the other side of the wind

the other side of the wind

Manche Mythen halten sich hartnäckig, weil ihre Auflösung schmerzhafter wäre als die Ungewissheit ihrer Existenz. Fast fünf Jahrzehnte lang galt ein unvollendeter Film als der heilige Gral der Kinogeschichte, ein verlorenes Meisterwerk, das nur darauf wartete, die moderne Filmkunst zu retten. Als Netflix schließlich die Mittel bereitstellte, um das fragmentierte Erbe von Orson Welles zu ordnen, blickte die Welt auf ein Projekt namens The Other Side Of The Wind und erwartete eine Offenbarung. Doch die Wahrheit, die am 31. August 2018 bei den Filmfestspielen von Venedig ans Licht kam, ist weitaus unbequemer als die romantische Vorstellung eines missverstandenen Genies. Dieser Film ist nicht die Krönung einer Karriere, sondern das Zeugnis eines Mannes, der sich in der eigenen Legende verfing und dabei die Grenze zwischen Innovation und Selbstzerstörung aus den Augen verlor. Wer behauptet, dieses Werk sei ein stimmiges Vermächtnis, verkennt die bittere Ironie, dass Welles hier ein Medium sezierte, an dessen Relevanz er selbst nicht mehr glaubte.

Die Illusion der künstlerischen Freiheit in The Other Side Of The Wind

Es herrscht der Glaube vor, dass Orson Welles an den äußeren Umständen scheiterte, an gierigen Produzenten, rechtlichen Streitigkeiten im Iran oder schlichter Geldnot. Das ist eine bequeme Erzählung. Sie erlaubt es uns, das Genie unangetastet zu lassen und die Schuld dem System zuzuschieben. Wenn man sich jedoch intensiv mit der Struktur dieser Produktion befasst, erkennt man ein Muster der bewussten Sabotage. Welles suchte die Unvollendung. Er filmte über Jahre hinweg, wechselte Formate, Schauspieler und Standpunkte, als ob die Fertigstellung der größte Feind seiner Kreativität wäre. Das Werk präsentiert sich als Film im Film, eine collagenartige Montage, die den Niedergang eines alternden Regisseurs zeigt, der verzweifelt versucht, den Anschluss an das New Hollywood zu finden. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob die Zerstückelung des Materials nicht der einzige Weg war, die Leere im Kern der Geschichte zu kaschieren. Was wir heute sehen, ist eine Rekonstruktion, die von Peter Bogdanovich und dem Cutter Bob Murawski mit chirurgischer Präzision zusammengefügt wurde, doch es bleibt das Skelett einer Vision, die nie für die Augen eines Publikums in dieser Form bestimmt war.

Die technische Komplexität täuscht über eine fundamentale Schwäche hinweg. Während Welles in Citizen Kane das Geschichtenerzählen revolutionierte, indem er Tiefe und Raum neu definierte, wirkt dieser späte Versuch wie ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit. Er imitiert die Ästhetik jener Regisseure, die er verachtete, von Antonioni bis Godard, und versucht gleichzeitig, sie lächerlich zu machen. Man kann das als Meta-Kommentar lesen, aber in der Realität ist es das Porträt eines Künstlers, der keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte. Die Quellenlage aus jener Zeit, insbesondere die Briefe und Aufzeichnungen der Crewmitglieder, zeichnet das Bild eines Regisseurs, der Szenen ohne Drehbuch drehte und darauf hoffte, dass der Zufall ihm die Genialität schenkt, die er früher mit harter Disziplin erzwang. Es ist ein gefährlicher Trugschluss zu glauben, dass Chaos automatisch zu Kunst führt.

Der Mythos des unvollendeten Genies

Skeptiker werden einwenden, dass gerade diese Fragmentierung die Essenz der Moderne widerspiegelt. Sie werden argumentieren, dass ein glatt polierter Film den Geist von Welles verraten hätte. Doch hier liegt der Denkfehler begriffener Kunstkritik. Ein Kunstwerk braucht eine Intention, eine Richtung. Wenn man die tausenden Rollen Filmmaterial betrachtet, die jahrzehntelang in Paris lagerten, sieht man keinen Masterplan. Man sieht die Flucht eines Mannes vor seiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Experten wie Jonathan Rosenbaum haben oft betont, wie wichtig die Rückgabe der kreativen Kontrolle an Welles gewesen wäre, aber die Ironie ist, dass er diese Kontrolle besaß und sie nutzte, um sich im Labyrinth seiner eigenen Ideen zu verlaufen. Das stärkste Gegenargument der Befürworter ist oft die visuelle Brillanz einzelner Sequenzen. Ja, es gibt Momente von erschreckender Schönheit, Lichtspiele, die nur ein Auge wie das seine einfangen konnte. Aber ein Film ist kein Fotoalbum. Die Aneinanderreihung von Brillanz ohne narrativen Anker ist lediglich Eitelkeit.

