Wer vor der imposanten Fassade der Staatsbibliothek zu Berlin steht, glaubt meist, das Herz der deutschen Gelehrsamkeit vor sich zu haben. Man sieht den golden glänzenden Solitär von Hans Scharoun, dieses monumentale Schiff aus Beton und Glas, das sich gegen die städtebauliche Öde des Kulturforums stemmt. Die Adresse Potsdamer Straße 7 10785 Berlin gilt in Reiseführern und Architekturmagazinen als Triumph der Moderne, als ein Ort der Demokratisierung des Wissens. Doch dieser Blick ist oberflächlich. In Wahrheit ist dieser Ort das Resultat einer tiefgreifenden architektonischen Verlegenheit und einer politischen Verdrängungsleistung, die bis heute nachwirkt. Wir betrachten dieses Bauwerk als ein Denkmal der Offenheit, dabei ist es in seiner DNA eine Festung, die gebaut wurde, um die Angst vor der Leere des ehemaligen Mauerstreifens zu kaschieren. Es ist kein Zufall, dass dieser Ort heute so wirkt, wie er wirkt.
Das Gebäude ist ein Labyrinth, das den Nutzer eher diszipliniert als befreit. Wer sich durch die terrassierten Lesesäle bewegt, spürt die Last der Geschichte, die Scharoun in diese organischen Formen gegossen hat. Es ging nie nur darum, Bücher zu lagern. Es ging darum, der im Osten verbliebenen historischen Mitte Berlins ein westliches Gegengewicht entgegenzusetzen, das mindestens ebenso monumental war. Man wollte beweisen, dass der Westen die bessere, die menschlichere Monumentalität beherrscht. Dass dabei ein Raum entstand, der für den Gelegenheitsbesucher fast einschüchternd wirkt, wird oft übersehen. Wir feiern die Architektur als ikonenhaft, während die Menschen, die dort täglich arbeiten, oft mit der mangelnden Funktionalität eines Raums kämpfen, der mehr Skulptur als Bibliothek sein will. Die vermeintliche Freiheit der Form entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein starres Korsett, das keine Flexibilität zulässt.
Die versteckte Isolation an der Adresse Potsdamer Straße 7 10785 Berlin
Wenn man die Geschichte des Standorts betrachtet, erkennt man schnell, dass hier eine Insel geschaffen wurde. Das Kulturforum sollte eine Einheit bilden, doch es blieb eine Ansammlung von Solitären, die kaum miteinander kommunizieren. Potsdamer Straße 7 10785 Berlin markiert den Endpunkt einer städtebaulichen Vision, die an der Realität der Berliner Zugigkeit gescheitert ist. Man wollte einen Ort der Begegnung schaffen, aber man schuf eine Barriere. Die breite Schneise der Potsdamer Straße zerschneidet das Areal so radikal, dass von einer urbanen Qualität keine Rede sein kann. Es ist ein Ort, an den man geht, um drin zu sein, nicht um davor zu verweilen. Diese Qualität des Rückzugs ist symptomatisch für das West-Berlin der siebziger Jahre, das sich in seinen kulturellen Trutzburgen verschanzte, während draußen die Weltgeschichte im kalten Wind des Niemandslandes wehte.
Der Mythos der organischen Demokratie
Scharoun verfolgte den Ansatz des organischen Bauens. Er wollte, dass die Funktion die Form bestimmt. Das klingt in der Theorie nach demokratischer Teilhabe. Ich habe oft beobachtet, wie Erstbesucher völlig orientierungslos in der riesigen Eingangshalle stehen. Die Wegeführung ist nicht intuitiv. Sie ist ein intellektuelles Rätsel. Man muss sich diesen Ort erst unterwerfen, man muss ihn studieren, um ihn nutzen zu können. Das ist das Gegenteil von Barrierefreiheit im geistigen Sinne. Die Elite der Bildungsbürger fühlt sich hier wohl, weil sie die Codes der Architektur versteht. Der Rest bleibt draußen oder fühlt sich klein unter den gewaltigen Deckenkonstruktionen. Dieser Widerspruch zwischen dem Anspruch, eine Bibliothek für alle zu sein, und der exklusiven architektonischen Sprache ist das eigentliche Erbe dieses Standorts. Es ist eine Architektur, die den Nutzer belehrt, statt ihn einzuladen.
