it's ok not to be ok

it's ok not to be ok

Das Versprechen klang zunächst wie eine Befreiung aus den Kerkern der Leistungsgesellschaft. In einer Welt, die Optimierung zum Gott erhoben hatte, wirkte die öffentliche Erlaubnis zur Schwäche wie ein Akt des Widerstands. Doch wer heute durch soziale Netzwerke scrollt oder die Marketingkampagnen großer Konzerne betrachtet, erkennt ein Muster, das weit über echte Empathie hinausgeht. Die Botschaft It's Ok Not To Be Ok hat sich von einem psychologischen Befreiungsschlag in ein marktfähiges Lifestyle-Produkt verwandelt. Wir haben die Traurigkeit nicht entstigmatisiert, sondern sie lediglich ästhetisch aufbereitet, damit sie besser in unsere Feeds passt. Wer wirklich am Boden liegt, wer so tief im Sumpf einer Depression steckt, dass er die Zähne nicht mehr putzen kann oder seit Tagen die Post nicht öffnet, findet in dieser pastellfarbenen Welt der sanften Melancholie keinen Platz. Es ist nämlich nur so lange in Ordnung, nicht in Ordnung zu sein, wie der Schmerz fotogen bleibt und die Produktivität nicht dauerhaft gefährdet.

Die Geschichte dieser Entwicklung begann eigentlich mit einer guten Absicht. Psychologen und Aktivisten kämpften jahrzehntelang darum, das Schweigen über psychische Krisen zu brechen. In Deutschland leidet laut der Deutschen Depressionshilfe etwa jeder vierte Erwachsene im Laufe seines Lebens an einer behandlungsbedürftigen Depression. Das ist kein Nischenthema, sondern ein gesellschaftlicher Breitensport. Aber anstatt die strukturellen Ursachen für diesen kollektiven Burnout anzugehen, haben wir uns darauf geeinigt, die Symptome mit netten Sprüchen zu dekorieren. Ich beobachte seit Jahren, wie Unternehmen diese Rhetorik nutzen, um eine Unternehmenskultur vorzugaukeln, die in der Realität der harten Quartalszahlen sofort in sich zusammenbricht. Wenn der Chef am Montagmorgen den Kalender mit Meetings vollknallt, während am Schwarzen Brett ein Poster über mentale Gesundheit hängt, ist das kein Fortschritt. Das ist Zynismus.

Wir befinden uns in einer Sackgasse der therapeutischen Sprache. Überall wird validiert und reflektiert, aber die echte Hilfe bleibt oft auf der Strecke. Wer in Berlin oder München heute einen Therapieplatz sucht, braucht Monate, manchmal ein Jahr. In dieser Wartezeit füllen wir das Vakuum mit Slogans. Wir konsumieren die Bestätigung unserer Verletzlichkeit als Ersatz für die Heilung derselben. Das ist der Kern des Problems: Wir feiern die Akzeptanz des Leids, ohne die Notwendigkeit seiner Linderung ernsthaft politisch einzufordern. Es ist bequem für ein System, wenn die Individuen ihre Erschöpfung als privates Lifestyle-Attribut akzeptieren, anstatt die Arbeitsbedingungen zu hinterfragen, die sie erst krank gemacht haben.

Das Paradox von It's Ok Not To Be Ok und die neue Pflicht zur Verletzlichkeit

Inzwischen hat sich ein seltsamer Druck aufgebaut, seine Wunden offen zu zeigen. Es reicht nicht mehr, einfach nur traurig zu sein; man muss seine Traurigkeit performen. Wer seine Krisen nicht mit einem inspirierenden Fazit auf LinkedIn teilt, scheint seine Heilungschance fast schon zu verschwenden. Diese neue Form der Sichtbarkeit erzeugt paradoxerweise eine neue Scham. Man schämt sich nun nicht mehr nur für die Krankheit selbst, sondern auch dafür, wenn man aus ihr keine wertvolle Lektion für die Follower zieht. Die ursprüngliche Intention hinter der Phrase war die Entlastung. Jetzt ist sie zu einer Erwartungshaltung mutiert.

