Die meisten Kinogänger erinnerten sich nach dem Verlassen des Kinosaals vermutlich vor allem an die beeindruckenden Bauchmuskeln von Alexander Skarsgård. Das ist verständlich, doch es verstellt den Blick auf eine historische Wahrheit, die in diesem Blockbuster verborgen liegt. Man hält diesen Film oft für den x-ten Versuch, eine verstaubte Pulp-Figur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts für ein modernes Publikum wiederzubeleben, das eigentlich gar nicht nach Lenden Schurzen und Dschungelgeschrei verlangt hat. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass The Legend Of Tarzan 2016 ein tief sitzendes koloniales Trauma verarbeitet, das in der europäischen Geschichtsschreibung oft nur in den Fußnoten vorkommt. Der Film wählt einen erstaunlich riskanten Ansatz, indem er eine fiktive Ikone mitten in den realen Horror des belgischen Freistaats unter König Leopold II. wirft. Es geht hier nicht um Lianen, sondern um die erste industrielle Ausbeutung eines ganzen Kontinents.
Ich behaupte, dass dieses Werk weit über sein Genre hinauswächst. Es ist eine Abrechnung mit der Gier, die im späten neunzehnten Jahrhundert den afrikanischen Kontinent zerfleischte. Während Edgar Rice Burroughs in seinen Büchern oft rassistische Stereotype seiner Zeit reproduzierte, dreht diese Verfilmung den Spieß um. Sie nutzt die Strahlkraft eines Superhelden-Mythos, um die Aufmerksamkeit auf George Washington Williams zu lenken, eine reale historische Figur, die im Film von Samuel L. Jackson verkörpert wird. Williams war der Mann, der den Begriff Verbrechen gegen die Menschlichkeit prägte, lange bevor er im internationalen Recht verankert wurde. Er reiste tatsächlich in den Kongo und entlarvte die Lügen des belgischen Königs vor der Weltöffentlichkeit. Dass ein millionenschweres Hollywood-Epos diesen Mann zum eigentlichen moralischen Kompass der Erzählung macht, ist eine Entscheidung, die man in ihrer Radikalität leicht übersehen kann, wenn man nur auf die Spezialeffekte starrt.
Die historische Schwere hinter The Legend Of Tarzan 2016
Man muss sich die Dimensionen klarmachen, über die wir hier sprechen. Der Kongo-Freistaat war kein Staat im herkömmlichen Sinne, sondern das Privatbesitz-Unternehmen eines einzelnen europäischen Monarchen. Leopold II. verkaufte der Welt die Vision einer zivilisatorischen Mission, während er in Wahrheit ein Sklavensystem installierte, um Kautschuk und Elfenbein zu gewinnen. Schätzungen von Historikern wie Adam Hochschild, dem Autor von King Leopolds Ghost, gehen davon aus, dass in dieser Ära bis zu zehn Millionen Menschen ihr Leben verloren. In diesem Kontext wirkt die Platzierung eines fiktiven Helden fast wie ein Trojanisches Pferd. Der Regisseur David Yates nutzt die bekannte Marke, um ein Publikum in ein dunkles Kapitel der Geschichte zu ziehen, das es sonst wahrscheinlich ignoriert hätte.
Die Erzählstruktur weigert sich konsequent, die klassische Origin-Story zu wiederholen. Wir sehen keinen Jungen, der mühsam lernt, sich wie ein Affe zu bewegen. Stattdessen begegnen wir einem zivilisierten Lord Greystoke in London, der Tee trinkt und über Politik spricht. Dieser Kontrast ist entscheidend. Er zeigt uns den Konflikt zwischen der polierten Oberfläche der europäischen Aristokratie und der rohen Gewalt, auf der ihr Wohlstand oft basierte. Als die Handlung zurück nach Afrika führt, geschieht dies unter dem Vorwand einer diplomatischen Mission. Hier beginnt die Demontage des kolonialen Mythos. Der Film macht deutlich, dass die wahre Wildheit nicht im Dschungel wohnt, sondern in den klimatisierten Büros der Investoren und den grausamen Methoden ihrer Handlanger vor Ort.
