die Etablierung von Mentoring-Programmen, die erfahrenere Akteure mit Berufseinsteigern zusammenbringen. Laut einer Studie des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim erhöht eine solche fachliche Begleitung die Wahrscheinlichkeit eines langfristigen Verbleibs im künstlerischen Sektor um fast 40 Prozent. Die Stiftung betont, dass der Fokus dabei ausdrücklich auf der Nachhaltigkeit der künstlerischen Existenz liegt.

Das Projekt umfasst zudem eine Serie von regionalen Workshops, die sich mit den rechtlichen und wirtschaftlichen Grundlagen der Selbstständigkeit befassen. Hierzu kooperiert der Bundesverband mit der Künstlersozialkasse, um eine gezielte Beratung zu Versicherungs- und Rentenfragen anzubieten. Die ersten Veranstaltungen dieser Reihe finden planmäßig im September 2026 in Brandenburg und Sachsen-Anhalt statt.

Finanzielle Ausstattung und Verteilungsmechanismen

Die Gesamtsumme von 1,2 Millionen Euro verteilt sich über einen Zeitraum von 24 Monaten auf insgesamt 15 Modellregionen. Jede Region erhält ein festes Budget für Personal- und Sachkosten, während ein zentraler Pool für projektbezogene Einzelstipendien reserviert bleibt. Die Kulturstiftung des Bundes überwacht die Mittelverwendung durch regelmäßige Zwischenberichte und eine abschließende Evaluation.

Kritik an der Verteilungspraxis äußerte der Bund der Steuerzahler, der die hohen Verwaltungskosten der Initiative bemängelte. Nach Berechnungen des Verbandes fließen etwa 22 Prozent der Gelder in die Koordination und das Projektmanagement statt direkt an die Künstler. Die Projektleitung entgegnete, dass der Aufbau dauerhafter Strukturen zwingend personelle Ressourcen erfordere, um die Nachhaltigkeit über den Förderzeitraum hinaus zu garantieren.

In den ausgewählten Modellregionen wie der Uckermark oder dem Bayerischen Wald wurden bereits Vorbereitungen für die Eröffnung der ersten Büros getroffen. Lokale Behörden unterstützen das Vorhaben oft durch die kostenlose Bereitstellung von Räumlichkeiten in kommunalen Gebäuden. Dies senkt die Fixkosten der Initiative und ermöglicht eine höhere Investition in die inhaltliche Arbeit vor Ort.

Regionale Unterschiede in der kulturellen Infrastruktur

Ein Bericht des Deutschen Städtetages zeigt eine wachsende Kluft zwischen Metropolregionen und peripheren Räumen bei den Kulturausgaben pro Kopf. Während Großstädte wie Berlin oder München über 150 Euro pro Einwohner investieren, liegt dieser Wert in manchen ländlichen Landkreisen bei unter 30 Euro. Die neue Initiative setzt genau an dieser Diskrepanz an, um kulturelle Teilhabe flächendeckend zu ermöglichen.

Vertreter der Landkreise begrüßen die Bundesförderung als notwendige Ergänzung zu den oft knappen kommunalen Haushalten. Der Landrat des Kreises Vorpommern-Greifswald wies darauf hin, dass Kultur ein wichtiger weicher Standortfaktor für die Ansiedlung von Fachkräften sei. Ohne ein lebendiges kulturelles Umfeld verlieren ländliche Gebiete zunehmend an Attraktivität für junge Familien und Akademiker.

Wissenschaftliche Analysen der Universität Leipzig belegen, dass Kulturprojekte in ländlichen Räumen oft eine katalytische Wirkung auf andere Wirtschaftsbereiche haben. Gastronomie und Einzelhandel profitieren nachweislich von der Belebung durch Ausstellungen und Festivals. Daher sieht das Konzept auch Kooperationen mit regionalen Tourismusverbänden vor, um Synergien bei der Vermarktung zu erzielen.

Technologische Implementierung und Vernetzung

Ein Kernstück der Strategie ist die Entwicklung einer proprietären Online-Plattform, die den Austausch von Ressourcen wie Ateliers oder technischem Equipment ermöglicht. Die Entwickler betonen, dass Datenschutz und Benutzerfreundlichkeit bei der Programmierung an oberster Stelle stehen. Diese digitale Komponente soll auch nach dem Ende der finanziellen Förderung durch den Bund bestehen bleiben und sich durch Mitgliedsbeiträge oder Sponsoring tragen.

Der Einsatz moderner Kommunikationstechnologien wird als Lösung für das Problem der geografischen Distanz gesehen. Virtuelle Kollaborationsräume erlauben es Künstlern, gemeinsam an Projekten zu arbeiten, ohne täglich reisen zu müssen. Dies schont nicht nur die finanziellen Ressourcen der Beteiligten, sondern reduziert auch den ökologischen Fußabdruck der Produktion.

