upper barrakka gardens valletta malta

upper barrakka gardens valletta malta

Das ferne Grollen kündigt sich an, noch bevor der eigentliche Knall die Luft zerreißt. In dem Moment, in dem die Uhrzeiger auf die Zwölf rücken, hält die Stadt den Atem an. Ein alter Mann in einem verwaschenen Leinenhemd rückt seine Brille zurecht und lehnt sich gegen die kühle Brüstung aus honiggelbem Globigerinen-Kalkstein. Unter ihm erstreckt sich das azurblaue Wasser des Grand Harbour, in dem die Kreuzfahrtschiffe wie schlafende weiße Wale liegen. Dann geschieht es: Der Schuss der Kanone bricht die flirrende Hitze des Tages, ein kurzer, trockener Donnerhall, der von den massiven Mauern der Drei Städte gegenüber zurückgeworfen wird. Ein feiner Schleier aus weißem Rauch kräuselt sich für Sekundenbruchteile in der Luft, bevor der Wind ihn davonträgt. Hier, in den Upper Barrakka Gardens Valletta Malta, ist die Zeit keine lineare Abfolge von Minuten, sondern ein Rhythmus aus Stein, Echo und Meer.

Es ist dieser spezifische Ort an der höchsten Stelle der Bastionsmauern, der als das kollektive Wohnzimmer der maltesischen Hauptstadt fungiert. Wer hierher kommt, sucht meist nicht nur die Aussicht, sondern eine Form der Erdung in einer Inselgeschichte, die oft zu schwer für ein so kleines Stück Land wirkt. Die Arkaden, die den Garten säumen, wurden ursprünglich im Jahr 1661 erbaut, um den italienischen Rittern des Johanniterordens einen privaten Rückzugsort für ihre Mußestunden zu bieten. Damals war der Zutritt streng reglementiert, ein Privileg des Adels und der Kriegermönche. Heute vermischen sich die Schritte von Reisenden aus aller Welt mit dem leisen Murmeln der Einheimischen, die im Schatten der Bäume ihre Zeitungen lesen oder schweigend auf das Wasser blicken.

Die Architektur Vallettas ist ein Triumph des Willens über den kargen Fels. Nach der Belagerung von 1565, als das Osmanische Reich versuchte, den Orden zu brechen, wurde die Stadt als Festung konzipiert – von Gentlemen für Gentlemen gebaut, wie es oft heißt. Doch die Eleganz der geschwungenen Bögen in dieser Anlage mildert die militärische Strenge der darunterliegenden Befestigungsanlagen ab. Man spürt die Dualität Maltas in jedem Stein: Die Insel ist gleichzeitig Schutzschild und Brücke, ein Ort des Krieges, der sich nach Frieden sehnt. Wenn die Sonne senkrecht über der Stadt steht, saugt der Sandstein die Wärme auf und gibt sie wie ein glühendes Versprechen wieder ab, während die Hibiskusblüten in den Beeten leuchten.

Die Geister der Flotte in Upper Barrakka Gardens Valletta Malta

Wer über den Rand der Balustrade blickt, schaut direkt in die Seele des Mittelmeers. Der Grand Harbour ist nicht einfach ein Hafen; er ist ein geologisches Wunderwerk, ein tiefer Einschnitt im Land, der Imperien kommen und gehen sah. Von hier oben wirkte die britische Mittelmeerflotte während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fast unbesiegbar. In den dunklen Jahren des Zweiten Weltkriegs, als Malta zum am stärksten bombardierten Ort der Erde wurde, suchten die Menschen in den Tunneln tief unter diesen Gärten Schutz. Die Lascaris War Rooms, die sich im Inneren des Felsens verbergen, zeugen noch heute von der strategischen Bedeutung dieses Aussichtspunkts. Dort koordinierten Generäle wie Eisenhower die Invasion Siziliens, während oben auf dem Pflaster der Hunger und die Angst regierten.

Die Stille, die heute über den Brunnen und Denkmälern liegt, ist daher eine kostbare, hart erkämpfte Ruhe. Man geht an der Bronzegruppe der „Les Gavroches“ vorbei, den Straßenkindern, die der Bildhauer Antonio Sciortino Anfang des 20. Jahrhunderts schuf. Die Kinder wirken in ihrer Bewegung fast lebendig, ein Kontrast zu den starren Statuen der Gouverneure und Admiräle, die den Weg säumen. Es ist bezeichnend, dass eines der beliebtesten Kunstwerke der Insel nicht einen siegreichen Feldherrn zeigt, sondern die Zerbrechlichkeit der Jugend.

