Ein leises, rhythmisches Summen erfüllt den fensterlosen Raum im Untergeschoss des geophysikalischen Instituts der Universität Göttingen. Es ist das Geräusch von Kühlventilatoren, die versuchen, die Abwärme von Hochleistungsrechnern zu bändigen. Vor einem der Bildschirme sitzt eine junge Doktorandin, die Augen müde von den Stunden im fahlen Licht. Auf ihrem Monitor bewegt sich eine wellenförmige Linie, die auf den ersten Blick wie das Herzflimmern eines Patienten aussieht. Doch was hier pulsiert, ist nicht organisch. Es ist das seismische Echo eines gigantischen Eisbergs, der sich weit im Süden von der antarktischen Eismasse losgerissen hat. Dieser Moment der Loslösung, festgehalten in den Datenströmen globaler Überwachungssysteme, trägt in den offiziellen Katalogen der Wissenschaftler die nüchterne Bezeichnung A39.
Wenn ein solcher Eisberg kollabiert oder sich auf den Weg in die offenen Gewässer des Südatlantiks macht, registrieren Forscher weltweit die feinen Erschütterungen der Erde. Die Schwingungen wandern durch den Ozeanboden, passieren Kontinentalplatten und enden schließlich als digitale Ausschläge auf den Servern in Mitteleuropa. Für die Wissenschaft ist diese Bewegung ein Datenpunkt in einer langen Reihe von Klimamessungen. Für die Menschen, die versuchen, die Dynamik unseres Planeten zu begreifen, ist es jedoch die spürbare Manifestation einer Transformation, die sich meist jenseits unserer alltäglichen Wahrnehmung abspielt.
Das Eis der Antarktis ist kein starrer Block. Es verhält sich eher wie ein zähflüssiger Teig, der unter seinem eigenen immensen Gewicht unaufhörlich in Richtung Meer drängt. An den Rändern des Kontinents bilden sich monumentale Plattformen, das sogenannte Schelfeis, das wie ein Korken in einer Weinflasche die dahinterliegenden Gletscherbremsen stabilisiert. Bricht ein Teil dieses Systems weg, beschleunigt sich der Fluss des nachfolgenden Eises. Die Detonationen, die bei einem solchen Abbruch entstehen, senden Schallwellen aus, die kilometerweit durch das eiskalte Wasser jagen. Es ist ein kosmisches Drama im mikroskopischen Maßstab unserer Messgeräte, ein Ereignis von kolossaler Tragweite, das in den Archiven als sterile Chiffre verbucht wird.
Die Sprache des schmelzenden Kontinents und das Phänomen A39
In den späten neunziger Jahren begannen Polarforscher des British Antarctic Survey damit, die Driften und das Sterben dieser eisigen Inseln systematisch mittels Satellitenüberwachung zu kartieren. Damals wie heute folgt die Namensgebung einem strengen geografischen Raster. Der Buchstabe steht für den Quadranten der Antarktis, in dem die Wiege des Eisbergs liegt, während die Zahl schlicht die historische Reihenfolge der Entdeckungen widerspiegelt. Wenn ein solches Objekt eine bestimmte Größe überschreitet, gerät es unweigerlich in den Fokus der internationalen Klimaforschung.
Das arktische und antarktische Eis fungiert als das Gedächtnis unserer Atmosphäre. In den tiefen Schichten, die über Jahrtausende hinweg zusammengepresst wurden, sind winzige Luftbläschen eingeschlossen. Sie konservieren die Luftzusammensetzung vergangener Epochen, lange bevor der Mensch begann, fossile Brennstoffe in großem Stil zu nutzen. Wenn Geologen heute Bohrkerne aus diesen Regionen analysieren, lesen sie darin wie in den Chroniken einer längst vergangenen Welt. Ein Abbruch bedeutet immer auch den Verlust eines Teils dieses Archivs, das im wärmer werdenden Meerwasser unwiederbringlich zerschmilzt.
Die Erforschung dieser Prozesse gleicht Detektivarbeit auf Distanz. Da die Bedingungen vor Ort im antarktischen Winter extrem lebensfeindlich sind, müssen sich die Institute auf Radardaten und kryosphärische Messungen aus dem All verlassen. Die europäischen Sentinel-Satelliten liefern in regelmäßigen Abständen hochauflösende Bilder, die zeigen, wie sich Risse über Hunderte von Kilometern durch das Eis ziehen. Manchmal dauert es Jahre, bis ein Haarriss zu einem gähnenden Abgrund wird und sich die Masse schließlich endgültig verabschiedet.