Die Falle der oberflächlichen Validierung

Wenn wir ständig hören, dass alles okay ist, verlieren wir die Sprache für das, was eben nicht okay ist. Echte psychische Erkrankungen sind hässlich. Sie sind laut, sie sind unsauber und sie nerven das Umfeld. Ein Mensch in einer schweren manischen Episode oder jemand mit einer Borderline-Störung passt nicht in das Narrativ der sanften Selbstfürsorge. Ich habe mit Betroffenen gesprochen, die mir erzählten, dass sie sich durch die ständige Wiederholung dieser Slogans eher ausgeschlossen fühlen. Ihre Realität lässt sich nicht in ein quadratisches Bild mit Sonnenuntergang pressen. Die Gesellschaft akzeptiert heute die leichte depressive Verstimmung, den Burnout des Leistungsträgers oder die Trauer nach einem Verlust. Aber der Schizoaffektive oder der chronisch Suizidale bleibt weiterhin im Abseits. Wir haben lediglich den Korridor der akzeptablen Abweichung ein kleines Stück verbreitert.

Die Mechanik dahinter ist simpel: Indem wir das Unwohlsein normalisieren, nehmen wir ihm die Spitze. Das klingt gut, führt aber dazu, dass wir den Alarmzustand ignorieren. Schmerz ist oft ein Warnsignal. Wenn ich mir den Fuß breche, sage ich auch nicht, dass es okay ist, dass es weh tut, und laufe einfach weiter. Ich brauche einen Gips. In der Psychologie haben wir jedoch angefangen, den Gips durch Affirmationen zu ersetzen. Wir validieren das Gefühl so lange, bis der Handlungsdruck verschwindet. Das ist gefährlich, weil es die Verantwortung vom Kollektiv auf das Individuum schiebt. Kümmere dich um dich selbst, gönn dir ein Bad, akzeptiere deine Gefühle – aber erwarte nicht, dass wir die Welt ändern, die dich erdrückt.

Die industrielle Nutzung der psychischen Erschöpfung

Betrachtet man die Ökonomie hinter der Achtsamkeitsbewegung, wird das Ausmaß der Täuschung deutlich. Der globale Markt für Wellness und mentale Gesundheit wird auf Billionen geschätzt. Apps, die uns beim Atmen helfen, während wir in der U-Bahn zur Arbeit fahren, verdienen ihr Geld damit, dass wir gerade so funktionsfähig bleiben. Es ist eine Perfektionierung der Instandhaltung. Ein Auto wird auch gewartet, damit es weiterfährt, nicht damit es die Freiheit genießt, in der Garage zu stehen. Diese industrielle Logik hat die Sprache der Psychologie gekapert.

Wenn Empathie zum Marketing-Tool wird

Ich erinnere mich an eine Werbekampagne eines großen Sportartikelherstellers, die genau diese Rhetorik nutzte. Athleten weinten vor der Kamera, die Musik war schwer, und die Botschaft war eindeutig: Zeig deine Schwäche, trag unsere Schuhe. Hier wird die tiefste menschliche Notwendigkeit nach Verbindung und Verständnis instrumentalisiert, um Produkte zu verkaufen. Das Problem ist nicht, dass Sportmarken über Gefühle reden. Das Problem ist, dass dadurch die Bedeutung der Worte ausgehöhlt wird. Wenn alles It's Ok Not To Be Ok ist, verliert der Satz jede Kraft für denjenigen, der gerade wirklich an der Kante steht. Er wird zu Hintergrundrauschen, zu einem Wandtattoo in der digitalen Realität.

Es gibt einen massiven Unterschied zwischen einer klinischen Diagnose und der existenziellen Unzufriedenheit im Spätkapitalismus. Wir vermischen beides permanent. Die Psychopathologisierung des normalen Lebens führt dazu, dass wir für jedes Gefühl ein Etikett brauchen. Wenn du traurig bist, weil dein Job sinnlos ist, hast du vielleicht keine Depression, sondern einfach recht. Aber anstatt über Sinnhaftigkeit und Entfremdung zu sprechen, sprechen wir über Serotoninspiegel und Self-Care. Das ist eine Form der Entpolitisierung durch Psychologisierung. Wir therapieren die Opfer einer kalten Struktur, anstatt die Struktur zu heizen.

