focusrite scarlett 18i20 4th gen

focusrite scarlett 18i20 4th gen

Wer im Homestudio an die Grenzen seiner Kanäle stößt, landet fast zwangsläufig bei der Frage, wie viel Hardware man wirklich gleichzeitig verkabeln kann. Das Focusrite Scarlett 18i20 4th Gen ist die Antwort für alle, die das ständige Umstecken von Kabeln hinter dem Schreibtisch hassen. Ich kenne das Problem gut. Man hat endlich die Kick-Drum perfekt mikrofoniert, will dann aber spontan den Analogsynthesizer aufnehmen und stellt fest, dass alle Eingänge belegt sind. Diese vierte Generation der Rack-Zentrale räumt mit solchen Kompromissen auf. Sie liefert nicht nur mehr Anschlüsse, sondern bringt eine technische Finesse mit, die man früher nur in der deutlich teureren Clarett-Serie oder bei RME fand. Es geht hier nicht um ein bloßes Update kleiner Plastikknöpfe. Wir sprechen über eine massive Überarbeitung der Wandler und Vorverstärker, die den Workflow im Studio grundlegend verändert.

Was sich beim Focusrite Scarlett 18i20 4th Gen unter der Haube getan hat

Die wichtigste Neuerung betrifft die Dynamik. Während die Vorgänger solide Arbeit leisteten, setzen die neuen Wandler aus der RedNet-Serie Maßstäbe. Wir reden hier von einem Dynamikumfang von 122 Dezibel. Das klingt nach einem Wert für Technik-Nerds. In der Praxis bedeutet es aber, dass dein Grundrauschen fast verschwindet. Wenn du leise Passagen einer Akustikgitarre aufnimmst, hast du später beim Komprimieren im Mix keine Probleme mit nervigem Zischen.

Die neuen Vorverstärker und der Air-Modus

Die Preamps bieten jetzt einen Verstärkungsbereich von 69 Dezibel. Das ist eine Ansage. Selbst hungrige dynamische Mikrofone wie das Shure SM7B, die früher oft einen Cloudlifter oder einen externen Vorverstärker brauchten, laufen an diesem Gerät ohne Probleme direkt. Der überarbeitete Air-Modus ist ebenfalls ein Highlight. Er simuliert den Klang der legendären Focusrite ISA-Konsole. Es gibt zwei Stufen: Presence und Presence mit Drive. Ich nutze Presence fast immer für Vocals, weil es die Stimme im Mix nach vorne holt, ohne dass man sofort zum EQ greifen muss. Drive fügt eine leichte Sättigung hinzu, die besonders Snare-Drums einen gewissen "Dreck" verleiht.

Auto Gain und Clip Safe

Ein Feature, das viele Profis anfangs belächelt haben, ist Auto Gain. Aber sei ehrlich zu dir selbst. Wenn du alleine Schlagzeug aufnimmst und gleichzeitig hinter den Kesseln sitzt, ist es unmöglich, die Pegel perfekt einzustellen. Du drückst den Knopf, spielst zehn Sekunden lang laut und das Interface erledigt den Rest. Clip Safe ist die logische Ergänzung dazu. Es überwacht den Pegel im Hintergrund. Droht ein Signal zu übersteuern, passt die Hardware die Verstärkung in Echtzeit an. Das rettet Takes, die sonst wegen eines zu enthusiastischen Sängers im Müll gelandet wären.

Die Rückseite als Schaltzentrale für komplexe Setups

Acht analoge Eingänge direkt am Gerät sind erst der Anfang. Die wahre Stärke zeigt sich bei der Erweiterbarkeit über ADAT. Wer mehr als acht Kanäle braucht, etwa für ein voll abgenommenes Drumset mit Raummikrofonen, kann über ein optisches Kabel weitere acht Kanäle hinzufügen. Das Gerät wächst mit deinen Ansprüchen. Auf der offiziellen Seite von Focusrite finden sich detaillierte Diagramme, wie man diese Kaskadierung am besten umsetzt.

