Wer heute an Teenie-Komödien der frühen 2010er Jahre denkt, hat meist ein Bild von glattgebügelten Disney-Stars oder den x-ten Aufguss von American Pie im Kopf. Doch mitten in dieser Ära der kalkulierten Peinlichkeit erschien ein Werk, das bis heute massiv unterschätzt wird, weil es das Publikum dort traf, wo es am empfindlichsten ist: bei der eigenen sexuellen Unsicherheit. The To Do List Movie ist weit mehr als nur ein klamaukiger Streifen über eine junge Frau, die vor dem College ihre Jungfräulichkeit verlieren will. Der Film ist eine chirurgisch präzise Dekonstruktion des Leistungsdrucks, den wir uns selbst auferlegen, sobald die Hormone die Kontrolle übernehmen. Er bricht mit der gängigen Erwartung, dass weibliche Sexualität im Kino entweder mystisch verklärt oder als reines Mittel zum Zweck für männliche Fantasien herhalten muss. Aubrey Plaza spielt hier keine klassische Heldin, sondern eine Getriebene, die Intimität wie eine mathematische Gleichung behandelt, was uns heute, im Zeitalter von Dating-Apps und Optimierungswahn, erschreckend bekannt vorkommen sollte.
Die Mechanisierung der Lust als Spiegel der Gesellschaft
Die Handlung führt uns zurück in das Jahr 1993, eine Zeit, in der das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und Informationen über Sex mühsam aus Magazinen oder geflüsterten Gesprächen auf dem Schulhof zusammengetragen wurden. Brandy Klark, die Protagonistin, entscheidet sich für einen radikalen Weg: Sie erstellt eine Liste. Diese Liste ist kein Ausdruck von Leidenschaft, sondern ein bürokratisches Dokument. Wir sehen hier den Versuch, die chaotische Natur menschlicher Begegnungen durch puren Willen und Organisation zu bändigen. Das ist der Punkt, an dem viele Kritiker damals den Faden verloren. Sie sahen nur die derben Witze, während sie den tieferen Kommentar zur menschlichen Psyche übersahen. Brandy ist das Produkt einer Gesellschaft, die Erfolg über alles stellt. Wenn man in Mathe und Geschichte eine Eins schreiben kann, warum sollte man dann nicht auch das „Projekt Sex“ mit einer Bestnote abschließen können?
Diese Herangehensweise ist psychologisch faszinierend. Dr. Leonie Schmidt, eine fiktive Expertin für Medienpsychologie, würde wohl argumentieren, dass Brandy eine Form der kognitiven Dissonanz erlebt. Sie will dazugehören, versteht aber die emotionalen Regeln des Spiels nicht. Ich habe bei der Recherche oft festgestellt, dass Zuschauer diesen Film als unangenehm empfinden, nicht weil er schlecht ist, sondern weil er einen Spiegel vorhält. Wir alle haben irgendwann versucht, Momente zu erzwingen, die eigentlich spontan sein sollten. Die Entmystifizierung der ersten Male ist hier kein Unfall, sondern das Ziel des Drehbuchs von Maggie Carey.
Warum The To Do List Movie das Genre der Coming-of-Age-Filme sprengt
In den meisten Filmen über das Erwachsenwerden gibt es diesen einen magischen Moment, in dem alles Klick macht. Die Musik schwillt an, die Zeitlupe setzt ein, und die Protagonisten finden zueinander. Hier gibt es das nicht. Stattdessen gibt es Peinlichkeiten, falsche Einschätzungen und eine Menge Körperflüssigkeiten, die an Stellen landen, wo sie nicht hingehören. Das ist das reale Leben, verpackt in eine satirische Hülle. The To Do List Movie verweigert sich beharrlich der romantischen Katharsis. Das ist mutig. Es ist eine Absage an die Vorstellung, dass Sexualität eine Belohnung für gutes Benehmen oder harte Arbeit ist.
Die Dekonstruktion des männlichen Blicks
Interessanterweise dreht das Werk die Dynamik um, die wir aus Filmen der 80er Jahre wie Porky’s kennen. Dort waren Frauen oft nur Objekte, die es zu erobern galt. Brandy hingegen macht die Männer zu Punkten auf ihrer Liste. Sie objektiviert sie, aber nicht aus Bosheit, sondern aus einer fast schon autistischen Fixierung auf ihre Ziele. Das sorgt für ein Unbehagen beim männlichen Publikum, das es nicht gewohnt ist, als bloßer Haken auf einer To-Do-Liste zu fungieren. Es ist eine Machtverschiebung, die im Jahr 2013, als der Film in die Kinos kam, fast schon prophetisch wirkte. Wir sehen hier den Vorläufer einer Generation, die ihre Bedürfnisse klar artikuliert, auch wenn der Weg dorthin überaus holprig ist.
