Manche Menschen glauben, dass Liebe ausreicht, um die evolutionären Grenzen zwischen den Arten aufzuheben. Sie halten Schimpansen für behaarte kleine Menschen, die nur darauf warten, in ein Polohemd gesteckt zu werden und mit uns am Küchentisch zu frühstücken. Das ist ein lebensgefährlicher Trugschluss. Die Geschichte um Travis The Chimp Charla Nash dient oft als bloßes Horrorszenario der Boulevardpresse, doch wer genau hinsieht, erkennt darin das totale Scheitern einer Gesellschaft, die das Konzept der Wildnis gegen das der Unterhaltung eingetauscht hat. Es war kein plötzlicher Ausbruch von Wahnsinn, der diesen Schimpansen dazu brachte, eine Frau fast zu töten und ihr Gesicht zu zerfleddern. Es war die logische Konsequenz einer jahrelangen, systematischen Missachtung biologischer Realitäten durch den Menschen.
Wir blicken oft auf solche Tragödien und suchen nach einem Sündenbock, nach dem einen Moment, in dem alles schiefging. Dabei war das gesamte Fundament dieses Zusammenlebens von Anfang an marode. Ein Schimpanse ist kein Haustier. Er ist ein Kraftpaket mit der vier- bis fünffachen Stärke eines erwachsenen Mannes, ausgestattet mit Fangzähnen, die Fleisch wie Papier reißen können. Wenn wir diese Tiere in unsere Häuser lassen, zwingen wir sie in eine Rolle, die sie niemals erfüllen können. Wir verlangen von ihnen, unsere Regeln zu verstehen, während wir ihre grundlegendsten Instinkte ignorieren. Wer glaubt, dass ein Tier, das Wein aus Gläsern trinkt und Fernbedienungen benutzt, seine Natur abgelegt hat, der belügt sich selbst.
Die Illusion der Vermenschlichung und Travis The Chimp Charla Nash
Wenn man die Berichte über das Leben des Schimpansen liest, stößt man auf bizarre Details: Er putzte sich die Zähne, benutzte den Computer und öffnete Türen mit Schlüsseln. Sandra Herold, seine Besitzerin, behandelte ihn wie einen Ersatz für ihren verstorbenen Ehemann und ihr Kind. In dieser engen, fast klaustrophobischen Bindung liegt die Wurzel des Schreckens, der später über Travis The Chimp Charla Nash hereinbrach. Die Vermenschlichung eines Primaten ist keine Tierliebe, sondern eine Form der grausamen Entfremdung. Man nimmt einem Tier seine Identität und ersetzt sie durch eine menschliche Maske, die bei der kleinsten Belastung zerbricht.
Biologische Zeitbomben im Wohnzimmer
Schimpansen sind hochsoziale Wesen, die in komplexen Hierarchien leben. In der Wildnis verbringen sie Jahre damit, ihren Platz in der Gruppe zu finden, Allianzen zu schmieden und Machtkämpfe auszufechten. In einem Vorort in Connecticut gab es keine Gruppe. Es gab nur eine alternde Frau und ein alterndes Tier, das in die Pubertät kam und dessen Testosteronspiegel in die Höhe schoss. Biologen wie Frans de Waal haben immer wieder betont, wie wichtig soziale Strukturen für die psychische Gesundheit von Primaten sind. Ohne Artgenossen, die ihm Grenzen setzen, wurde das Tier zu einem sozialen Krüppel. Er war gefangen zwischen zwei Welten: Zu menschlich für den Wald, zu wild für das Sofa.
Die Wissenschaft zeigt uns, dass Isolation bei Primaten zu schwersten Verhaltensstörungen führt. Wenn dann noch Medikamente wie Xanax ins Spiel kommen, die Sandra Herold dem Tier am Tag des Angriffs gab, entsteht ein toxischer Mix. Das Beruhigungsmittel kann bei Schimpansen paradoxe Reaktionen auslösen, die Aggressivität steigern und Hemmschwellen senken. Wir sehen hier kein Raubtier, das aus Hunger jagt. Wir sehen einen psychisch kranken Patienten, der in einem Körper steckt, der für den Kampf gebaut wurde. Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass der Angriff unvorhersehbar war. Tatsächlich war die gesamte Existenz dieses Tieres ein einziger, langgezogener Alarmzustand, den die Menschen um ihn herum einfach ignorierten, weil es so niedlich aussah, wenn er sich im Spiegel betrachtete.
Das System der Ausbeutung hinter dem Haustier-Kult
Es wäre zu einfach, die Schuld nur bei einer einsamen Frau zu suchen. Das Problem ist tiefer in unserer Kultur verwurzelt, die Tiere als Accessoires oder Unterhaltungsobjekte betrachtet. Travis war kein Unbekannter; er trat in Werbespots für Pepsi und Old Navy auf. Er war Teil einer Industrie, die Primaten für den schnellen Profit vermarktet. Wenn diese Tiere klein und süß sind, lassen sie sich wunderbar verkaufen. Sobald sie jedoch geschlechtsreif werden und ihre Kraft unkontrollierbar wird, landen sie oft in engen Käfigen oder werden, wie in diesem Fall, zu einer tickenden Zeitbombe in einer Wohnsiedlung.
