the last of sheila film

the last of sheila film

Die meisten Kinogänger glauben, dass das Genre des Whodunnit erst durch die jüngsten Erfolge von Rian Johnson oder die zahllosen Agatha-Christie-Neuverfilmungen von Kenneth Branagh zu neuem Leben erwacht ist. Das ist ein Irrtum. Wer die DNA des zeitgenössischen Detektivfilms wirklich verstehen will, darf nicht bei Poirot oder Marple stehen bleiben, sondern muss den Blick auf eine Luxusyacht im Mittelmeer des Jahres 1973 richten. Damals schufen Stephen Sondheim und Anthony Perkins ein Werk, das die Regeln des Spiels nicht nur befolgte, sondern sie mit einer fast grausamen intellektuellen Überlegenheit dekonstruierte. Der The Last Of Sheila Film ist weit mehr als ein vergessener Kultklassiker der Siebziger; er ist das geheime Lehrbuch für alles, was wir heute an cleveren Plot-Twists und metatextuellen Spielereien im Kino bewundern. Während das Publikum jener Zeit einen klassischen Krimi erwartete, lieferten der Komponist und der Psycho-Darsteller ein bösartiges Gesellschaftsporträt, das die Mechanismen von Ruhm, Schuld und Perversion unter dem Deckmantel eines Schnitzeljagdrätsels sezierte.

Die Architektur des grausamen Spiels

Das Fundament dieses Werks ist so simpel wie genial. Ein exzentrischer Filmproduzent lädt ein Jahr nach dem ungeklärten Tod seiner Frau eine Gruppe enger Freunde – oder eher enger Feinde – auf seine Yacht ein. Er zwingt sie zu einem Spiel, bei dem jeder ein Kärtchen mit einem dunklen Geheimnis erhält, das nicht sein eigenes ist. Die Aufgabe besteht darin, das Geheimnis der anderen zu lüften. Was wie eine harmlose Abendunterhaltung beginnt, entpuppt sich als psychologische Kriegsführung. Ich behaupte, dass die Genialität hier nicht in der Auflösung des Mordes liegt, sondern in der Art und Weise, wie die Informationen portioniert werden. Sondheim, ein Liebhaber von komplexen Kreuzworträtseln und realen Schnitzeljagden, übertrug seine mathematische Präzision auf das Drehbuch. Es gibt keine Zufälle. Jedes Requisit, jeder flüchtige Blick und jeder scheinbar belanglose Dialogfetzen dient einem größeren Plan. Es ist ein mechanisches Kunstwerk, das den Zuschauer herausfordert, statt ihn nur passiv zu berieseln. Viele Kritiker warfen dem Werk damals vor, zu kalt oder zu konstruiert zu sein. Sie sahen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Gerade diese Kälte ist der Punkt. In einer Welt, in der jeder jedem etwas schuldet oder etwas über den anderen weiß, ist Wärme ein Luxusgut, das sich niemand leisten kann.

The Last Of Sheila Film als Spiegel der Hollywood-Dekadenz

Man kann die Bedeutung dieses Werks nicht diskutieren, ohne über den Kontext seiner Entstehung zu sprechen. Die Besetzung liest sich wie ein Who-is-Who der damaligen Charakterdarsteller: James Coburn, Raquel Welch, Ian McShane, Dyan Cannon. Sie alle spielen Versionen von Menschen, die sie im echten Leben nur zu gut kannten. Der The Last Of Sheila Film nutzt die Isolation auf dem Wasser, um ein klaustrophobisches Vakuum zu erzeugen, in dem die Masken der Prominenz zwangsläufig fallen müssen. Die Yacht ist kein Ort der Erholung, sondern ein schwimmendes Verhörzimmer. Wenn wir uns heute Filme wie Glass Onion ansehen, bemerken wir die Parallelen sofort: die Insel, der reiche Gastgeber, das manipulative Spiel. Doch wo moderne Produktionen oft in Klamauk abdriften oder ihre Gesellschaftskritik mit dem Vorschlaghammer servieren, blieb das Original von 1973 subtil und deshalb weitaus beunruhigender. Es ging nicht nur darum, wer der Mörder war. Es ging darum, dass in diesem Kreis aus Eitelkeit und Gier eigentlich jeder ein potenzieller Mörder ist. Die Grenze zwischen dem Spiel und der Realität verschwimmt so radikal, dass die Auflösung am Ende fast nebensächlich wird gegenüber der niederschmetternden Erkenntnis über den Charakter der Beteiligten.