Das Ende der echten Solidarität durch digitale Distanz

Die Art und Weise, wie wir heute Mitgefühl ausdrücken, hat sich radikal verändert. Ein Like unter einem Post über mentale Gesundheit ist die günstigste Form der moralischen Selbstvergewisserung. Es kostet nichts und bringt das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Doch Solidarität ist kein Klick. Solidarität bedeutet, den Freund nachts um drei Uhr nach Hause zu fahren, die Einkäufe für die depressive Nachbarin zu erledigen oder im Büro den Kopf hinzuhalten, wenn ein Kollege wegen einer Panikattacke fehlt.

Die digitale Welt suggeriert uns eine Gemeinschaft, die in dem Moment verschwindet, in dem es ungemütlich wird. Wir haben eine Kultur der Lippenbekenntnisse geschaffen. Die Menschen sind heute besser darin informiert, wie man über psychische Gesundheit spricht, aber sie sind nicht unbedingt besser darin geworden, mit psychisch kranken Menschen umzugehen. Der Jargon der Therapie ist überall, doch die menschliche Nähe bleibt oft auf der Strecke. Man kann jemanden mit therapeutischen Phrasen regelrecht abwimmeln. Sätze wie „Ich habe gerade keine Kapazität, das zu halten“ sind die höfliche, moderne Art zu sagen: Geh mir nicht auf die Nerven.

Wir müssen uns fragen, ob wir durch die ständige Betonung der Akzeptanz nicht eigentlich eine Mauer bauen. Wenn jeder für sein eigenes Wohlbefinden verantwortlich ist und wir uns gegenseitig nur noch mit Textbausteinen validieren, geht das Zwischenmenschliche verloren. Eine echte Krise ist keine Gelegenheit für eine Story auf Instagram. Sie ist ein Bruch, der Zeit, Geduld und oft auch schmerzhafte Stille erfordert. Diese Stille halten wir kaum noch aus. Wir müssen sie sofort mit Lärm füllen, mit Bestätigung, mit der Versicherung, dass alles in Ordnung ist, obwohl gerade gar nichts in Ordnung ist.

Die wahre Revolution wäre nicht, zu akzeptieren, dass wir nicht okay sind. Die wahre Revolution wäre, sich kollektiv darüber zu empören, unter welchen Bedingungen wir versuchen, okay zu sein. Wir brauchen keine neuen Slogans auf Kaffeetassen. Wir brauchen eine Gesellschaft, die den Wert eines Menschen nicht an seiner Verwertbarkeit misst, egal ob er gerade lächelt oder weint. Solange wir psychische Gesundheit als individuelles Projekt betrachten, das man mit der richtigen Einstellung und den richtigen Produkten managen kann, bleibt jede Kampagne nur eine hübsche Fassade vor einem baufälligen Haus.

Echte Heilung beginnt dort, wo die Marketing-Sprüche aufhören und die unbequeme Arbeit der Veränderung anfängt. Das bedeutet auch, auszuhalten, dass manche Dinge eben nicht okay sind und es vielleicht auch nie sein werden, ohne daraus sofort ein verkaufbares Narrativ zu stricken. Wir haben das Recht auf einen Schmerz, der nicht nützlich ist, der keinen Lerneffekt hat und der einfach nur weh tut, ohne dass uns jemand dabei zuschaut oder uns dafür applaudiert.

In einer Gesellschaft, die jede Emotion in eine Währung verwandelt, ist das radikalste Gefühl jene Traurigkeit, die sich weigert, für irgendjemanden profitabel zu sein.

DK

David Krause

David Krause spezialisiert sich darauf, komplexe Sachverhalte verständlich und präzise aufzubereiten.