Skeptiker werden nun einwenden, dass gerade diese Einzigartigkeit den Wert des Gebäudes ausmacht. Sie werden sagen, dass Berlin keine weiteren Standardbauten braucht und dass Scharoun ein Genie war, das den Raum neu dachte. Das ist zweifellos richtig. Doch ein Denkmal kann gleichzeitig ein funktionales Desaster sein. Die Kosten für die Instandhaltung dieser komplexen Strukturen verschlingen Unsummen, die an anderen Stellen im Berliner Kulturbetrieb fehlen. Wir leisten uns den Luxus einer Bauikone, die in ihrer täglichen Nutzung an ihre Grenzen stößt. Die Klimatisierung der riesigen Glasfronten, der Schutz der wertvollen Bestände vor Licht und Feuchtigkeit in einem Haus, das eigentlich aus Licht bestehen will – das sind technische Paradoxien, die man nur mit massivem finanziellem Aufwand übertünchen kann. Es ist eine Form der kulturellen Eitelkeit, die wir uns hier gönnen, während wir so tun, als sei es reine Notwendigkeit.
Ein Mahnmal gegen die eigene Stadtplanung
Wer heute über das Kulturforum läuft, sieht die Narben einer Planung, die nie zu Ende gedacht wurde. Man blickt auf die Philharmonie, die Staatsbibliothek und das neue Museum des 20. Jahrhunderts, das derzeit wie ein riesiger Fremdkörper dazwischengeschoben wird. Die Potsdamer Straße 7 10785 Berlin steht dort wie ein Fels in der Brandung, der sich weigert, Teil eines Ganzen zu werden. Das ist die tragische Ironie dieses Ortes. Er wurde gebaut, um Urbanität zu simulieren, wo keine war. Heute, wo die Stadt um diesen Ort herum gewachsen ist, wirkt das Gebäude wie aus der Zeit gefallen. Es passt nicht in das neue, verdichtete Berlin, das nach Effizienz und Flächennutzung giert. Es ist ein Dinosaurier aus einer Zeit, als man glaubte, man könne Kultur durch schiere Baumasse erzwingen.
Man kann die Bedeutung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht unterschätzen, die hier ihren Sitz hat. Sie verwaltet das Erbe eines verschwundenen Staates in einem Gebäude, das selbst wie eine Utopie wirkt. Doch Utopien haben die Eigenschaft, dass sie schlecht altern, wenn sie nicht mit der Gesellschaft mitwachsen. Die Digitalisierung stellt eine Bibliothek vor völlig neue Herausforderungen. Brauchen wir diesen physischen Raum in dieser Form noch? Wenn das Wissen nur noch einen Klick entfernt ist, wird das Gebäude zum reinen Repräsentationsobjekt. Es wird zu einer Kulisse für Filme und Instagram-Posts, während der eigentliche Zweck, die wissenschaftliche Arbeit, immer mehr in den virtuellen Raum abwandert. Wir klammern uns an die Steine, weil wir Angst haben, dass ohne sie die kulturelle Identität Berlins vollends im Kommerz der nahen Potsdamer Platz-Malls untergeht.