Monitoring und Routing-Optionen

Zwei unabhängige Kopfhörerausgänge sind Gold wert. Du kannst dem Musiker einen anderen Mix auf die Ohren geben als dir selbst. Vielleicht will der Sänger mehr Hall und weniger Bass? Kein Problem. Das interne Routing wird über die Focusrite Control 2 Software gesteuert. Diese Software ist mittlerweile sehr stabil. Frühere Versionen neigten unter Windows manchmal zu Zicken, aber die aktuelle Generation läuft tadellos. Ein Feature, das ich besonders schätze, ist die Loopback-Funktion. Damit lässt sich Audio von einer Anwendung direkt in die DAW leiten. Perfekt für Sampling oder Livestreaming.

Hardware-Talkback und Speaker-Switching

Im Rack-Format bietet diese Einheit Funktionen, die man sonst nur an teuren Monitor-Controllern findet. Es gibt ein eingebautes Talkback-Mikrofon. Du musst also kein extra Mikrofon opfern, um mit dem Künstler im Aufnahmeraum zu sprechen. Zudem kannst du zwei verschiedene Monitor-Paare anschließen und per Knopfdruck zwischen ihnen umschalten. Das hilft enorm dabei, den Mix auf verschiedenen Lautsprechern zu beurteilen.

Installation und Alltag im Studio

Die Einrichtung unter macOS ist dank "Class Compliant"-Treiber ein Kinderspiel. Anstecken, wird erkannt, fertig. Windows-Nutzer müssen den Focusrite-Treiber installieren, was aber schnell erledigt ist. Ein wichtiger Punkt bei der Aufstellung im Rack: Das Gerät wird warm. Nicht heiß, aber es braucht ein wenig Luft. Ich lasse über dem Interface meistens eine halbe Höheneinheit frei oder verbaue eine Lüftungsblende.

Latenz und Performance

Wir müssen über Latenz sprechen. Nichts tötet die Kreativität schneller als eine Verzögerung auf dem Kopfhörer. Bei 96 kHz und einer Buffer-Size von 32 Samples erreicht das System Werte, die man beim Spielen nicht mehr wahrnimmt. Selbst bei komplexen Projekten mit vielen Plugins bleibt die Verbindung stabil. Das liegt auch an der USB-C Anbindung, die mittlerweile Standard ist. Es ist löblich, dass der Hersteller hier auf moderne Anschlüsse setzt, auch wenn das Interface intern natürlich weiterhin mit USB 2.0 Protokollen arbeitet, was für die Bandbreite völlig ausreicht.

Die Verarbeitung der Regler

Die haptische Rückmeldung der Potis ist hervorragend. Sie haben einen angenehmen Widerstand. Nichts wackelt. Die LED-Ringe um die Regler zeigen sofort an, ob ein Signal anliegt oder ob es übersteuert. Das ist im dunklen Studio extrem praktisch. Man sieht auf einen Blick, wo es brennt. Die Druckknöpfe für Phantomspannung, Pad und Inst-Schaltung rasten sauber ein. Es fühlt sich einfach nach professionellem Equipment an.

Warum dieses Interface für Bands und Produzenten Sinn ergibt

Wer nur einen Podcast aufnimmt, ist mit dieser Kiste natürlich überversorgt. Aber sobald eine Band ins Spiel kommt, ändert sich die Lage. Schlagzeug braucht Kanäle. Zwei für Overhead, eins für die Snare, eins für die Kick, zwei für die Toms, vielleicht noch Raummikrofone. Da sind die acht Eingänge schnell weg. Durch die Möglichkeit, externe Preamps via ADAT anzuschließen, bleibt man flexibel. Man kauft sich dieses Gerät für die nächsten fünf bis zehn Jahre.

Vergleich mit der Konkurrenz

In der Preisklasse gibt es natürlich Alternativen von Presonus oder Steinberg. Aber Focusrite hat mit der vierten Generation einen entscheidenden Vorteil: die Software-Pakete. Man bekommt Lizenzen für Ableton Live Lite, Pro Tools Artist und eine ganze Reihe von hochwertigen Plugins wie den Marshall Silver Jubilee Preamp. Das ist gerade für Einsteiger ein massiver Mehrwert. Die Wandlerqualität liegt meiner Meinung nach aktuell eine Nasenlänge vor der Konkurrenz im gleichen Preissegment.