Skeptiker führen oft an, dass die Figur des weißen Retters problematisch bleibt. Warum braucht es einen englischen Lord, um die Leiden der kongolesischen Bevölkerung zu thematisieren? Das ist ein berechtigter Einwand, den man ernst nehmen muss. Doch der Film untergräbt dieses Klischee subtil, indem er Tarzan als jemanden darstellt, der ohne die Hilfe der einheimischen Stämme und ohne das diplomatische Geschick von Williams völlig aufgeschmissen wäre. Er ist kein gottgleicher Übermensch, sondern ein Teil eines Ökosystems, das am Abgrund steht. Er kämpft nicht für den Sieg des Westens, sondern gegen die totale industrielle Vernichtung seiner Heimat. Die Allianz zwischen dem aristokratischen Rückkehrer und dem schwarzen amerikanischen Bürgerrechtler bildet das Rückgrat einer Geschichte, die eigentlich von Solidarität gegen den globalen Raubtierkapitalismus handelt.
Der Antagonist als Symbol der bürokratischen Grausamkeit
Christoph Waltz spielt Leon Rom nicht als den typischen Comic-Bösewicht. Er verkörpert die Banalität des Bösen in einer weißen Leinenjacke. Rom war eine reale historische Figur, die für ihre besondere Brutalität im Kongo bekannt war. Im Film sehen wir ihn als jemanden, der ständig besorgt um sein Budget und seine Befehle aus Brüssel ist. Diese Darstellung trifft einen Nerv. Sie zeigt, dass die größten Gräueltaten der Geschichte oft das Ergebnis von Kalkulationen und Bilanzen waren. Rom ist der Prototyp des gnadenlosen Verwalters. Er will nicht die Welt beherrschen, er will sie inventarisieren und zu Geld machen.
Diese Perspektive ist für ein deutsches Publikum besonders interessant, da auch das Deutsche Kaiserreich zur Zeit der Berliner Kongo-Konferenz von 1884 eine Rolle bei der Aufteilung Afrikas spielte. Die Mechanismen der Macht, die hier gezeigt werden, sind universell. Es geht um die Entmenschlichung des Gegenübers, um den Profit zu maximieren. Die Art und Weise, wie die Kamera die Weite der Landschaft einfängt, steht im krassen Gegensatz zu den klaustrophobischen Zügen und Dampfschiffen der Kolonialherren. Die Technik wird hier nicht als Fortschritt gefeiert, sondern als ein Käfig, der über das Land gestülpt wird.
Ein ästhetischer Widerstand gegen das Vergessen
Es gibt eine Szene, in der die Protagonisten auf die versklavten Arbeiter stoßen, die für die Eisenbahn des Königs schuften müssen. Das ist kein schönes Bild. Es ist schmerzhaft und bricht mit der Erwartung an einen leichten Sommerblockbuster. Hier beweist das Werk seinen Mut. Es nutzt die visuelle Sprache des Kinos, um die Absurdität der Zivilisation zu zeigen. Die Kleidung der Europäer wirkt in der Hitze deplatziert und lächerlich, ein Schutzpanzer gegen eine Realität, die sie nicht verstehen wollen. Der Protagonist hingegen muss seine Kleidung Schicht um Schicht ablegen, um wieder handlungsfähig zu werden. Das ist eine Metapher für die Rückkehr zu einer Wahrheit, die unter den Konventionen der Londoner Gesellschaft begraben lag.
