Wer glaubt, dass E-Scooter nur Spielzeuge für die letzte Meile sind, hat die Entwicklung der letzten zwei Jahre verschlafen. Xiaomi hat mit seinem neuesten Flaggschiff ordentlich nachgelegt und verspricht mehr Power, mehr Reichweite und vor allem mehr Stabilität auf der Straße. In meinem ausführlichen Xiaomi Electric Scooter 4 Pro 2nd Gen Test habe ich das Gefährt durch den Berliner Stadtverkehr gejagt, steile Brücken erklommen und geschaut, ob das Marketing-Blabla der Realität standhält. Eines vorweg: Der Unterschied zum Vorgänger ist spürbar, aber es gibt Details, die mich im Alltag echt nerven.
Warum die zweite Generation alles verändern will
Der Markt für Elektrokleinstfahrzeuge in Deutschland ist hart umkämpft. Wir haben hierzulande die strengen Regeln der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV), die alles auf 20 km/h drosseln. Da stellt man sich die Frage, warum man überhaupt ein "Pro"-Modell braucht. Die Antwort liegt im Drehmoment. Während billige Discounter-Scooter an der kleinsten Steigung schlappmachen, schiebt dieser neue Panzer mit einer Spitzenleistung von 1000 Watt ordentlich an. Das ist ein massiver Sprung.
Früher hatten wir oft das Problem, dass die Reichweitenangaben der Hersteller reine Fantasiewerte waren. Wer 60 Kilometer verspricht, liefert bei 5 Grad Außentemperatur und einem 90-Kilo-Fahrer oft nur 30. Xiaomi verbaut hier nun einen Akku mit 468 Wattstunden. Das klingt erst mal nach viel Holz. Im direkten Vergleich zum Vorgänger wurde das System auf 48 Volt umgestellt. Das ist technisch klug. Höhere Spannung bedeutet oft mehr Effizienz und weniger Hitzeentwicklung beim Beschleunigen.
Der Aufbau und die erste Fahrt
Das Paket kommt schwer an. Wer im vierten Stock ohne Aufzug wohnt, sollte schon mal das Training im Fitnessstudio intensivieren. Rund 19 Kilogramm wiegt das Teil. Das ist kein Leichtgewicht mehr. Dafür wirkt der Rahmen wie aus einem Guss. Nichts klappert. Die Schweißnähte sehen sauber aus. Das Aufklappen geht fix, der Verschlussmechanismus wirkt deutlich sicherer als bei den ersten M365-Modellen von vor ein paar Jahren.
Ich habe den Roller direkt mit der Xiaomi Home App gekoppelt. Ohne Aktivierung piept das Ding ununterbrochen und fährt nur Schrittgeschwindigkeit. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme, die mich jedes Mal aufs Neue nervt, aber man macht es ja nur einmal. Die App zeigt den Akkustand in Prozent an und lässt einen die Energierückgewinnung einstellen. Ich stelle sie immer auf "stark". So brauche ich die mechanische Bremse kaum noch.
Xiaomi Electric Scooter 4 Pro 2nd Gen Test unter extremen Bedingungen
Echte Leistung zeigt sich nicht auf flachem Asphalt bei Sonnenschein. Ich habe den Scooter eine Rampe mit 20 Prozent Steigung hochgeprügelt. Wo andere Modelle auf 12 km/h einbrechen, hielt dieses Gerät tapfer die 20 km/h. Das liegt an der Peak-Leistung. Die Nenndauerleistung liegt zwar bei den gesetzlich vorgeschriebenen 400 Watt, aber kurzzeitig darf das System deutlich mehr Strom ziehen. Das merkt man beim Anfahren an der Ampel. Man ist sofort weg und kein Hindernis für die Fahrradfahrer hinter einem.
Ein Punkt, der oft unterschätzt wird, ist die Reifenbreite. Die 10-Zoll-Reifen sind jetzt 60 Millimeter breit. Das ist ein Segen für Berliner Kopfsteinpflaster. Die Laufruhe ist phänomenal. Man fühlt sich sicherer, besonders in Kurven oder wenn der Asphalt mal wieder Risse hat wie eine ausgetrocknete Wüste. Es sind Schlauchlosreifen mit einer Gelschicht im Inneren. Das soll vor Platten schützen. Ich bin über ein paar Glasscherben gefahren – bisher hält alles dicht.
