Manche Kinogänger hielten den Versuch für mutig, einen Helden der viktorianischen Ära in die moderne Kinolandschaft zu zerren, ohne dabei die rassistischen Untertöne der Vorlage komplett zu ignorieren. Als The Legend Of Tarzan Movie im Jahr 2016 in die Kinos kam, versprachen die Macher eine Dekonstruktion des Mythos vom weißen Retter. Sie platzierten den Protagonisten in den historischen Kontext des belgischen Genozids im Kongo und stellten ihm mit George Washington Williams eine reale historische Figur zur Seite, die gegen die Gräueltaten von König Leopold II. kämpfte. Doch wer genau hinsah, erkannte schnell, dass diese historische Erdung lediglich als moralisches Schutzschild diente. Es war der Versuch, eine Figur zu rehabilitieren, deren gesamte Existenzberechtigung auf der Überlegenheit des westlichen Menschen über die Natur und die ursprüngliche Bevölkerung basiert. Wer glaubt, dieser Film sei ein progressiver Schritt weg von den Klischees des frühen 20. Jahrhunderts gewesen, übersieht die perfide Mechanik, mit der hier alte Machtstrukturen unter dem Deckmantel der Wiedergutmachung zementiert wurden.
Der Film beginnt nicht im Dschungel, sondern in den polierten Hallen Londons. John Clayton III. ist dort ein zivilisierter Lord, der seine wilde Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Diese Prämisse soll uns suggerieren, dass der Mensch seine animalischen Instinkte zügeln kann, solange er der richtigen Klasse angehört. Doch die Erzählung braucht das Spektakel. Sie braucht den Moment, in dem der aristokratische Körper die Kleidung abstreift und zeigt, dass er den Einheimischen in ihrem eigenen Lebensraum überlegen ist. Hier liegt der fundamentale Irrtum der Rezeption: Man feierte die visuelle Brillanz und den Verzicht auf allzu plumpe Karikaturen, während man gleichzeitig akzeptierte, dass ein weißer Mann nach Jahren der Abwesenheit zurückkehrt, um ein ganzes Land vor einem europäischen Despoten zu retten. Das ist kein Bruch mit der Tradition von Edgar Rice Burroughs, sondern deren ästhetische Verfeinerung für ein Publikum, das sich nicht mehr traut, offen über koloniale Überlegenheit zu lachen, sie aber im Kino immer noch als unterhaltsame Prämisse konsumiert.
Die versteckte Arroganz hinter The Legend Of Tarzan Movie
Die Entscheidung, reale Gräueltaten wie die im Kongo-Freistaat als Hintergrundrauschen für ein Action-Spektakel zu nutzen, ist moralisch fragwürdig. In den Geschichtsbüchern war der Kongo unter Leopold II. ein Ort unvorstellbaren Leids, geprägt von Zwangsarbeit und systematischer Verstümmelung. Wenn nun The Legend Of Tarzan Movie diese Kulisse wählt, erhebt er den Anspruch, politisch relevant zu sein. Doch die Kamera konzentriert sich lieber auf die perfekt definierten Muskeln des Hauptdarstellers Alexander Skarsgård als auf das systemische Leid der kongolesischen Bevölkerung. Die Einheimischen fungieren im Skript primär als Stichwortgeber oder als beeindruckte Zeugen der übermenschlichen Fähigkeiten des Lords. Sie kämpfen zwar mit, aber sie führen nicht an. Die wirkliche Handlungsfähigkeit bleibt bei den westlichen Akteuren, egal ob sie nun als Schurken wie Leon Rom oder als geläuterte Helden auftreten.