Die Täuschung des Zuschauers als Kunstform

Ein häufiges Argument von Skeptikern ist, dass die Handlung zu kompliziert sei, um wirklich zu unterhalten. Man müsse fast schon mitschreiben, um den Überblick über die Geheimnisse – Kinderschänder, Ladendieb, Ex-Häftling – zu behalten. Das ist jedoch ein fehlerhafter Ansatz. Die Komplexität ist kein Selbstzweck, sondern ein erzählerisches Werkzeug, um die Arroganz des Zuschauers zu spiegeln. Wir glauben, wir seien dem Gastgeber einen Schritt voraus, genau wie die Gäste auf der Yacht glauben, sie hätten die Kontrolle über ihre eigenen Fassaden. Herbert Ross, der Regisseur, inszenierte das Ganze mit einer klinischen Präzision, die fast schon voyeuristisch wirkt. Er lässt die Kamera oft etwas zu lange auf den Gesichtern verweilen, fängt das kurze Zucken eines Mundwinkels ein, wenn eine Lüge fast enttarnt wird. Das ist kein klassisches Kino der großen Gesten. Es ist ein Kino der kleinsten Details. Wer behauptet, das sei anstrengend, verkennt das Wesen des Genres. Ein guter Krimi sollte kein bequemer Sessel sein; er sollte ein Nagelbrett sein, das einen zwingt, ständig die Position zu verändern.

Warum das Rätsel heute relevanter ist als je zuvor

In einer Zeit, in der wir unser Leben in sozialen Medien als eine Abfolge von kuratierten Höhepunkten inszenieren, wirkt die Prämisse der erzwungenen Offenbarung von Geheimnissen erschreckend aktuell. Wir alle tragen Kärtchen mit uns herum, von denen wir hoffen, dass sie niemals laut vorgelesen werden. Diese Produktion verstand das schon vor über fünfzig Jahren. Die Dynamik zwischen dem Aggressor, der die Fäden zieht, und den Opfern, die ihre eigene Mitschuld durch Schweigen erkaufen, ist ein zeitloses Motiv menschlichen Versagens. Es ist bezeichnend, dass Stephen Sondheim nach diesem Projekt nie wieder ein Drehbuch schrieb. Er hatte alles gesagt. Er hatte das Genre bis auf die Knochen abgenagt und nichts als ein perfekt konstruiertes Skelett hinterlassen. Wenn wir uns heute fragen, warum so viele moderne Thriller sich leer anfühlen, liegt es oft daran, dass sie versuchen, die Wendungen zu kopieren, ohne die menschliche Grausamkeit zu verstehen, die diese Wendungen erst notwendig macht. Das Werk bleibt ein einsamer Monolith. Es ist der Beweis dafür, dass man den Zuschauer nicht unterschätzen darf. Man muss ihn fordern, ihn vielleicht sogar ein wenig vor den Kopf stoßen, um eine Wirkung zu erzielen, die länger anhält als die Dauer des Abspanns.

Die wahre Brillanz offenbart sich erst beim zweiten oder dritten Mal, wenn man die Mechanismen hinter dem Vorhang erkennt und begreift, dass der größte Trick darin bestand, uns glauben zu lassen, es ginge um die Lösung eines Falls, während es in Wahrheit um die Sezierung einer ganzen Lebenswelt ging.

Man löst dieses Rätsel nicht, man überlebt es nur gemeinsam mit den Protagonisten, während die eigene moralische Gewissheit langsam über Bord geht.

TK

Tobias Koch

Mit faktenbasierter Arbeitsweise liefert Tobias Koch Beiträge, die Leserinnen und Lesern Orientierung im Nachrichtengeschehen geben.