Das Echo der Saluting Battery

Direkt unterhalb der oberen Ebene befindet sich die Saluting Battery. Es ist eine der ältesten funktionierenden Grußbatterien der Welt. Jeden Tag um zwölf und um sechzehn Uhr wird eine Kanone abgefeuert, eine Tradition, die einst dazu diente, den Kapitänen im Hafen das Justieren ihrer Chronometer zu ermöglichen. Es ist ein ritueller Akt, der die Vergangenheit in die Gegenwart holt. Wenn der Rauch aufsteigt, zucken die Tauben kurz auf, kreisen über den Dächern von Valletta und lassen sich dann wieder auf den steinernen Gesimsen nieder.

In der Nähe der Geschütze stehen oft Männer in historischen Uniformen, die mit einer fast rührenden Präzision die Ladevorgänge demonstrieren. Es ist kein billiges Spektakel für Touristen, sondern die Pflege einer Identität, die untrennbar mit der Verteidigung verbunden ist. Malta hat gelernt, dass seine Schönheit Begehrlichkeiten weckt. Die Mauern sind so dick, weil sie es sein mussten. Die Gärten sind so hoch gelegen, weil man den Feind sehen musste, bevor er den Horizont berührte.

Der Blick wandert weiter nach Osten, hinüber zu Fort St. Angelo. Dort saßen die Ritter während der Großen Belagerung und sahen zu, wie ihre Kameraden in Fort St. Elmo fielen. Man kann die Distanz fast mit der Hand abschreiten, so nah liegen Tragödie und Triumph beieinander. Heute spiegeln sich die Masten teurer Yachten im Wasser, und das einzige Feuerwerk, das man hört, ist das der unzähligen Dorffeste, die in den Sommermonaten den Nachthimmel Maltas in ein buntes Chaos verwandeln.

Ein Garten zwischen den Welten

Es gibt Momente, in denen das Licht in Valletta eine Qualität annimmt, die fast metaphysisch wirkt. Am späten Nachmittag, wenn die Sonne tiefer sinkt, verwandelt sich das Gelb der Stadt in ein tiefes, sattes Gold. Die Schatten der Arkaden strecken sich über den Boden und zeichnen lange, dunkle Finger auf die Steinplatten. In Upper Barrakka Gardens Valletta Malta scheint die Luft dann dicker zu werden, gesättigt mit dem Salz des Meeres und dem Duft von Oleander.

Die Menschen, die sich hier versammeln, sprechen oft nur flüsternd, als wollten sie die schwere Würde des Ortes nicht stören. Es ist ein Raum der Reflexion. Man sieht Paare, die sich eng umschlungen die Zukunft ausmalen, während nur wenige Meter entfernt Gedenktafeln an gefallene Soldaten aus fernen Ländern erinnern. Die Paradoxie des Reisens wird hier greifbar: Man flieht vor dem eigenen Alltag, um an einem Ort zu landen, der aus den Überresten von tausend anderen Alltagen erbaut wurde.

Die Bäume im Garten – Pinien, Palmen und Schatten spendende Sträucher – sind eine Seltenheit auf dieser weitgehend baumlosen Insel. Malta ist ein Land aus Stein und Staub, in dem jedes Grün mühsam dem Boden abgerungen werden muss. Vielleicht ist das der Grund, warum die Einheimischen diesen Ort so sehr lieben. Er ist eine Oase, nicht nur im Sinne der Vegetation, sondern als psychologischer Schutzraum vor der Hektik der engen Gassen Vallettas, in denen die Autos hupen und die Touristenmassen sich durch die Republic Street schieben.

Ein schmaler Weg führt zu einer kleinen Gedenkstätte für Sir Alexander Ball, den britischen Offizier, der den Maltesern half, die Franzosen unter Napoleon zu vertreiben. Es ist ein klassischer Tempelbau, klein und bescheiden, fast versteckt zwischen den Blättern. Er erinnert daran, dass Malta immer ein Teil eines größeren Puzzles war. Die Briten brachten die rote Telefonzelle und die Sprache, die Ritter brachten den Glauben und den Prunk, die Araber brachten die Namen der Dörfer und die Struktur der Felder. Alles davon ist in diesem Garten präsent, in einer friedlichen Koexistenz, die man sich für den Rest der Welt nur wünschen kann.

Wenn man sich auf eine der Bänke setzt und die Augen schließt, hört man das ferne Läuten der Glocken von St. John’s Co-Cathedral. Es ist ein tiefer, resonanter Klang, der durch das Gestein bis in die Fußsohlen vibriert. Valletta ist eine Stadt der Glocken. Jede Kirche hat ihre eigene Stimme, und in der Mittagsruhe führen sie ein Zwiegespräch über die Dächer hinweg. Es ist ein Klang, der Generationen überdauert hat, ein akustisches Band, das die Urgroßeltern mit den Kindern von heute verbindet.