Das Paradoxon des George Washington Williams
Samuel L. Jackson spielt Williams mit einer Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit. Seine Rolle ist das Alibi des Films. Williams war ein echter Pionier, ein afroamerikanischer Politiker und Journalist, der die Weltöffentlichkeit über die Zustände im Kongo informierte. Dass er im Film zum Sidekick degradiert wird, der kaum mit dem Tempo des weißen Helden mithalten kann und ständig Witze über sein Alter oder seine mangelnde Fitness reißt, entlarvt die wahre Intention der Produktion. Man wollte die historische Schwere mitnehmen, ohne die Hierarchie des Heldenmythos anzutasten. Williams darf die moralischen Fragen stellen, aber Clayton muss die physischen Lösungen liefern. Das System der Erzählung bleibt starr. Es ist eine Form von Revisionismus, die sich progressiv gibt, aber im Kern tief konservativ bleibt, weil sie die Erlösung des afrikanischen Kontinents wieder einmal in die Hände eines Mannes legt, der das Produkt genau jenes Empires ist, das die Ausbeutung erst ermöglichte.
Ich habe beobachtet, wie das europäische Publikum auf diese Darstellung reagierte. Es herrschte eine Erleichterung darüber, dass man Tarzan endlich gucken konnte, ohne sich für den Rassismus der alten Schwarz-Weiß-Filme schämen zu müssen. Aber diese Erleichterung ist trügerisch. Sie verhindert eine echte Auseinandersetzung mit der Frage, warum wir im Jahr 2016 überhaupt noch eine Geschichte brauchten, in der ein Aristokrat mit Affen spricht, um einen Kontinent zu retten. Die visuelle Sprache des Werks ist dabei so verführerisch, dass die ideologischen Risse im Fundament kaum auffallen. Die Nebelwälder und die majestätischen CGI-Tiere erzeugen eine Ehrfurcht, die den kritischen Verstand vernebelt. Wir sehen die Schönheit der Natur und vergessen, dass diese Natur hier nur als Arena für die Selbstfindung eines weißen Mannes dient.
Die Mechanik der Sehnsucht nach dem edlen Wilden
Es gibt eine tiefe Sehnsucht in der westlichen Kultur nach dem Kontakt mit dem Ursprünglichen. Tarzan verkörpert diesen Kontakt seit über einhundert Jahren. Er ist die Brücke zwischen der sterilen Zivilisation und der rohen Kraft der Wildnis. In dieser speziellen Verfilmung wird dieser Kontakt jedoch als eine Art göttliches Recht inszeniert. Clayton ist nicht einfach nur im Dschungel aufgewachsen; er ist sein rechtmäßiger Herrscher. Das ist der Punkt, an dem die Argumentation der Filmemacher, sie hätten eine moderne Version geschaffen, in sich zusammenbricht. Wenn die Verbindung zur Natur an eine bestimmte Blutlinie oder an die Überlegenheit der westlichen Physis geknüpft wird, reproduziert man die Denkmuster des 19. Jahrhunderts fast eins zu eins. Man hat lediglich die groben Beleidigungen durch bessere Spezialeffekte ersetzt.
Die Tiere im Film sind ein weiteres Beispiel für diese problematische Dynamik. Sie werden als loyale Untergebene dargestellt, die nur darauf warten, dass ihr Anführer zurückkehrt. Die Biologie wird hier der Dramaturgie geopfert, was in einem Fantasy-Film akzeptabel wäre, in einem Werk mit historischem Anspruch jedoch die Grenzen zum Absurden überschreitet. Es suggeriert eine Harmonie, die es nie gab. Die reale Geschichte des Dschungels ist eine der harten Selektion und nicht der interspezifischen Solidarität unter einem menschlichen König. Indem man dieses Bild zeichnet, entzieht man der afrikanischen Landschaft ihre reale Autonomie und macht sie zu einem Spielplatz für westliche Projektionen. Man kann nicht behaupten, die Geschichte ernst zu nehmen, wenn man gleichzeitig Löwen und Gorillas wie eine Privatarmee für einen Lord aus London agieren lässt.
