Manchmal erzählt das Scheitern eines Werks mehr über den Zustand unserer Kultur als jeder Erfolg an den Kinokassen. Als Disney die gewaltige Summe von über 200 Millionen Dollar in die Hand nahm, um eine verstaubte Radioserie aus den 1930er Jahren wiederzubeleben, reagierte die Welt mit kollektivem Kopfschütteln. Die Kritiker zerrissen das Werk, das Publikum blieb fern und das Studio musste einen massiven finanziellen Verlust hinnehmen. Doch wer heute mit etwas Distanz auf The Lone Ranger 2013 Film blickt, erkennt hinter dem Trümmerhaufen der schlechten Presse ein radikales, fast schon subversives Stück Kino, das weit mehr wagte, als man einem Sommerblockbuster zutrauen würde. Es ist kein gewöhnlicher Western, sondern eine bizarre, oft grausame und visuell berauschende Dekonstruktion des amerikanischen Gründungsmythos, die ihrer Zeit schlichtweg voraus war oder vielleicht zu weit hinterherhinkte, um in das Korsett moderner Franchise-Logik zu passen.
Die bittere Wahrheit hinter der Maske und dem Silber
Die landläufige Meinung besagt, das Projekt sei an der exzentrischen Darstellung von Johnny Depp oder der überlangen Laufzeit gescheitert. Das greift jedoch zu kurz. Der wahre Grund für die Ablehnung liegt tiefer. Diese Erzählung weigerte sich standhaft, die nostalgische Verklärung zu liefern, die man von einer Disney-Produktion erwartete. Statt einer heldenhaften Saga über Recht und Ordnung bekamen wir eine Geschichte über Gier, den Genozid an den Ureinwohnern und die hässliche Fratze des unaufhaltsamen Fortschritts. Die Eisenbahn, im klassischen Western oft das Symbol für Zivilisation, wird hier als monströses Instrument der Unterdrückung gezeichnet. Regisseur Gore Verbinski nutzte die gewaltigen Schauwerte nicht, um den Wilden Westen zu feiern, sondern um ihn als einen Ort des moralischen Verfalls zu entlarven. Ich erinnere mich gut an die Irritation im Kinosaal, als die Kavallerie auftauchte – traditionell die Retter in der Not –, nur um hier ein Massaker an Unschuldigen anzurichten. Das war kein Popcorn-Kino für die ganze Familie; das war ein Fiebertraum über die Sünden einer Nation.
Skeptiker werden einwenden, dass die Tonalität des Ganzen völlig unausgewogen sei. Wie kann man Slapstick-Einlagen eines tollpatschigen Helden mit Szenen kombinieren, in denen ein Bösewicht buchstäblich ein menschliches Herz verspeist? Dieser Einwand ist das stärkste Argument der Gegner, aber er verkennt die Absicht. Diese Zerrissenheit ist kein handwerklicher Fehler, sondern ein bewusstes Stilmittel. Verbinski und sein Team haben einen sogenannten Acid Western im Gewand eines Blockbusters gedreht. Sie nutzten die Absurdität, um die Grausamkeit der Realität erträglich zu machen oder sie durch den Kontrast erst recht hervorzuheben. Es ist ein filmisches Äquivalent zu den satirischen Romanen eines Mark Twain, wo der Humor nur die scharfe Klinge ist, die die gesellschaftliche Heuchelei seziert.
Warum The Lone Ranger 2013 Film als deutsches Seherlebnis funktioniert
Es gibt einen interessanten Grund, warum gerade wir in Europa, und speziell in Deutschland, einen anderen Zugang zu dieser Materie haben könnten. Unsere eigene Geschichte mit dem Western ist stark durch Karl May geprägt. Wir haben eine romantisierte Vorstellung von Blutsbrüderschaft und der Weite der Prärie, die oft völlig losgelöst von der historischen Realität Nordamerikas existiert. Dieses Werk bricht mit dieser Romantik auf eine Weise, die fast schon schmerzhaft ist. Der weiße Held, John Reid, ist kein strahlender Gesetzeshüter, sondern ein naiver Jurist, dessen Glaube an das geschriebene Wort in einer Welt voller Gewalt und Korruption völlig fehl am Platz ist. Er wirkt wie eine Karikatur unserer eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit.
Der Mechanismus der Enttäuschung
Das System hinter dem Misserfolg war hausgemacht. Disney versuchte, das Marketing auf die bewährte Formel von Fluch der Karibik zuzuschneiden. Man verkaufte dem Publikum einen spaßigen Abenteuerfilm mit einem schrägen Typen in Kostümierung. Was die Zuschauer dann im Sessel erlebten, war jedoch eine elegische, fast schon nihilistische Betrachtung über das Ende einer Ära. Die Erwartungshaltung wurde nicht nur enttäuscht, sie wurde regelrecht vor den Kopf gestoßen. Wenn man ein Produkt als süße Limonade bewirbt, die sich beim ersten Schluck als schwerer, bitterer Rotwein entpuppt, ist die Ablehnung programmiert. Das lag aber nicht an der Qualität des Weins, sondern an der falschen Etikettierung.