Das Scheitern als Methode und Vermächtnis

Man muss den Mut haben auszusprechen, dass dieses Projekt ein Dokument des Scheiterns ist, das heute nur deshalb als Erfolg vermarktet wird, weil die Streaming-Giganten eine kulturelle Rechtfertigung für ihren Algorithmus brauchten. Der Mechanismus dahinter ist simpel: Man kauft sich Prestige, indem man eine Leiche exhumiert und sie mit modernster Technik schminkt. Die Arbeit, die in die Fertigstellung von The Other Side Of The Wind floss, ist handwerklich beeindruckend, aber sie bleibt eine künstliche Beatmung. In der Filmwissenschaft wird oft gelehrt, dass der Autor das letzte Wort hat. Hier jedoch haben Editoren und Historiker das letzte Wort gesprochen, indem sie aus einem Haufen Rohmaterial eine lineare Erfahrung formten, die Welles vielleicht nie so gewollt hätte.

Die Rekonstruktion als Maskerade

Die ethische Frage, die sich daraus ergibt, betrifft die Integrität des Werkes. Darf man einen Film vollenden, dessen Schöpfer seit Jahrzehnten tot ist? Die Befürworter verweisen auf die detaillierten Notizen, die hinterlassen wurden. Aber jeder, der jemals am Schneidetisch saß, weiß, dass ein Film dort entsteht und sich im Prozess wandelt. Ein Film von 1970, der im Jahr 2018 fertiggestellt wird, ist ein Hybridwesen, ein Frankenstein-Monster der Kinematographie. Es ist kein Zufall, dass viele Weggefährten von Welles, die den Prozess überlebten, eine ambivalente Haltung einnahmen. Sie wussten, dass der wahre Reiz des Films in seiner Abwesenheit lag. Sobald er existierte, verlor er seinen Zauber. Er wurde greifbar, kritisierbar und letztlich enttäuschend menschlich. Wir leben in einer Zeit, in der alles verfügbar sein muss, in der kein Geheimnis bewahrt bleiben darf. Diese Gier nach Vollständigkeit zerstört die Aura des Unvollendeten, die für Welles’ Spätwerk so bezeichnend war.

Das Problem liegt tiefer als nur in der Montage. Die Welt, die in diesen Bildern gezeigt wird, existiert nicht mehr. Die sexuelle Revolution, der Machismo des alten Hollywood, die bittere Verachtung für die Jugendkultur – all das sind Relikte. Wenn wir diesen Film heute sehen, betrachten wir ein Museumsstück, das vorgibt, aktuell zu sein. Die aggressive Kameraführung und die schnellen Schnitte wirken heute fast schon bieder, verglichen mit der visuellen Überreizung, die wir gewohnt sind. Es ist fast so, als hätte Welles versucht, die Zukunft vorherzusehen, nur um festzustellen, dass die Zukunft ihn bereits überholt hatte, noch bevor er die Kamera ausschalten konnte. Das ist die wahre Tragik dieses Unterfangens. Es ist kein Triumph über die Zeit, sondern eine Kapitulation vor ihr.

Die bittere Wahrheit über den Regisseur als Selbstzweck

Welles war ein Meister der Selbstdarstellung. Er wusste, dass die Geschichte des verlorenen Films besser war als der Film selbst. Er nutzte die Mystik um sein unfertiges Werk, um im Gespräch zu bleiben, während er Werbespots für Wein drehte, um seine Miete zu bezahlen. Man kann ihm das nicht vorwerfen, es war eine Überlebensstrategie. Aber wir sollten nicht den Fehler machen, diese Strategie mit einem ästhetischen Programm zu verwechseln. Der Film handelt von einem Regisseur, Jake Hannaford, der an seinem 70. Geburtstag stirbt und ein unfertiges Werk hinterlässt. Die Parallelen sind so offensichtlich, dass sie fast schmerzhaft sind. Es ist eine Autofiktion, die sich im Kreis dreht. Hannaford ist Welles, und Welles ist eine Karikatur seiner selbst geworden.