Was mich an der Diskussion über diesen Film am meisten irritiert, ist die Behauptung, er sei eine Antwort auf den White Savior Complex. In Wahrheit ist er dessen ultimative Vollendung. Ein echter Bruch mit dem Tropus hätte bedeutet, George Washington Williams zur zentralen Figur zu machen und Clayton an den Rand zu drängen. Man hätte zeigen können, wie die kongolesischen Stämme sich selbst organisierten, anstatt sie als jubelnde Statisten im Hintergrund zu zeigen, während der Held im Lianen-Express an ihnen vorbeirauscht. Aber das hätte bedeutet, das kommerzielle Potenzial der Marke Tarzan zu opfern. Das Studio wollte den Namen, die Muskeln und die Nostalgie, ohne den ideologischen Ballast offen zu tragen. Also hat man den Ballast einfach in den Schatten der historischen Referenzen gestellt, in der Hoffnung, dass niemand das Licht anknipst.
Man muss die Produktionsbedingungen verstehen, um zu begreifen, warum der Film so ist, wie er ist. Hollywood-Blockbuster dieser Größenordnung sind Risikogeschäfte. Man setzt auf das, was bekannt ist. Die Marke Tarzan ist weltweit bekannt. Doch die Marke ist vergiftet. Die Lösung der Produzenten war eine Art moralische Reinwaschung durch Kontextualisierung. Aber man kann eine Figur, die auf dem Gedanken der Rassenhierarchie basiert, nicht einfach in einen Anti-Kolonialismus-Film stecken, ohne dass die Nähte platzen. Es ist, als würde man versuchen, ein quadratisches Klötzchen in eine runde Öffnung zu pressen; es funktioniert nur, wenn man die Kanten so weit abschleift, bis vom Original kaum noch etwas übrig ist – oder wenn man die Öffnung so weit verbiegt, dass sie ihre ursprüngliche Form verliert.
Die schauspielerische Leistung von Skarsgård ist dabei fast zweitrangig. Er liefert genau das ab, was verlangt wurde: eine stoische, fast schon schmerzhaft physische Präsenz. Aber diese Präsenz unterstreicht nur das Problem. In einer Welt, die nach Gleichberechtigung und dem Aufbrechen alter Narrative strebt, wirkt dieser hyper-maskuline, überlegene weiße Körper wie ein Anachronismus, der sich weigert zu sterben. Er steht symbolisch für die Unfähigkeit der Unterhaltungsindustrie, sich von alten Helden zu trennen, selbst wenn deren Zeit längst abgelaufen ist. Es geht hier nicht um die Qualität der Kameraarbeit oder die Effektivität des Sounddesigns. Es geht um die Frage, welche Geschichten wir uns erzählen, um unsere eigene Geschichte zu rechtfertigen.
Wenn man heute auf das Jahr 2016 zurückblickt, wird klar, dass dieser Film ein Symptom einer Übergangsphase war. Man wollte die Vergangenheit nicht loslassen, war aber auch nicht bereit, sie in ihrer ganzen Hässlichkeit stehen zu lassen. Das Ergebnis war ein Hybrid, der weder als reine Abenteuergeschichte noch als politisches Drama funktionierte. Er war zu ernst für das eine und zu oberflächlich für das andere. Die Kritik an der Darstellung des Kongo wurde oft mit dem Argument abgetan, es handele sich doch nur um einen Unterhaltungsfilm. Aber Unterhaltung ist niemals neutral. Sie formt unser Verständnis von Macht, Heldentum und Zugehörigkeit. Und in dieser Hinsicht hat der Film versagt, weil er uns glauben machen wollte, dass man koloniale Mythen heilen kann, indem man sie einfach nur etwas dunkler und ernster anstreicht.
Skeptiker werden nun einwenden, dass der Film doch immerhin die Verbrechen Leopolds II. einem Massenpublikum bekannt gemacht hat. Das ist ein valider Punkt. Viele Menschen haben vermutlich zum ersten Mal von Leon Rom oder der Force Publique gehört. Aber zu welchem Preis? Wenn die Aufklärung über einen Völkermord nur als Beilage zu einem Action-Spektakel serviert wird, entwertet das das Leid der Opfer. Es wird zur Kulisse degradiert. Einzelschicksale der Kongolesen werden kaum beleuchtet; sie bleiben eine namenlose Masse, die gerettet werden muss. Wirkliche Bildung sieht anders aus. Wirkliche Empathie erfordert, dass die Betroffenen selbst zu Wort kommen, anstatt nur Statisten in der Geschichte ihrer eigenen Unterdrückung zu sein.