Die Action-Sequenzen dienen nicht nur der Unterhaltung. Wenn die Tiere des Dschungels gegen die Soldaten stürmen, ist das kein bloßer Effekt. Es ist die Natur, die sich gegen ihre Industrialisierung wehrt. Man kann das als kitschig abtun, aber im Kern steckt eine ökologische Botschaft, die heute relevanter ist als bei der Veröffentlichung vor einigen Jahren. Die Ausbeutung der Ressourcen und die Unterdrückung der Menschen gingen Hand in Hand. Wer das eine will, muss das andere erzwingen. The Legend Of Tarzan 2016 zeigt diesen Zusammenhang mit einer Klarheit, die man in einem Film dieser Größenordnung selten findet.
Ich habe oft beobachtet, wie Kritiker das Werk als oberflächlich abstempelten. Sie sahen nur die Muskeln und die computergenerierten Gorillas. Aber wer die Geschichte des Kongo kennt, wer von den abgehackten Händen und der systematischen Folter unter Leopold II. gehört hat, sieht etwas anderes. Man sieht den Versuch, ein Massentrauma in die Populärkultur zu integrieren, ohne es zu trivialisieren. Der Film nimmt seine historischen Referenzen ernst. Die Figur des Williams ist kein Beiwerk, sie ist das Gewissen des Films. Er ist derjenige, der die Beweise sammelt, der Zeugenaussagen aufnimmt und die Weltöffentlichkeit alarmiert. Er ist der wahre Held, während die Titelfigur lediglich die physische Kraft liefert, um die Ketten zu sprengen.
Die Dynamik zwischen Tradition und Moderne
Die Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Frau Jane wird hier ebenfalls neu definiert. Sie ist keine Jungfrau in Nöten, die passiv auf Rettung wartet. Sie ist im Kongo aufgewachsen, spricht die Sprachen und versteht die Kultur besser als jeder General in London. Ihr Widerstand gegen Rom ist intellektueller Natur. Sie durchschaut sein Spiel und verweigert ihm die Anerkennung, nach der er sich sehnt. Diese Dynamik bricht mit den alten Erzählmustern und zeigt eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die fest in der afrikanischen Erde verwurzelt ist.
Es gibt Momente der Stille, die fast dokumentarisch wirken. Wenn die Kamera über die Gesichter der Stammesältesten fährt, spürt man eine Würde, die in früheren Darstellungen oft fehlte. Diese Menschen sind keine Statisten in ihrer eigenen Geschichte. Sie sind die rechtmäßigen Besitzer des Landes, die durch einen bürokratischen Federstrich in Europa zu Fremden im eigenen Haus gemacht wurden. Der Film macht den Zuschauer zum Zeugen dieses Unrechts. Er zwingt uns, die Pracht Londons mit dem Leid im Dschungel abzugleichen.
Warum die Kritik den Kern der Sache verfehlte
Oft wurde dem Film vorgeworfen, er könne sich nicht entscheiden, ob er ein düsteres Drama oder ein flottes Abenteuer sein wolle. Doch genau diese Unentschlossenheit ist seine Stärke. Die Realität des Kolonialismus war genau das: eine bizarre Mischung aus Abenteuerlust, wissenschaftlicher Neugier und beispielloser Grausamkeit. Ein rein dekonstruktives Drama hätte niemals die Massen erreicht. Durch die Nutzung der Tarzan-Mythologie schafft Yates eine Brücke. Er nutzt die Nostalgie, um uns mit einer hässlichen Wahrheit zu konfrontieren. Das ist kluges Storytelling, kein handwerklicher Fehler.
Man kann darüber streiten, ob die Darstellung der Gewalt ausreichend war. Manche Historiker finden, dass das Grauen des Kongo-Freistaats in einem Film ab zwölf Jahren nicht angemessen dargestellt werden kann. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad. Wenn man die tatsächlichen Berichte aus jener Zeit liest, übersteigt das Gezeigte jede Vorstellungskraft. Doch ein Film ist kein Geschichtsbuch. Er ist ein Impuls. Er soll Fragen aufwerfen. Wenn ein Jugendlicher nach dem Film den Namen George Washington Williams googelt oder sich fragt, was es mit dem belgischen König auf sich hatte, dann hat das Werk mehr erreicht als die meisten anderen Produktionen seines Kalibers.