Das globale Netzwerk der unsichtbaren Zeugen
Es gibt einen kleinen Küstenort in Norwegen, unweit von Tromsø, wo eine Gruppe von Ingenieuren eine Antennenstation betreibt. Die riesigen weißen Kuppeln, die wie überdimensionierte Golfbälle in der kargen skandinavischen Tundra stehen, fangen die Signale der Polarbahner ein. Hier laufen die Fäden der globalen Umweltüberwachung zusammen. Die Daten, die diese Stationen empfangen, sind die Grundlage für die mathematischen Modelle, mit denen Ozeanografen den künftigen Anstieg des Meeresspiegels berechnen.
Ein weit verbreiteter Irrtum besagt, dass das Schmelzen von schwimmendem Schelfeis den Meeresspiegel direkt anhebt. Physikalisch gesehen verhält es sich jedoch wie ein Eiswürfel im Wasserglas: Das Volumen bleibt beim Schmelzen nahezu gleich. Die eigentliche Gefahr liegt in dem dominoartigen Effekt auf dem Festland. Fällt die Barriere an der Küste weg, stürzen die kontinentalen Gletscher, die zuvor blockiert waren, ungebremst in den Ozean. Und dieses zusätzliche Material ist es, das die Küstenlinien von Bangladesch bis zu den Halligen in der Nordsee langfristig verschieben wird.
Die Komplexität dieser Strömungen und Wechselwirkungen lässt sich kaum in einfachen Grafiken darstellen. Die Erwärmung des Tiefenwassers, die veränderten Windmuster im Südpolarmeer und das Einströmen von Süßwasser bilden ein komplexes System. Jede Veränderung an einem Ende der Erde zieht Konsequenzen am anderen nach sich. Das Süßwasser verringert den Salzgehalt des Meeres, was wiederum die globalen Meeresströmungen, die Thermohaline Zirkulation, abschwächen kann. Jenes gewaltige Förderband, das auch für das milde Klima in Westeuropa verantwortlich ist, gerät dadurch ins Stocken.
Was bleibt, wenn das Eis verschwindet
Am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven untersucht ein Team von Biologen die Auswirkungen dieser Veränderungen auf das marine Ökosystem. Wenn ein gigantischer Eisblock durch den Ozean driftet, kratzt er den Meeresboden auf und hinterlässt Spuren der Verwüstung in den dortigen Lebensgemeinschaften. Gleichzeitig setzt er beim Schmelzen jedoch enorme Mengen an eiszeitlichen Mineralien und Eisen frei. Diese Nährstoffe wirken wie Dünger auf das Phytoplankton, das die Basis der gesamten antarktischen Nahrungskette bildet.
Es ist eine Paradoxie der Natur: Wo Zerstörung stattfindet, entsteht im selben Moment neues Leben. Die riesigen Planktonblüten ziehen Krill an, der wiederum die Hauptnahrungsquelle für Wale, Pinguine und Seevögel darstellt. Die Erforschung dieser biologischen Pumpen zeigt, wie eng die geologischen Prozesse mit dem Leben im Ozean verzahnt sind. Das Schicksal der eisigen Riesen ist untrennbar mit dem Überleben von Arten verbunden, die viele Menschen nur aus Dokumentarfilmen kennen.
Die Verknüpfung von Physik, Biologie und menschlicher Existenz wird nirgends so deutlich wie in den Küstenstädten der Erde. In Rotterdam oder Hamburg arbeiten Stadtplaner bereits an Konzepten für das nächste Jahrhundert. Sie bauen höhere Deiche, konstruieren schwimmende Stadtviertel und investieren Milliarden in den Hochwasserschutz. Die Impulse für diese gigantischen Infrastrukturprojekte stammen letztlich aus den fernen, kalten Regionen des Südens, deren stumme Boten uns mahnen, die Belastbarkeit der irdischen Systeme nicht zu überschätzen.
Der Wind draußen vor dem Göttinger Institut hat aufgefrischt und treibt dichte Regenwolken vor sich her. Drinnen hat die Doktorandin ihren Blick vom Bildschirm abgewandt und schaut aus dem Fenster in die Dunkelheit. Auf ihrem Tisch steht eine erkaltete Tasse Kaffee. Die Datenzeile auf dem Monitor hat sich beruhigt, die Kurve ist wieder zu einer flachen, fast lautlosen Linie geworden. Der ferne Gigant hat seine Position im großen System verändert, weit weg von menschlichen Ansiedlungen, und zieht nun einsam seine Bahn durch die unruhige See, während hier im Norden die Nacht langsam dem Morgen weicht.