Die US-Gesetzgebung war zu diesem Zeitpunkt erschreckend lückenhaft. In vielen Bundesstaaten war es damals einfacher, einen Schimpansen zu kaufen als einen Hund aus dem Tierheim zu adoptieren, wenn man das nötige Kleingeld hatte. In Deutschland oder vielen anderen europäischen Ländern wäre eine solche Haltung unter diesen Bedingungen undenkbar gewesen, da die Auflagen für die Wildtierhaltung deutlich strenger sind. Dennoch gibt es auch hierzulande immer wieder Bestrebungen, exotische Tiere als Statussymbole zu missbrauchen. Wir müssen uns fragen, warum der Mensch diesen Drang verspürt, das Unzähmbare zu besitzen. Es ist eine Form von Narzissmus, die glaubt, dass die eigene Zuneigung mächtiger ist als Millionen Jahre Evolution.
Die dauerhaften Narben eines Versagens
Charla Nash, die Freundin der Besitzerin, die an jenem Februartag 2009 helfen wollte, zahlte den Preis für diesen kollektiven Wahnsinn. Sie verlor ihre Augen, ihre Nase, ihre Lippen und ihre Hände. Ihr Fall wurde zum Paradebeispiel für die erste erfolgreiche Gesichtstransplantation in den USA, durchgeführt am Brigham and Women's Hospital. Doch während die Medizin Triumphe feierte, blieb die ethische Frage unbeantwortet. Wir reparieren die Opfer, aber wir ändern oft nichts an den Strukturen, die diese Opfer erst hervorbringen. Nash selbst sagte später in Interviews, dass sie keine Groll gegen das Tier hegte, sondern gegen das System, das seine Haltung ermöglichte.
Es gibt Stimmen, die behaupten, dass dieser Vorfall ein unglücklicher Einzelfall war. Sie argumentieren, dass viele Menschen erfolgreich exotische Tiere halten. Das ist ein gefährliches Argument. Es ist die Logik des Russisch-Roulette-Spielers, der behauptet, das Spiel sei sicher, nur weil die Kammer beim ersten Abdrücken leer war. Jede Interaktion zwischen einem Menschen und einem ausgewachsenen Schimpansen in einem häuslichen Umfeld basiert auf der Gnade des Tieres, nicht auf der Kontrolle des Menschen. Sobald sich das Machtgefüge verschiebt, gibt es keine Verteidigung mehr. Die Polizei von Stamford musste das Tier am Ende erschießen, während es versuchte, in ein Polizeiauto einzudringen. Ein unwürdiges Ende für ein Wesen, das niemals in diese Vorstadt hätte gebracht werden dürfen.
Skeptiker führen oft an, dass Haustiere wie Hunde ebenfalls Menschen angreifen und verstümmeln. Das stimmt zwar, aber der Vergleich hinkt gewaltig. Hunde wurden über zehntausend Jahre hinweg domestiziert, um mit Menschen zu kommunizieren und ihre Hierarchien zu akzeptieren. Ein Schimpanse hingegen bleibt ein Wildtier, egal wie viele Pullover er trägt. Die genetische Distanz zwischen uns mag gering erscheinen, aber in dieser kleinen Lücke verbirgt sich eine völlig andere soziale Software. Ein Hund beißt vielleicht, wenn er Angst hat oder schlecht erzogen ist. Ein Schimpanse zerlegt seinen Gegner systematisch, weil das in seiner Natur liegt, wenn er sich bedroht oder herausgefordert fühlt.
Die Geschichte von Travis The Chimp Charla Nash zeigt uns den Spiegel unserer eigenen Arroganz. Wir wollten die Natur zähmen und sie uns untertan machen, indem wir sie in unsere Wohnzimmer holten. Wir haben dabei vergessen, dass Respekt vor dem Tier nicht bedeutet, es wie einen Menschen zu behandeln, sondern es in seiner Andersartigkeit zu lassen. Wahre Tierliebe hätte darin bestanden, diesen Schimpansen niemals von seiner Mutter zu trennen, ihn niemals vor eine Kamera zu zerren und ihn niemals in einem Haus in Connecticut einzusperren.
Wir müssen begreifen, dass unsere Sehnsucht nach einer Verbindung zur Wildnis nicht durch Besitz gestillt werden kann. Wenn wir die Grenze zwischen uns und den anderen Arten verwischen, tun wir das nicht zum Wohl der Tiere, sondern zur Befriedigung unserer eigenen Sehnsüchte. Der Preis dafür ist oft Blut, Verstümmelung und das Leid von Wesen, die keine Stimme haben, um sich gegen ihre eigene Vermenschlichung zu wehren. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, die Wildnis als Kulisse für unsere Sehnsüchte zu missbrauchen und anfangen, sie als das zu respektieren, was sie ist: ein Raum, in dem wir Gäste sind, aber keine Herrscher.
Ein Schimpanse ist kein unbeschriebenes Blatt, das wir nach unseren Wünschen füllen können, sondern ein evolutionäres Meisterwerk, das nur in Freiheit wirklich er selbst sein kann. Alles andere ist bloß ein Zirkus ohne Manege, in dem am Ende alle verlieren. Wir schulden es den Opfern und den Tieren gleichermaßen, die unbequeme Wahrheit anzuerkennen, dass manche Grenzen niemals überschritten werden sollten. Wer das Tier zum Menschen machen will, zerstört am Ende beide.
Die wahre Lektion aus diesem Drama ist nicht, wie gefährlich Tiere sind, sondern wie gefährlich unsere eigene Ignoranz gegenüber der Natur ist.