Wenn du den Film heute schaust, siehst du die Verzweiflung in jedem Frame. Es ist die Angst eines Mannes, der weiß, dass sein bester Schuss – Citizen Kane – bereits mit 25 Jahren fiel und dass alles, was danach kam, nur ein langer Abstieg war. Die Industrie, die ihn einst als Wunderkind feierte, sah in ihm nur noch einen schwierigen Exzentriker. Das ist nun mal so im Showgeschäft. Wer nicht liefert, wird vergessen. Dass Netflix ihn schließlich „rettete“, ist der letzte Akt einer Komödie, die Welles sicher zu schätzen gewusst hätte. Ein Unternehmen, das die Zerstörung des klassischen Kinos vorantreibt, finanziert das Denkmal des Mannes, der das Kino einst definierte. Die Ironie ist fast zu perfekt, um wahr zu sein.

Es gibt keine geheime Botschaft in diesen Bildern, die uns heute noch etwas über die menschliche Natur sagen könnte, was wir nicht schon wissen. Wir sehen Eitelkeit, wir sehen handwerkliches Geschick und wir sehen den Zerfall einer Ära. Wer den Film als Meisterwerk bezeichnet, tut dies oft aus einer defensiven Haltung heraus, um die eigene cineastische Bildung zu bestätigen. Es ist eine Form von kulturellem Gruppenzwang. Doch wahre journalistische Integrität bedeutet, den Kaiser nackt zu nennen, auch wenn er aus Licht und Schatten gewebt ist. Wir müssen aufhören, Unvollständigkeit mit Tiefe zu verwechseln. Ein Künstler, der sein Werk nicht beendet, hat seine Aussage nicht zu Ende geführt. Alles andere ist Interpretation durch Dritte.

Die Realität der Produktion war geprägt von rechtlichen Grabenkämpfen zwischen Oja Kodar, Welles’ Lebensgefährtin, und seiner Tochter Beatrice Welles. Über Jahre hinweg verhinderten diese Streitigkeiten jede Form der Veröffentlichung. In dieser Zeit wuchs die Legende. Der Film wurde zu einer Projektionsfläche für alles, was im modernen Kino fehlte: Wagemut, Kompromisslosigkeit, Vision. Als die rechtlichen Hürden fielen, blieb nur noch das Material. Und dieses Material ist sperrig. Es verweigert sich dem Zuschauer nicht aus einer tiefen philosophischen Überzeugung heraus, sondern weil es keinen inneren Zusammenhalt besitzt. Es ist eine Sammlung von Skizzen, die von fremder Hand zu einem Gemälde zusammengesetzt wurden. Das Ergebnis mag wie ein Orson Welles aussehen, es mag sich so anfühlen, aber es ist eine Simulation.

Das Kino hat sich weiterentwickelt, während dieser Film in einem Tresor in Paris feststeckte. Die Techniken, die Welles damals als revolutionär empfand, sind heute Standard oder durch neue Ausdrucksformen ersetzt worden. Der Einfluss, den er hätte haben können, wenn der Film 1975 erschienen wäre, ist verpufft. Ein verspätetes Meisterwerk ist eine logische Unmöglichkeit, denn Kunst reagiert immer auf ihre Zeit. Ohne den Kontext der 70er Jahre bleibt der Film eine hohle Form. Wir bewundern die Ruine eines Wolkenkratzers, aber wir können nicht darin wohnen. Das Verständnis für diesen Umstand ist der erste Schritt zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte. Wir sollten Welles für das feiern, was er vollendet hat, nicht für das, was er uns als Rätsel hinterlassen hat.

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Die wahre Bedeutung dieses Werkes liegt nicht in seinem Inhalt, sondern in seiner Existenz als Mahnmal für die Hybris eines Künstlers, der glaubte, er stünde über der Notwendigkeit einer klaren Kommunikation. Es ist ein faszinierendes Dokument, ja. Aber es ist auch eine Warnung. Wenn man sich zu sehr in der eigenen Genialität spiegelt, verliert man den Blick für das Gegenüber – das Publikum. Welles hat das Publikum in seinen späten Jahren ignoriert, und das Publikum hat es ihm mit Desinteresse gedankt. Dass wir heute darüber diskutieren, ist der Nostalgie geschuldet, nicht der Qualität des Gezeigten. Es ist Zeit, den Vorhang vor diesem Mythos zuzuziehen und zu akzeptieren, dass manche Schätze besser vergraben geblieben wären, weil ihr Glanz nur in der Dunkelheit unserer Erwartungen existierte.

Wahre filmische Größe beweist sich in der Endgültigkeit, nicht in der ewigen Baustelle einer Eitelkeit, die sich als Kunst tarnt.

CL

Christian Lehmann

Christian Lehmann verbindet redaktionelle Sorgfalt mit erzählerischer Klarheit und macht relevante Themen greifbar.