Die technischen Aspekte der Inszenierung sind bis heute unübertroffen. Während heute fast jeder Actionfilm in einer sterilen Umgebung aus grünem Filz und Computeranimationen entsteht, setzte diese Produktion auf echte Sets, echte Züge und die überwältigende Kulisse des Monument Valley. Das gibt dem Ganzen eine physische Schwere und eine Textur, die man im modernen Kino kaum noch findet. Man kann den Staub fast schmecken, die Hitze der Wüste beinahe spüren. Das ist kein billiger Effekt, das ist Handwerk auf höchstem Niveau, das durch das negative Medienecho völlig entwertet wurde.
Die Rehabilitierung eines missverstandenen Werks
Man muss sich trauen, den Film als das zu sehen, was er ist: ein mutiger Fehlversuch, der interessanter ist als hundert perfekt kalkulierte Fortsetzungen. Die Geschichte wird nicht linear erzählt, sondern als Rückblende eines alten, verhärmten Tonto auf einem Jahrmarkt. Das ist ein genialer Kniff. Es stellt alles Gezeigte in Frage. Ist das die Wahrheit oder nur die verklärte, schmerzhafte Erinnerung eines Mannes, der alles verloren hat? Diese Rahmenerzählung verleiht dem Geschehen eine melancholische Tiefe, die weit über das hinausgeht, was man von einem Sommerhit erwartet. Es geht um das Verschwinden von Mythen und die traurige Realität, dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird – und die Sieger in diesem Fall nicht die Maskierten auf den weißen Pferden waren.
Was viele als Langeweile empfanden, war in Wahrheit ein langsames Brennen, ein Aufbau von Atmosphäre, der heute im Zeitalter der Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege kaum noch geduldet wird. Verbinski nimmt sich Zeit für seine Charaktere, für die Landschaft und für die politische Intrige im Hintergrund. Er verwebt das Schicksal der Silberminen mit dem Bau der Transkontinentalen Eisenbahn und zeigt, wie Kapitalismus über Leichen geht. Das ist harter Tobak für ein Publikum, das eigentlich nur Johnny Depp dabei zusehen wollte, wie er Vögel auf seinem Kopf füttert.
Die Rolle des Soundtracks und der visuellen Sprache
Hans Zimmer lieferte hier eine seiner besten Arbeiten ab. Anstatt das berühmte Thema der Wilhelm-Tell-Ouvertüre einfach stumpf zu wiederholen, dekonstruierte er es. Er hielt es fast den gesamten Film über zurück, nur um es im furiosen Finale in einer Weise explodieren zu lassen, die gleichzeitig triumphal und ironisch wirkt. Die Actionsequenz auf den zwei parallel fahrenden Zügen am Ende ist eine choreografische Meisterleistung. Sie ist so komplex, so physikalisch und so rasant, dass sie fast schon wieder wie ein Stummfilm von Buster Keaton wirkt. Hier zeigt sich die ganze Liebe zum Kino als kinetisches Medium.
The Lone Ranger 2013 Film ist ein Monument des Risikos. Es war der letzte Moment, in dem ein großes Studio einem Regisseur mit einer klaren Vision erlaubte, Hunderte Millionen Dollar für eine höchst persönliche, eigenwillige und politisch aufgeladene Geschichte auszugeben. Heute ist das undenkbar. Die Filme sind glatter geworden, sicherer, berechenbarer. Wir haben den Mut zum hässlichen, schönen Scheitern verloren.
Wer sich heute ohne Vorurteile vor den Bildschirm setzt, wird feststellen, dass die damalige Kritik oft nur ein Nachbeten der finanziellen Schlagzeilen war. Wir neigen dazu, Qualität mit Erfolg gleichzusetzen, aber das ist ein Trugschluss. Die Filmgeschichte ist voll von Werken, die erst Jahrzehnte später als Meisterwerke erkannt wurden, nachdem der Staub der ersten Enttäuschung sich gelegt hatte. Dieser Western gehört definitiv in diese Kategorie. Er ist sperrig, er ist laut, er ist zu lang und manchmal ist er schlichtweg verrückt. Aber er hat eine Seele, eine Meinung und eine visuelle Kraft, die man heute mit der Lupe suchen muss.
Man kann die Entscheidung von Disney kritisieren, so viel Geld für einen Stoff auszugeben, der keine junge Zielgruppe mehr anspricht. Man kann die Besetzung von Johnny Depp als Tonto aus heutiger Sicht politisch hinterfragen. Aber man kann diesem Werk nicht vorwerfen, es sei seelenloses Fließbandkino gewesen. Es war ein gigantischer, brennender Zeppelinflug der Kreativität, der zwar abgestürzt ist, dessen Wrack aber immer noch beeindruckender leuchtet als die meisten sicheren Häfen der aktuellen Kinolandschaft.
Es ist nun mal so, dass wahre Originalität oft erst durch den Filter der Zeit erkannt wird, wenn die Aufregung über Budgets und Einspielergebnisse verflogen ist. Wir müssen aufhören, Filme nach ihrer Profitabilität zu bewerten und anfangen, sie wieder nach ihrem Wagemut zu beurteilen.
Wahrer Mut im Kino besteht nicht darin, das zu geben, was die Leute wollen, sondern ihnen das vor die Füße zu werfen, was sie eigentlich nicht sehen wollen, verpackt in das glitzernde Papier eines Sommerblockbusters.