Luc Besson hat mit seinem Herzensprojekt Valerian - Die Stadt Der Tausend Planeten ein Werk geschaffen, das die Gemüter spaltet wie kaum ein anderer Science-Fiction-Film der letzten zehn Jahre. Er wollte das europäische Kino auf die Weltbühne hieven. Weg vom Hollywood-Einheitsbrei. Hin zu einer Ästhetik, die direkt aus den Seiten der legendären Comic-Serie von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières entsprungen scheint. Wer diesen Film sieht, sucht meist nach einer Antwort auf die Frage, ob visuelle Opulenz fehlende Chemie zwischen den Hauptdarstellern ausgleichen kann. Ich sage es ganz direkt: Der Film ist eine bunte Wundertüte, bei der man ständig zwischen Staunen und leichtem Fremdschämen schwankt. Er informiert über die grenzenlose Fantasie eines Regisseurs, scheitert aber oft an der Bodenhaftung seiner eigenen Geschichte.
Der Größenwahn eines französischen Visionärs
Besson hat für dieses Epos ein Budget von rund 180 Millionen Euro aufgetrieben. Das war für europäische Verhältnisse ein absoluter Rekord. Er wollte nicht einfach nur einen Film drehen. Er wollte ein Universum bauen. Die Eröffnungssequenz zeigt den Aufbau der Raumstation Alpha über Jahrhunderte hinweg. Das ist meisterhaft erzählt. Zu den Klängen von David Bowies "Space Oddity" sehen wir, wie sich Mensch und Außerirdische langsam annähern. Das ist optimistischer Sci-Fi im besten Sinne.
Das Problem beginnt leider oft dort, wo die Handlung eigentlich Fahrt aufnehmen sollte. Die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren wirkt hölzern. Valerian wird als Frauenheld eingeführt, aber er strahlt nicht die charismatische Lässigkeit aus, die man von einem intergalaktischen Top-Agenten erwartet. Laureline hingegen wirkt oft genervt, was zwar verständlich ist, aber die Dynamik der Romanze eher bremst als befeuert. Dennoch ist die Welt, die hier erschaffen wurde, ein Fest für die Augen. Die Detaildichte der verschiedenen Spezies auf der Station Alpha stellt sogar manche Star-Wars-Produktion in den Schatten.
Valerian - Die Stadt Der Tausend Planeten und die Kunst des Worldbuilding
Was diesen Film so besonders macht, ist das Design der Umgebungen. Es gibt eine Sequenz auf dem "Big Market". Das ist ein interdimensionaler Markt, der nur mit speziellen Brillen sichtbar ist. Die Agenten müssen gleichzeitig in zwei Dimensionen agieren. Das ist technisch brillant gelöst. Es zeigt, dass das europäische Kino in Sachen visueller Effekte absolut mit der Konkurrenz aus Übersee mithalten kann. Die Firma Weta FX war maßgeblich an der Gestaltung der Effekte beteiligt und hat hier ganze Arbeit geleistet.
Die Spezies von Alpha
Auf der Raumstation Alpha leben tausende verschiedene Rassen. Da gibt es die Doghan Daguis. Das sind kleine, fliegende Wesen, die Informationen verkaufen. Sie sprechen in Sätzen, die sie untereinander aufteilen. Das ist witzig. Das ist originell. Oder die Pearls. Das sind elegante, fast transparente Wesen, deren Heimatplanet zerstört wurde. Ihr Design erinnert an die Na'vi aus Avatar, wirkt aber zerbrechlicher und ätherischer.
Die technische Umsetzung der Vision
Die Produktion griff auf modernste Motion-Capture-Technik zurück. Besson hat hunderte von Skizzen und Entwürfen anfertigen lassen, bevor die erste Kamera lief. Er wollte sicherstellen, dass jedes Detail von Alpha eine Geschichte erzählt. Man sieht in jedem Winkel der Stadt, dass hier Künstler am Werk waren, die keine Lust auf die immer gleichen grauen Raumschiffkorridore hatten. Alles ist bunt. Alles leuchtet. Alles wirkt organisch. Das macht den Film zu einem Erlebnis, das man am besten auf einer riesigen Leinwand genießt.
Die Handlung im Schatten der Optik
Die Geschichte selbst ist leider recht konventionell. Es geht um eine vertuschte Kriegsoperation und die Suche nach der Wahrheit. Das haben wir schon oft gesehen. Die Suche nach dem Transmutter-Wesen, einem kleinen Tierchen, das Materie replizieren kann, dient als roter Faden. Es ist niedlich, keine Frage. Aber es reicht kaum aus, um über zwei Stunden Laufzeit die Spannung hochzuhalten.
Man merkt dem Werk an, dass Besson zu viel auf einmal wollte. Er wollte den Charme der Comics bewahren, aber gleichzeitig ein globales Publikum erreichen. In Deutschland war die Comic-Vorlage unter dem Namen "Valerian und Veronique" bekannt und hatte eine treue Fangemeinde. Viele dieser Leser waren von der Besetzung enttäuscht. Die Charaktere im Comic wirken reifer, erfahrener. Im Film wirken sie wie Teenager, die sich in einem zu großen Anzug ausprobieren. Das nimmt der Bedrohung oft die Schwere.