Stromversorgung und Konnektivität

Das Gerät hat ein internes Netzteil. Kein nerviges externes Wandwarzen-Netzteil, das die Steckdosenleiste blockiert. Ein Kaltgerätestecker genügt. Das ist für den Rack-Einbau ein Segen. Zusätzlich gibt es MIDI In/Out. Viele moderne Keyboards haben zwar USB, aber wer alte Hardware-Synthesizer oder Drumcomputer besitzt, braucht diese klassischen fünfpoligen Buchsen. Hier sind sie vorhanden und funktionieren ohne Jitter.

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Praktische Tipps für den optimalen Einsatz

Damit du das Beste aus deiner Hardware herausholst, solltest du einige Dinge beachten. Nutze für die Hauptmonitore immer die symmetrischen Klinkenausgänge. Das verhindert Brummschleifen. Wenn du Probleme mit Störgeräuschen hast, prüfe zuerst die Kabelwege. Oft liegen Stromkabel zu nah an den Audiokabeln.

  1. Firmware-Update sofort nach dem Auspacken: Schließe das Gerät an und öffne die Software. Oft gibt es direkt Verbesserungen für die Stabilität.
  2. Auto Gain als Referenz nutzen: Auch wenn du lieber manuell pegelst, lass Auto Gain einmal laufen. Es gibt dir ein gutes Gefühl für den Headroom des Wandlers.
  3. ADAT-Clocking: Wenn du externe Geräte anschließt, achte darauf, wer der Master ist. In den meisten Fällen sollte das Interface der Master sein, damit es keine digitalen Klickgeräusche gibt.
  4. Beschriftung im Rack: Da die meisten Eingänge hinten liegen, lohnt sich ein Patchbay, wenn du oft zwischen verschiedenen analogen Geräten wechselst.

Die Focusrite Scarlett 18i20 4th Gen ist ein Arbeitstier. Sie versucht nicht, mit unnötigem Schnickschnack zu blenden. Stattdessen liefert sie dort ab, wo es zählt: bei den Wandlern, der Verstärkung und der Zuverlässigkeit. Wer ein solides Zentrum für seine Produktionen sucht, wird hier fündig. Die Verbesserungen gegenüber der dritten Generation sind spürbar und rechtfertigen den Umstieg, besonders wenn man die neuen Air-Modi und die höhere Dynamik in Betracht zieht.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein solches Interface das gesamte Studio-Setup beeinflusst. Plötzlich hast du mehr Möglichkeiten beim Routing. Du kannst Hardware-Effekte als External FX in deine DAW einbinden. Du kannst Reamping-Szenarien ohne ständiges Umstecken realisieren. Es ist die Befreiung von den Limitierungen kleinerer Interfaces.

Ein Blick in die Fachpresse, zum Beispiel auf Sound on Sound, bestätigt oft die Langzeitqualität dieser Serie. Es gibt kaum Berichte über Totalausfälle. Der Support reagiert schnell und die Treiberpflege ist vorbildlich. Das ist ein wichtiger Punkt, den man beim Kauf oft vergisst. Was nützt die beste Hardware, wenn sie nach zwei Jahren keine Treiber-Updates mehr für das neue Betriebssystem bekommt? Hier kann man beruhigt sein.

Letztlich entscheidest du mit deinen Ohren. Die Vorverstärker sind klangneutral. Sie färben das Signal nicht unnötig ein, es sei denn, du aktivierst den Air-Modus. Das ist genau das, was man von einem modernen Interface erwartet. Es soll das Signal so naturgetreu wie möglich einfangen. Den Charakter fügst du später im Mix hinzu oder eben durch die gezielte Nutzung der analogen Emulationen am Eingang.

Wer jetzt den nächsten Schritt gehen will, sollte sich sein Budget genau anschauen. Die Investition lohnt sich vor allem dann, wenn man plant, in Zukunft mehr externe Hardware zu nutzen. Das System ist modular genug, um mitzuwachsen. Es ist kein Spielzeug mehr, sondern ein echtes Werkzeug für professionelle Ergebnisse im heimischen Studio oder im Projektstudio einer Band.

Schließe deine Monitore an, richte das Routing in der Software ein und fang an zu produzieren. Der technische Rahmen steht jetzt auf einem Fundament, das dich nicht mehr ausbremsen wird. Viel Erfolg bei deinen Aufnahmen.

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CL

Christian Lehmann

Christian Lehmann verbindet redaktionelle Sorgfalt mit erzählerischer Klarheit und macht relevante Themen greifbar.