Licht und Schatten bei der Beleuchtung
Die Blinker sind endlich da. Sie sitzen an den Lenkerenden. Das ist in Deutschland mittlerweile fast Standard bei Premium-Modellen, aber Xiaomi hat es hier wirklich gut gelöst. Die Tasten am Lenker sind gut erreichbar. Man muss die Hand nicht vom Griff nehmen, um anzuzeigen, wo man hinwill. Das ist ein riesiger Sicherheitsgewinn. Wer einmal einhändig auf 10-Zoll-Rädern versucht hat, Handzeichen zu geben, weiß, wie schnell man da auf der Nase liegen kann.
Das Frontlicht ist hell genug, um den Weg vor sich zu sehen, aber es könnte einen Tick breiter streuen. Das Rücklicht blinkt beim Bremsen. Das ist in Deutschland eigentlich nicht erlaubt, wird aber oft toleriert, solange es eine allgemeine Betriebserlaubnis gibt. Wer sich für die rechtlichen Rahmenbedingungen interessiert, kann beim Kraftfahrt-Bundesamt die Details zur Typgenehmigung nachlesen. Es ist beruhigend zu wissen, dass man hier legal unterwegs ist und keine Angst vor der Polizei haben muss.
Akkulaufzeit und Ladezyklen in der Praxis
Reden wir über die Reichweite. Xiaomi gibt 60 Kilometer an. In meinem Alltagstest bei ca. 15 Grad und einem Fahrergewicht von 85 Kilogramm bin ich auf reale 42 Kilometer gekommen. Das ist ein guter Wert. Man darf nicht vergessen, dass ich viel im Sport-Modus gefahren bin. Wer im Drive-Modus mit 15 km/h rumeiert, schafft vielleicht die 50 Kilometer. Aber wer will das schon?
- Realistische Reichweite (Mix aus Stadt/Steigung): ca. 40-45 km
- Ladezeit von 0 auf 100 Prozent: ca. 9 Stunden
- Energieverbrauch pro 100 km: ca. 1,1 kWh
Das Aufladen dauert ewig. Da führt kein Weg dran vorbei. Wer den Roller leer fährt, muss ihn über Nacht an die Strippe hängen. Das Ladegerät wird dabei ordentlich warm, aber nicht besorgniserregend heiß. Ein schnelleres Ladegerät wäre schön gewesen, aber das würde vermutlich die Lebensdauer der Zellen verkürzen. Xiaomi nutzt hier Lithium-Ionen-Zellen, die auf Langlebigkeit getrimmt sind.
Das Bremssystem im Härtetest
Sicherheit ist wichtiger als Speed. Der Roller hat vorne eine Trommelbremse und hinten eine elektrische Bremse mit E-ABS. Warum eine Trommelbremse? Sie ist wartungsarm. Scheibenbremsen verziehen sich oft oder schleifen, wenn man mal gegen einen Bordstein kommt. Die Bremskraft der Trommel ist im Xiaomi Electric Scooter 4 Pro 2nd Gen Test absolut ausreichend. Bei einer Gefahrenbremsung aus 20 km/h stand ich nach knapp 2,5 Metern. Das ist ein Spitzenwert.
Die elektrische Bremse hinten arbeitet sehr feinfühlig. Man merkt, wie die Energie zurück in den Akku fließt. Das schont nicht nur die Beläge vorne, sondern gibt einem auch ein sehr kontrolliertes Gefühl beim Bergabfahren. Man wird nicht einfach schneller, sondern der Motor hält einen bei der gewählten Geschwindigkeit. Das System regelt so sauber ab, dass man kein Ruckeln spürt.
Komfort und Ergonomie auf langen Strecken
Das Deck ist breit genug, dass man beide Füße bequem nebeneinander oder versetzt abstellen kann. Die Gummierung bietet massig Grip, selbst wenn die Schuhe vom Regen nass sind. Was allerdings fehlt, ist eine echte Federung. Ja, die dicken Reifen schlucken viel weg. Aber bei tiefen Schlaglöchern schlägt es direkt in die Handgelenke durch. Wer Rückenprobleme hat, sollte sich vielleicht eher Modelle mit Schwingarmen anschauen. Für den normalen Stadtpendler reicht der Komfort aber völlig aus.