Gastauftritte und Ablenkungen
Rihanna spielt eine Gestaltwandlerin namens Bubble. Ihr Auftritt ist eine reine Show-Nummer. Es ist eine der längsten Tanzszenen in der modernen Filmgeschichte. Sieht es gut aus? Ja. Treibt es die Handlung voran? Kaum. Es ist ein Beispiel für den Exzess, der dieses Projekt durchzieht. Man verliert sich in den Details und vergisst dabei manchmal, warum man eigentlich mit den Helden mitfiebern sollte.
Der Einfluss der Neunten Kunst
Man kann den Film nicht verstehen, ohne die Bedeutung der Comics zu kennen. Mézières hat das Design von Star Wars massiv beeinflusst. George Lucas hat sich dort kräftig bedient. Mit Valerian - Die Stadt Der Tausend Planeten wollte Besson den Thron zurückerobern. Er wollte zeigen, wer das Original ist. Das ist ihm visuell gelungen, erzählerisch aber nur bedingt. Die Vorlage bot komplexe politische Themen, die im Film eher oberflächlich behandelt werden.
Warum das Projekt an den Kinokassen scheiterte
In den USA war das Echo verheerend. Das US-Publikum konnte mit der europäischen Tonalität wenig anfangen. Es fehlte der typische Pathos. Die Ironie war zu trocken oder wirkte deplatziert. Die Konkurrenz durch etablierte Franchises war einfach zu groß. Wer gegen Marvel oder Star Wars antritt, braucht entweder eine riesige Fangemeinde oder eine Handlung, die einen sofort packt.
In Europa lief es etwas besser, aber die enormen Kosten konnten nicht eingespielt werden. Das ist schade. Es bedeutet nämlich, dass wir so schnell keine weiteren Filme dieser Größenordnung aus Europa sehen werden. Das Risiko ist den Studios einfach zu hoch. Dabei brauchen wir solche mutigen Projekte. Wir brauchen Filme, die nicht aus der Retorte kommen. Auch wenn dieses Werk Fehler hat, ist es mutig. Es ist eigenwillig. Es ist eine Flucht aus dem Alltag, die zumindest optisch keine Wünsche offen lässt.
Finanzielle Realitäten der Filmindustrie
Wer sich für die wirtschaftlichen Hintergründe interessiert, sollte einen Blick auf die Berichterstattung von Variety werfen. Dort wird oft analysiert, wie schwierig es für unabhängige Produktionen ist, gegen die Blockbuster-Maschinerie von Disney zu bestehen. Besson musste Anteile seiner Firma EuropaCorp verkaufen, um das Defizit auszugleichen. Das zeigt, wie hart das Geschäft ist. Ein einziger Flop kann ein ganzes Lebenswerk ins Wanken bringen.
Kritik an der Besetzung
Cara Delevingne macht als Laureline eigentlich einen guten Job. Sie bringt die nötige Härte mit. Dane DeHaan als Valerian wirkt dagegen oft blass. Er hat dieses "Indie-Film-Gesicht", das wunderbar in düstere Dramen passt, aber hier wirkt er deplatziert. Man nimmt ihm den intergalaktischen Casanova einfach nicht ab. Wenn er versucht, cool zu sein, wirkt es angestrengt. Das ist ein Problem, weil der Film auf der Dynamik dieser beiden Menschen fußt.
Vermächtnis und Heimkino-Potenzial
Heute hat das Werk eine Art Kultstatus erreicht. Auf 4K Blu-ray ist es eine Referenzscheibe. Wer sein Heimkino testen will, legt diesen Film ein. Die Farben, der HDR-Einsatz, die Tonmischung – das ist alles auf höchstem Niveau. Man kann den Ton ausschalten und sich einfach nur an den Bildern berauschen. Das ist vielleicht die beste Art, diesen Film zu konsumieren.
Ich habe den Film mehrmals gesehen. Jedes Mal entdecke ich ein neues Alien im Hintergrund oder ein architektonisches Detail auf Alpha. Es ist ein Wimmelbild im Weltraum. Die Detailverliebtheit ist fast schon manisch. Man spürt die Liebe zum Quellmaterial in jeder Szene, auch wenn die Dialoge manchmal wehtun. Man muss sich darauf einlassen können. Wer Logikfehler sucht, wird fündig. Wer sich treiben lassen will, wird belohnt.
Die Bedeutung für das europäische Kino
Trotz des finanziellen Misserfolgs war das Projekt ein wichtiges Signal. Es hat gezeigt, dass europäische Talente im Bereich CGI zur Weltspitze gehören. Viele der beteiligten Künstler arbeiten heute an den größten Produktionen in Hollywood. Das Know-how ist da. Was fehlt, ist oft ein Drehbuch, das die Balance zwischen Spektakel und Substanz findet. Besson ist ein Regisseur, der Bilder liebt. Manchmal liebt er sie mehr als seine Charaktere.