Nostalgie als Werkzeug der Erkenntnis
Man könnte meinen, die Wahl des Jahres 1993 sei bloß ein billiger Trick, um alte Songs und hässliche Outfits zu zeigen. Doch das Setting dient einem höheren Zweck. In einer Welt ohne Smartphones war die soziale Isolation bei gleichzeitigem Gruppenzwang viel spürbarer. Wenn du nicht wusstest, was ein bestimmter Begriff bedeutete, konntest du ihn nicht einfach googeln. Du musstest jemanden fragen oder ein medizinisches Lexikon wälzen. Diese Hürden machen Brandys Mission erst so richtig absurd und gleichzeitig heroisch. Sie kämpft gegen die Unwissenheit an, bewaffnet mit einem Klemmbrett.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Verleiher, der damals meinte, der Film sei „zu spezifisch“ für ein breites Publikum. Aber genau in dieser Spezifität liegt die universelle Wahrheit. Wer hat nicht schon einmal versucht, sich durch ein Handbuch oder einen Ratgeber auf eine Lebenslage vorzubereiten, die man schlichtweg fühlen muss? Die 90er Jahre Kulisse verstärkt dieses Gefühl der Entfremdung. Während die Welt um sie herum in Neonfarben leuchtet und Grunge-Musik hört, bleibt Brandy in ihrer rationalen Blase gefangen.
Das Scheitern als notwendiges Übel
Ein wesentlicher Aspekt, den viele Zuschauer ignorieren, ist die Rolle des Scheiterns. Jede Station auf Brandys Liste ist im Grunde ein kleines Desaster. Aber durch dieses Desaster lernt sie mehr über sich selbst als durch jeden Erfolg in der Schule. Es ist die schmerzhafte Erkenntnis, dass man das Leben nicht planen kann. Am Ende steht keine perfekte Beziehung, sondern die Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit. Das ist eine weitaus wertvollere Lektion als das typische „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“.
Die missverstandene Rolle der Protagonistin
Es gab viel Kritik an der Figur der Brandy. Sie sei unsympathisch, egoistisch und manipulativ. Das ist eine Sichtweise, die oft an weibliche Charaktere angelegt wird, während man männlichen Figuren wie Ferris Bueller die gleiche Arroganz als Charme auslegt. Brandy ist nicht dazu da, gemocht zu werden. Sie ist eine Fallstudie über den Druck, in jeder Lebenslage perfekt sein zu müssen. Wenn sie ihre Freunde vernachlässigt, um ihre Liste abzuarbeiten, ist das kein Zeichen von schlechtem Charakter, sondern ein Symptom ihrer tief sitzenden Angst, hinter den Erwartungen der Gesellschaft zurückzubleiben.
Aubrey Plaza bringt eine Intensität in die Rolle, die fast schon beängstigend ist. Ihr starrer Blick und ihre mechanischen Bewegungen unterstreichen den Wahnwitz der gesamten Unternehmung. Es ist eine darstellerische Leistung, die oft unter dem Label „Comedy“ begraben wird, aber eigentlich ins Fach des Psychogramms gehört. Sie spielt die Rolle mit einer Ernsthaftigkeit, die den Humor erst entstehen lässt. Wenn sie über sexuelle Praktiken spricht, als würde sie über die Steuererklärung diskutieren, entlarvt sie die Absurdität unserer eigenen Schamgrenzen.
Die Besetzung der Nebenrollen ist ebenfalls ein Geniestreich. Bill Hader als der faule Bademeister fungiert als das komplette Gegenteil zu Brandys Übereifer. Er repräsentiert das ziellose Treibenlassen, das Brandy so sehr verachtet, aber insgeheim braucht. Die Reibung zwischen diesen beiden Lebensentwürfen ist das emotionale Herzstück der Geschichte. Hier prallen Welten aufeinander: die totale Kontrolle gegen das totale Chaos.
The To Do List Movie fordert uns heraus, unsere eigene Vergangenheit nicht durch eine rosarote Brille zu sehen, sondern als das, was sie war: eine Aneinanderreihung von peinlichen Versuchen, herauszufinden, wer man eigentlich ist. Der Film ist ein Plädoyer für die Unordnung. Er sagt uns, dass es okay ist, keinen Plan zu haben. Er zeigt uns, dass die Liste, die wir im Kopf haben, oft das größte Hindernis für unser Glück ist. In einer Zeit, in der Selbstoptimierung zur neuen Religion geworden ist, wirkt dieses Werk wie ein notwendiges Korrektiv. Es erinnert uns daran, dass die wichtigsten Erfahrungen im Leben diejenigen sind, die sich eben nicht abhaken lassen.
Echte Intimität lässt sich nicht in Kästchen auf einem Papier organisieren, denn das Leben beginnt erst dort, wo der Plan endgültig scheitert.