Manchmal beobachtet man einen der Gärtner, wie er mit fast zärtlicher Geduld die verdorrten Blätter von den Pflanzen zupft. Es ist eine Sisyphusarbeit in diesem Klima, in dem die Sonne unerbittlich brennt und der Wind oft salzige Gischt über die Mauern trägt. Doch diese Pflege ist ein Akt des Widerstands gegen den Verfall. Valletta wurde in den letzten Jahrzehnten aufwendig restauriert, nachdem es nach dem Krieg lange Zeit vernachlässigt worden war. Der Glanz ist zurückgekehrt, aber es ist ein reifer Glanz, einer, der die Narben der Geschichte nicht versteckt, sondern sie stolz trägt.

Das Gefühl der Erhabenheit, das einen hier oben überkommt, hat viel mit der Vertikalität zu tun. Man steht auf den Schultern von Riesen – oder zumindest auf den Schultern einer gewaltigen menschlichen Anstrengung. Die Bastionen fallen fast senkrecht zum Hafenbecken ab. Es ist ein Schwindel erregender Anblick, der die eigene Bedeutungslosigkeit unterstreicht. Gleichzeitig fühlt man sich jedoch beschützt. Diese Mauern wurden gebaut, um ewig zu halten, und sie vermitteln eine Beständigkeit, die in einer immer schneller werdenden Welt selten geworden ist.

Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu, und das Licht beginnt, sich in Violett- und Purpurtöne zu verwandeln. Die Kreuzfahrtschiffe lösen sich langsam von den Kais, begleitet von den tiefen Tönen ihrer Hörner. Sie wirken wie schwimmende Städte, die sich langsam aus dem Hafen stehlen, um die offene See zu erreichen. Von oben betrachtet sieht es aus wie ein choreografierter Tanz. Die Passagiere an Deck winken vielleicht nach oben, und die Menschen im Garten winken zurück – ein flüchtiger Moment der Verbindung zwischen Sesshaften und Suchenden.

Es gibt keinen besseren Ort, um über die Natur des Wartens nachzudenken. Malta hat Jahrhunderte damit verbracht, auf Schiffe zu warten – auf Entsatzflotten, auf Handelsschiffe mit Getreide, auf die Rückkehr der Söhne aus den Kriegen. In diesem Garten ist dieses Warten in die Substanz übergegangen. Es ist eine geduldige Erwartung, die weiß, dass alles – der Schmerz wie die Freude – irgendwann über den Horizont segelt.

Der alte Mann am Geländer hat seine Zeitung mittlerweile zusammengefaltet. Er schaut nicht mehr auf das Wasser, sondern beobachtet eine kleine Eidechse, die über den warmen Stein huscht. Sie hält kurz inne, hebt den Kopf und verschwindet dann in einer Spalte. Er lächelt fein, ein kurzer Moment der Anerkennung für ein anderes Lebewesen, das hier sein Zuhause gefunden hat. Er hat wahrscheinlich tausende Kanonenschüsse gehört und hunderte Sonnenuntergänge von diesem Punkt aus gesehen. Dennoch scheint er nicht müde zu werden.

Vielleicht ist das das Geheimnis dieses Ortes: Er verlangt nichts von einem. Man muss kein Historiker sein, um die Schwere der Steine zu spüren, und kein Seemann, um die Verlockung des Hafens zu verstehen. Es reicht, einfach da zu sein, den Wind im Gesicht zu spüren und zuzusehen, wie das Licht die Konturen der Stadt langsam weichzeichnet. Die Welt da draußen mag sich verändern, Paradigmen mögen fallen und neue Mächte mögen aufsteigen, aber hier oben bleibt der Rhythmus der gleiche.

Wenn man schließlich den Garten verlässt und durch das Tor zurück in die Stadt tritt, fühlt man sich ein wenig leichter. Die Geräusche der Stadt – das Klappern von Geschirr in den Cafés, das Lachen der Kinder, das ferne Brummen der Fähren – wirken nun weniger wie Lärm und mehr wie eine Fortsetzung der Geschichte, die man gerade oben an der Brüstung gelesen hat. Man trägt ein Stück dieses goldenen Lichts mit sich, eine Wärme, die tiefer geht als die bloße Temperatur der Haut.

Hinter einem schließen sich symbolisch die unsichtbaren Tore einer Zeitkapsel. Der Blick zurück zeigt nur noch die Spitze der Arkaden gegen den dunkler werdenden Himmel. Valletta bereitet sich auf die Nacht vor, die Lampen entlang der Uferpromenade leuchten nacheinander auf wie eine Kette aus Bernstein. Es ist ein Abschied, der sich nicht wie einer anfühlt, weil man weiß, dass dieser Ort morgen genau so wieder da sein wird.

Die Kanone schweigt nun bis zum nächsten Morgen, und die Schatten haben die Gärten vollständig erobert, während unten im Hafen das Wasser leise gegen den uralten Stein klatscht.

MK

Michael Kaiser

Seit Jahren begleitet Michael Kaiser Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit klarer Einordnung.