Ein Vergleich mit Das Fünfte Element
Viele hofften auf einen Nachfolger von "Das Fünfte Element". Doch dieser Vergleich hinkt. "Das Fünfte Element" war kompakter, hatte mit Bruce Willis einen echten Star und einen Bösewicht, den man liebte zu hassen. Hier ist alles diffuser. Die Bedrohung ist weniger greifbar. Der Humor ist weniger pointiert. Man merkt, dass Besson hier keine Grenzen gesetzt wurden. Manchmal braucht ein Genie aber Grenzen, um seine beste Arbeit abzuliefern.
Tipps für die Sichtung des Films
Wer den Film noch nicht kennt, sollte ohne große Erwartungen an die Story herangehen. Konzentriere dich auf die Welt. Schau dir die Details der verschiedenen Sektoren von Alpha an. Es gibt einen Bereich für Wasserwesen, einen für technische Rassen, einen für Diplomaten. Diese Vielfalt ist das eigentliche Highlight.
- Nutze die bestmögliche Bildqualität. Ein Standard-Stream wird der Farbenpracht nicht gerecht.
- Achte auf die Musik. Alexandre Desplat hat einen Score geliefert, der sehr klassisch und elegant wirkt.
- Lies nach dem Film vielleicht einen der Original-Comics. Du wirst überrascht sein, wie viel direkt übernommen wurde.
- Schalte den Kopf aus, wenn die Dialoge zu kitschig werden. Genieße einfach den Ritt.
Man muss kein Fan von Besson sein, um die handwerkliche Leistung anzuerkennen. In einer Zeit, in der viele Filme vor einem Greenscreen gedreht werden, der am Ende aussieht wie eine billige Fototapete, ist dieses Werk eine Wohltat. Die Welten wirken plastisch. Man hat das Gefühl, man könnte die Oberflächen der Raumschiffe und die Haut der Aliens anfassen. Das schafft eine Immersion, die selten ist.
Was wir aus diesem Projekt lernen können
Das Scheitern an der Kasse ist eine Warnung an alle, die denken, dass Optik alles ist. Es ist aber auch ein Aufruf zu mehr Mut. Wir brauchen mehr Regisseure, die bereit sind, alles auf eine Karte zu setzen. Ohne solche Risiken gäbe es keinen Fortschritt. Die Filmgeschichte ist voll von Werken, die erst Jahre später richtig gewürdigt wurden. Vielleicht wird man in zwanzig Jahren auf diesen Film zurückblicken und ihn als unterschätztes Meisterwerk des Designs bezeichnen.
Ich persönlich schätze den Film für seine Eigenheiten. Er ist nicht perfekt. Er ist manchmal sogar nervig. Aber er ist niemals langweilig. Und in einer Welt voller Fortsetzungen und Reboots ist ein originelles Design wie dieses Gold wert. Man muss die Vision respektieren, auch wenn die Ausführung Stolpersteine hat. Es ist ein mutiger Versuch, das Kino wieder zum Träumen zu bringen. Auch wenn der Traum manchmal etwas wirr ist.
Am Ende bleibt ein Werk, das polarisiert. Es gibt kein Dazwischen. Entweder man liebt diesen visuellen Rausch oder man schüttelt den Kopf über die verpassten Chancen. Ich gehöre zu denen, die den Film trotz seiner Macken immer wieder verteidigen. Weil er Herz hat. Weil er anders ist. Und weil er uns daran erinnert, dass das Universum verdammt groß und bunt sein kann, wenn man es nur lässt.
Wer tiefer in die Welt der Spezialeffekte eintauchen möchte, kann sich bei der Visual Effects Society informieren. Dort werden regelmäßig die Innovationen hinter solchen Großprojekten diskutiert. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Arbeit in einer einzigen Sekunde Film steckt. Allein die Berechnung der Lichtbrechung im Wassersektor von Alpha hat wahrscheinlich Wochen gedauert. Das verdient Respekt, egal wie man zum Rest des Films steht.
Letztlich ist es deine Entscheidung. Gib dem Film eine Chance. Such dir einen verregneten Sonntag, mach das Licht aus und lass dich auf die Reise schicken. Vielleicht entdeckst du ja deinen neuen Lieblingsplaneten in dieser unendlichen Stadt. Und wenn nicht, hast du zumindest ein paar der beeindruckendsten Bilder gesehen, die das moderne Kino zu bieten hat. Das ist doch auch schon was wert.
Wenn du jetzt Lust bekommen hast, den Film zu sehen, schau bei den gängigen Portalen vorbei. Er ist oft in Sales zu finden. Kauf dir am besten die physische Disk. Die Bitrate bei Streaming-Diensten macht oft die feinen Details in den dunklen Szenen kaputt. Und gerade bei diesem Werk kommt es auf jede Nuance an. Hol dir Popcorn, lehn dich zurück und ignoriere die hölzernen Dialoge. Die Reise lohnt sich trotzdem. Jede Minute. Jedes Bild. Jedes Alien.