Es gibt Stimmen, die behaupten, die Staatsbibliothek sei das Wohnzimmer der Berliner Intelligenz. Das mag für einen kleinen Kreis zutreffen. Aber ein Wohnzimmer sollte gemütlich sein, es sollte Geborgenheit bieten. Scharouns Werk bietet Erhabenheit. Erhabenheit ist jedoch eine Distanz schaffende Kategorie. Sie erinnert uns an unsere eigene Unbedeutsamkeit gegenüber dem Wissen der Jahrhunderte. Das ist ein sehr preußischer Gedanke, verpackt in eine moderne, fast futuristische Hülle. Man geht dort nicht hin, um sich wohlzufühlen, sondern um sich der Arbeit zu unterwerfen. Diese Arbeitsmoral ist tief in die Wände dieses Hauses eingeschrieben. Es ist ein Tempel der Disziplin, kein Ort der Inspiration durch Entspannung. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung der Tatsache, dass wir diesen Ort völlig falsch etikettieren, wenn wir ihn als offen und einladend bezeichnen.
Die Wahrheit über diesen Ort liegt in seiner Unwirtlichkeit. Das ist vielleicht sein größtes Verdienst. Er hält uns den Spiegel vor. Er zeigt uns, wie wir in den sechziger und siebziger Jahren versucht haben, die Wunden des Krieges und der Teilung durch Architektur zu heilen. Dass diese Heilung nur oberflächlich war, sieht man an jedem Riss im Beton und an jeder zugigen Ecke des Kulturforums. Wir müssen aufhören, die Staatsbibliothek nur als ästhetisches Meisterwerk zu betrachten. Wir müssen sie als das sehen, was sie ist: ein kühnes, aber letztlich gescheitertes Experiment einer Stadt, die versuchte, sich selbst durch Beton eine Seele zu geben. Wenn wir das akzeptieren, können wir vielleicht endlich anfangen, diesen Ort so zu nutzen, wie er es verdient – als eine ständige Mahnung, dass Kultur niemals statisch sein darf und dass Architektur allein niemals eine Gemeinschaft ersetzen kann.
Die Staatsbibliothek ist kein offenes Buch, sondern ein schwerer, in Leder gebundener Wälzer, den man nur mit Mühe aufschlagen kann. Wer dort eintritt, sucht nicht nur Informationen, sondern eine Flucht vor der Belanglosigkeit der modernen Stadt. Doch diese Flucht führt in ein Gebäude, das selbst ein Gefangener seiner eigenen Entstehungsgeschichte ist. Wir bewundern die goldenen Platten an der Außenwand, aber wir vergessen oft, dass Gold auch ein Material ist, das blendet. Es blendet uns für die Tatsache, dass das Kulturforum in seiner jetzigen Form ein ungelöstes Problem bleibt. Jede Sanierung, jeder Anbau und jede Umgestaltung ist ein Versuch, einen Fehler zu korrigieren, der tief im Fundament liegt. Es ist der Fehler zu glauben, dass man einen Stadtraum heilen kann, indem man ihn mit Monumenten zupflastert, anstatt ihm Raum zum Atmen zu lassen.
Wenn du das nächste Mal an der Ampel stehst und auf diese riesige Wand aus Glas und Metall starrst, dann frage dich, ob du dich dort wirklich willkommen fühlst. Frage dich, ob dieser Ort für dich gebaut wurde oder für eine Idee von dir, die es so gar nicht mehr gibt. Die Antwort darauf ist meist ein unbehagliches Schweigen, das nur vom Lärm des Verkehrs auf der Potsdamer Straße unterbrochen wird. Dieses Schweigen ist die ehrlichste Reaktion auf ein Bauwerk, das so viel sein wollte und am Ende doch nur eine prachtvolle Isolation erreicht hat. Wir brauchen keine neuen Lobeshymnen auf die Scharoun-Architektur. Wir brauchen eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Scheitern der urbanen Utopie an diesem speziellen Punkt der Stadtkarte. Nur so kann dieser Ort eine Zukunft haben, die über die bloße Denkmalpflege hinausgeht.
Die Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße ist das teuerste und schönste Missverständnis der Berliner Baugeschichte.