Die schiere Opulenz der Bilder täuscht über den Schmutz der Geschichte hinweg, aber das ist Teil der Verführung. Wir sollen uns wie die Investoren in Brüssel fühlen, die von der Schönheit der Ferne träumen, während wir die Kosten ignorieren. Erst wenn die Fassade bröckelt, wenn der Protagonist durch die Schützengräben und Sklavenunterkünfte rennt, wird der Preis sichtbar. Die physische Präsenz von Skarsgård ist dabei fast eine Ablenkung, ein Köder für das Auge, während der Verstand langsam begreift, worum es eigentlich geht. Es geht um die Zerstörung einer Welt zugunsten einer Bilanz.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Filmhistoriker, der meinte, dass große Franchises heute keine politische Haltung mehr einnehmen können, weil sie niemanden verschrecken wollen. Dieses Werk beweist das Gegenteil. Es ist hochgradig politisch. Es thematisiert Reparationen, Kriegsverbrechen und die Mitschuld der internationalen Gemeinschaft. Es zeigt, dass Schweigen im Angesicht von Tyrannei gleichbedeutend mit Zustimmung ist. Dass dies alles unter dem Deckmantel eines Sommerfilms geschieht, macht die Botschaft nur effektiver, weil sie das Publikum dort erreicht, wo es am wenigsten mit moralischer Tiefe rechnet.
Der Film endet nicht mit einem triumphalen Sieg, der alle Wunden heilt. Er endet mit dem Wissen, dass der Kampf gerade erst begonnen hat. Die Truppen des Königs sind zwar vorerst geschlagen, aber die Gier, die sie herbrachte, bleibt bestehen. Dieses Bewusstsein für die Fortdauer des Unrechts hebt die Erzählung über den üblichen Hollywood-Kitsch hinaus. Es gibt kein einfaches Happy End, wenn man über den Kongo spricht. Es gibt nur das Überleben und den ständigen Widerstand gegen die Ausbeutung.
Man muss die Intention hinter den Bildern anerkennen. Es ist leicht, sich über die physikalischen Unmöglichkeiten einiger Sprünge oder die Kommunikation mit Löwen lustig zu machen. Das gehört zum Genre. Aber wer das als Grund nutzt, den gesamten Subtext zu ignorieren, macht es sich zu einfach. Wir haben es hier mit einer Korrektur zu tun. Einer Korrektur an einer literarischen Figur, die viel zu lange als Symbol für weiße Überlegenheit missbraucht wurde. In dieser Version wird sie zum Werkzeug der Gerechtigkeit für ein Volk, das von der Welt vergessen wurde.
Die filmische Umsetzung der Landschaft ist dabei kein Selbstzweck. Sie zeigt uns, was auf dem Spiel steht. Jedes brennende Dorf und jeder gerodete Baum ist ein Verlust für die Menschheit. Die visuelle Wucht unterstreicht die Dringlichkeit des Themas. Wenn wir heute über den Schutz des Regenwaldes und die Rechte indigener Völker sprechen, greifen wir auf dieselben Argumente zurück, die Williams im Film vorbringt. Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Sie spiegelt sich in jedem Frame dieses Werks wider.
Letztendlich ist die Geschichte eine Erinnerung daran, dass Macht immer eine Erzählung braucht, um sich zu rechtfertigen. Leopold II. erzählte die Geschichte von der Zivilisation. Williams erzählte die Geschichte von der Wahrheit. Der Film wählt die Seite der Wahrheit, auch wenn er dafür einen Helden aus der Mottenkiste der Literatur ausleihen muss. Das ist kein Verrat an der Geschichte, sondern eine geschickte Nutzung der Popkultur, um den Blick für das Wesentliche zu schärfen.
Wahre Legenden entstehen nicht aus Heldentaten allein, sondern aus dem Mut, sich der eigenen dunklen Vergangenheit zu stellen und sie im Licht der Gegenwart neu zu bewerten.