Herausforderungen bei der Umsetzung vor Ort

Trotz der positiven Resonanz gibt es logistische Hürden, insbesondere die mangelhafte Breitbandversorgung in einigen Zielgebieten. In Teilen von Rheinland-Pfalz und Thüringen ist der Zugriff auf Cloud-basierte Dienste für die geplante Plattform derzeit nur eingeschränkt möglich. Die Projektleitung führt diesbezüglich Gespräche mit den zuständigen Landesministerien, um kurzfristige Lösungen für die betroffenen Akteure zu finden.

Ein weiteres Problem stellt die Sprachbarriere bei der Beantragung von Fördermitteln dar, die oft hochkomplexe bürokratische Hürden beinhaltet. Viele der adressierten Künstler verfügen nicht über die notwendige Zeit oder das juristische Fachwissen, um die detaillierten Anforderungen zu erfüllen. Hier sollen die neuen Regionalbüros beratend zur Seite stehen und die Schwellen für den Zugang zum Kapital senken.

Gesellschaftspolitische Implikationen der Förderung

Die Förderung wird in politischen Kreisen auch als Instrument zur Stärkung der demokratischen Resilienz diskutiert. Kulturorte in ländlichen Räumen dienen oft als Foren für gesellschaftlichen Diskurs und Austausch in einer Zeit zunehmender Polarisierung. Das Programm legt daher Wert auf Formate, die den Dialog zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aktiv fördern und moderieren.

Der Deutsche Kulturrat betonte in einer Stellungnahme, dass Kunst kein Luxusgut, sondern ein Grundpfeiler der Zivilgesellschaft sei. Programme wie I'm Not The Only One leisten einen Beitrag dazu, die soziale Kohäsion in Gebieten zu wahren, die sich von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt fühlen. Die Sichtbarkeit lokaler Identität und Geschichte wird durch die künstlerische Auseinandersetzung gestärkt.

Kritiker aus dem konservativen Spektrum mahnen hingegen an, dass Kunstförderung nicht zur Sozialarbeit instrumentalisiert werden dürfe. Sie fordern eine stärkere Gewichtung von Qualitätskriterien gegenüber strukturellen oder regionalpolitischen Erwägungen. Die Jury der Kulturstiftung des Bundes versicherte jedoch, dass bei der Auswahl der teilnehmenden Künstler ausschließlich die künstlerische Exzellenz ausschlaggebend war.

Evaluierung und langfristige Perspektiven

Die Begleitforschung zum Projekt wird durch das Zentrum für Kulturforschung in Bonn durchgeführt. In regelmäßigen Abständen finden Befragungen der Teilnehmer statt, um den Erfolg der Vernetzungsmaßnahmen quantitativ und qualitativ zu messen. Erste belastbare Ergebnisse zur Wirksamkeit der Infrastrukturinvestitionen werden für den Sommer 2027 erwartet.

Sollten die gesetzten Ziele erreicht werden, stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Ausweitung des Modells auf andere Bereiche der Kreativwirtschaft in Aussicht. Auch im Bereich der Literatur und der darstellenden Künste besteht ein hoher Bedarf an ähnlichen Vernetzungsstrukturen im ländlichen Raum. Die aktuelle Maßnahme dient somit als Testlauf für eine umfassendere Reform der nationalen Kulturförderarchitektur.

Einige private Stiftungen haben bereits Interesse signalisiert, sich nach der Initialphase finanziell an dem Netzwerk zu beteiligen. Dies würde die Abhängigkeit von staatlichen Zuweisungen verringern und eine größere planerische Sicherheit für die beteiligten Künstler bedeuten. Die Gespräche über Public-Private-Partnership-Modelle stehen jedoch noch am Anfang und hängen maßgeblich vom Erfolg der ersten Projektphase ab.

In den kommenden Wochen startet die Ausschreibung für die Stellen in den Regionalbüros, wobei Wert auf eine starke lokale Verwurzelung der Bewerber gelegt wird. Die Ausschreibungsunterlagen sind auf dem offiziellen Portal der Kulturstiftung des Bundes einsehbar. Bis Ende des Jahres sollen alle 15 Standorte voll einsatzfähig sein, um die erste Tranche der Projektgelder auszuzahlen.

Die Öffentlichkeit wird über die Fortschritte der Initiative durch eine halbjährliche Berichterstattung informiert. Es bleibt abzuwarten, wie die Zielgruppe das Angebot annimmt und ob die geschaffenen Strukturen den Praxistest bestehen. Das Projekt markiert einen Versuch, die Kulturförderung in Deutschland stärker zu dezentralisieren und an die Realitäten der Künstler jenseits der großen urbanen Zentren anzupassen.

TK

Tobias Koch

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Tobias Koch Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.