Der Lenker ist recht hoch gewachsen. Für Menschen unter 1,60 Meter könnte er fast schon zu hoch sein. Für mich mit 1,85 Meter passt es perfekt. Man steht aufrecht und hat eine gute Übersicht über den Verkehr. Das Display ist schlicht. Es zeigt Geschwindigkeit, Modus und Lichtstatus an. Bei direkter Sonneneinstrahlung spiegelt es ein wenig, bleibt aber lesbar. Mehr Schnickschnack brauche ich während der Fahrt eigentlich nicht.
Die App-Anbindung und smarte Features
Ich bin kein großer Fan davon, für alles eine App zu brauchen. Aber die Integration hier ist sinnvoll. Man kann eine elektronische Wegfahrsperre aktivieren. Der Roller blockiert dann den Motor und piept, wenn er bewegt wird. Das ersetzt natürlich kein echtes Schloss, aber es schreckt Gelegenheitsdiebe ab, die den Scooter im Vorbeigehen einfach wegtragen wollen.
In der App lassen sich auch Fahrdaten auslesen. Wie viele Kilometer bin ich insgesamt gefahren? Wie ist der Zustand der Akkuzellen? Solche Infos sind Gold wert, wenn man das Gerät später mal gebraucht verkaufen will. Ein gepflegter Akku ist das Herzstück des Wiederverkaufswerts. Man kann sogar einstellen, dass das Rücklicht dauerhaft leuchtet, was die Sichtbarkeit deutlich erhöht.
Alltagscheck: Mitnehmen in Bahn und Bus
Hier wird es schwierig. Wie ich schon sagte, wiegt das Ding fast 20 Kilo. Der Klappmechanismus ist zwar stabil, aber das Paket ist immer noch recht sperrig. In einer vollen Berliner S-Bahn macht man sich damit keine Freunde. Er passt in den Kofferraum eines VW Golf, aber dann ist der halbe Platz auch weg. Wer den Roller täglich drei Stockwerke hochtragen muss, sollte sich das gut überlegen. Er ist eher ein Fahrzeug zum Fahren, kein Gerät zum ständigen Tragen.
Ein wichtiger Hinweis zur Versicherung: In Deutschland braucht man eine Haftpflichtversicherung und ein entsprechendes Kennzeichen (Aufkleber). Die Kosten liegen meist zwischen 30 und 60 Euro pro Jahr. Den Aufkleber klebt man einfach hinten auf das Schutzblech. Da ist eine extra Fläche dafür vorgesehen. Das Schutzblech selbst wirkt übrigens stabiler als bei den Vorgängern, wo es oft abgebrochen ist, wenn man versehentlich draufgetreten ist.
Vergleich mit der Konkurrenz
Wenn man sich umschaut, was Segway-Ninebot oder spezialisierte deutsche Marken wie SXT Scooters anbieten, steht Xiaomi verdammt gut da. Preislich liegt das Modell oft im Mittelfeld, bietet aber eine Verarbeitungsqualität, die viele Billigmarken alt aussehen lässt. Der größte Konkurrent ist wahrscheinlich der Ninebot Max G2, der zwar eine Federung hat, aber oft auch deutlich teurer ist.
Man merkt einfach, dass Xiaomi aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Das Kabelmanagement ist sauberer gelöst, die Software läuft stabil und die Ersatzteilversorgung ist durch die hohe Verbreitung der Marke meistens gesichert. Das ist ein wichtiger Punkt: Was nützt mir der tollste Scooter, wenn ich nach einem Jahr keinen Ersatzreifen oder Bremsbelag mehr bekomme?
Was mir nicht gefallen hat
Nichts ist perfekt. Mich stört massiv, dass die Ladebuchse so weit unten am Trittbrett sitzt. Man muss sich immer tief bücken und die Gummiabdeckung ist fummelig. Außerdem ist die Beschleunigung im Eco-Modus fast schon gefährlich langsam. Wer an der Ampel im falschen Modus startet, kommt kaum vom Fleck. Warum es diesen Modus überhaupt gibt, erschließt sich mir nicht ganz, da man mit dem Gashebel ja sowieso fein dosieren kann.
- Fummelige Ladeklappe
- Hohes Gewicht beim Tragen
- Kein Schnellladegerät im Lieferumfang
- Fehlende mechanische Klingel (die elektronische ist manchmal zu leise oder wird von Fußgängern nicht als Roller erkannt)
Die elektronische Hupe klingt eher wie ein Piepsen eines Spielzeugautos. Fußgänger reagieren darauf oft gar nicht, weil sie das Geräusch nicht einordnen können. Ich habe mir für 5 Euro eine klassische mechanische Klingel an den Lenker geschraubt. Das funktioniert im Alltag deutlich besser.