Die eigentliche Gefahr solcher Produktionen liegt in ihrer Bequemlichkeit. Sie erlauben es uns, uns gut zu fühlen, während wir dieselben alten Hierarchien konsumieren. Wir können uns einreden, dass wir aufgeklärt sind, weil der Film die bösen Belgier zeigt, während wir gleichzeitig den überlegenen Lord Clayton feiern. Es ist eine Form von kognitiver Dissonanz, die durch das Medium Film perfekt bedient wird. Wir sehen das, was wir sehen wollen: einen Helden, der alles richtig macht, in einer Welt, die alles falsch macht. Dass der Held selbst Teil des Problems ist, wird elegant umschifft. Er ist der gute Weiße, der die schlechten Weißen besiegt, und damit ist die moralische Weltordnung für den Zuschauer wiederhergestellt.
Doch die Weltordnung des 21. Jahrhunderts ist komplexer. Sie verlangt nach Stimmen, die nicht in London oder Hollywood geformt wurden. Sie verlangt nach Geschichten, die den Dschungel nicht als Metapher für das Wilde oder das Unzivilisierte nutzen, sondern als einen Lebensraum mit eigener Würde und Geschichte. Ein Film, der diesen Namen verdient hätte, müsste den Mythos Tarzan sterben lassen, damit etwas Neues entstehen kann. Er müsste den Mut haben, die Lianen zu kappen und den Blick auf die Menschen zu richten, die dort schon immer lebten, ohne auf einen Erlöser von außen zu warten. Solange wir das nicht tun, bleiben wir in einer cineastischen Zeitschleife gefangen, die uns zwar technisch beeindruckt, uns aber intellektuell und moralisch keinen Millimeter voranbringt.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus der Betrachtung dieses Werks. Es zeigt uns die Grenzen der erzählerischen Kosmetik auf. Man kann ein Haus nicht stabilisieren, indem man nur die Fassade neu streicht, wenn das Fundament morsch ist. Der Mythos des Dschungelkönigs ist dieses morsche Fundament. Er ist unzertrennlich mit einer Zeit verbunden, in der die Welt in Herren und Diener eingeteilt war. Jede moderne Version, die versucht, diese Figur zu retten, ohne das Prinzip des Königs an sich infrage zu stellen, ist zum Scheitern verurteilt. Es ist eine Lektion über die Macht der Bilder und die Trägheit unserer kulturellen Fantasie. Wir halten an Figuren fest, die uns eigentlich nichts mehr zu sagen haben, weil wir Angst davor haben, die Leere zu füllen, die ihr Verschwinden hinterlassen würde.
Der Film hat es nicht geschafft, die Legende zu modernisieren, sondern hat uns nur gezeigt, wie verzweifelt wir an veralteten Helden hängen. Wer die wahre Geschichte des Kongo und der kolonialen Ausbeutung verstehen will, sollte die Fernbedienung weglegen und zu den Berichten von Williams selbst oder zu moderner afrikanischer Literatur greifen. Dort findet man die Stimmen, die in den Blockbustern zum Schweigen gebracht werden. Es ist an der Zeit, den Dschungel von den Projektionen des Westens zu befreien und anzuerkennen, dass wahres Heldentum nicht in der Beherrschung der Natur oder anderer Menschen liegt, sondern in der Kraft, sich den eigenen Mythen kritisch entgegenzustellen.
Wahre Größe zeigt sich nicht darin, wie elegant man durch die Bäume schwingt, sondern darin, wann man endlich den Mut aufbringt, den Boden der Realität zu betreten und die Bühne denen zu überlassen, die viel zu lange im Schatten der Legenden standen.