Wartung und Pflege im Winter
E-Scooter hassen Salz und extreme Kälte. Wenn du deinen Scooter liebst, fährst du nicht durch Schneematsch. Das Salz frisst sich in jede Ritze und kann die Elektronik beschädigen, auch wenn der Roller nach IPX4 oder IPX5 geschützt ist. Nach einer Fahrt im Regen wische ich das Gerät immer mit einem trockenen Tuch ab. Besonders die Lager an den Rädern danken es einem mit einer längeren Lebensdauer.
Den Akku sollte man im Winter nicht in der kalten Garage lagern. Ich nehme den Roller mit in die Wohnung. Lithium-Ionen-Akkus fühlen sich bei Zimmertemperatur am wohlsten. Wenn man ihn länger nicht benutzt, sollte er bei etwa 60 Prozent Ladung gelagert werden. Ihn randvoll oder ganz leer über Monate stehen zu lassen, ist der sichere Tod für die Kapazität.
Wer sollte hier zugreifen?
Dieser Roller ist perfekt für Pendler, die eine Strecke von 5 bis 15 Kilometern einfach zu bewältigen haben und dabei auch mal über eine Brücke oder durch hügeliges Gelände müssen. Er ist kein Spielzeug für Kinder, sondern ein ernsthaftes Verkehrsmittel. Durch die Straßenzulassung ist man rechtlich auf der sicheren Seite, was mir persönlich extrem wichtig ist.
Wer hingegen nur mal kurz zum Bäcker um die Ecke will und im fünften Stock wohnt, sollte sich vielleicht eher das "Lite"-Modell oder den normalen "4er" anschauen. Die Leistung des Pro-Modells braucht man wirklich nur, wenn man Reichweite und Kraft am Berg will. Für flache Städte wie Münster ist es fast schon Overkill – aber Leistung zu haben und sie nicht zu brauchen, ist bekanntlich besser als andersherum.
Praktische Tipps für den Erstkauf
Bevor du losfährst, solltest du unbedingt den Reifendruck prüfen. Viele Scooter werden mit zu wenig Luft ausgeliefert. Ich fahre meine 10-Zoller meist mit 3,5 Bar. Das reduziert den Rollwiderstand und erhöht die Reichweite massiv. Zu wenig Luft sorgt nicht nur für ein schwammiges Fahrgefühl, sondern erhöht auch das Risiko für Durchschläge, wenn man mal über eine Bordsteinkante fährt.
Zudem solltest du dir direkt ein ordentliches Schloss zulegen. Ein einfaches Kabelschloss schneidet jeder Profi in drei Sekunden durch. Ein massives Faltschloss oder ein Bügelschloss ist Pflicht, wenn der Roller länger als fünf Minuten unbeaufsichtigt bleibt. Ich befestige mein Schloss immer am Rahmen, direkt über dem Klappmechanismus.
- Luftdruck auf 3,2 bis 3,8 Bar prüfen (je nach Gewicht).
- Alle Schrauben am Lenker nach den ersten 50 Kilometern einmal nachziehen.
- Die Xiaomi Home App installieren und nach Firmware-Updates suchen.
- Versicherung abschließen und Aufkleber gut sichtbar anbringen.
- Mechanische Klingel nachrüsten, falls die elektronische nicht ausreicht.
Man muss sich im Klaren sein, dass ein E-Scooter Pflege braucht. Es ist ein Fahrzeug, kein Haushaltsgerät. Wer das beachtet, wird mit diesem Modell sehr lange Spaß haben. Die technische Basis ist solide und die Software-Updates von Xiaomi kommen regelmäßig, um kleine Bugs auszumerzen oder das Batteriemanagement zu optimieren. Am Ende ist es die Summe der kleinen Details, die dieses Paket so rund machen. Es gibt vielleicht schnellere oder leichtere Scooter, aber in der Summe der Eigenschaften für den deutschen Markt ist das hier eine ganz starke Ansage. Wer ein zuverlässiges Arbeitstier sucht, macht hier wenig falsch. Die Leistung am Berg und die stabile Straßenlage durch die breiten Reifen sind die echten Highlights, die den Alltag erleichtern.